Rekrutierung im Gefängnis

Russland sucht verzweifelt Soldaten

AP/tpfi

12.8.2022

Die Regierung in Moskau setzt inzwischen auf verdeckte Rekrutierungsmassnahmen etwa in Gefängnissen, um den Mangel an Kämpfern im Angriffskrieg gegen die Ukraine auszugleichen. 
Die Regierung in Moskau setzt inzwischen auf verdeckte Rekrutierungsmassnahmen etwa in Gefängnissen, um den Mangel an Kämpfern im Angriffskrieg gegen die Ukraine auszugleichen. 
Archivbild: Uncredited/AP/dpa

Seit Beginn der Invasion in der Ukraine sind schon viele russische Soldaten getötet worden. Etliche weitere verweigern inzwischen den Kampfeinsatz. Um neue Kämpfer anzuwerben, greift Moskau zu unkonventionellen Massnahmen.

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12.8.2022

Die Gefangenen in der Strafkolonie in St. Petersburg hatten einen Besuch von Beamten zu einer Art Inspektion erwartet. Stattdessen trafen uniformierte Männer ein und boten ihnen eine Amnestie an – falls sie sich bereit erklären, an der Seite der russischen Streitkräfte in der Ukraine zu kämpfen.

In den Tagen darauf verliess nach Angaben einer Angehörigen etwa ein Dutzend Freiwilliger das Gefängnis. Auch ihr inhaftierter Freund habe über das Angebot nachgedacht, sich aber dagegen entschieden, sagte die Frau, deren Partner dort gerade eine Haftstrafe verbüsst.

Trotz der anhaltenden Verluste Russlands in der Ukraine verzichtet der Kreml bislang auf eine umfassende Mobilmachung – denn ein solcher Schritt könnte sich sehr nachteilig auf die Popularität von Präsident Wladimir Putin auswirken. Stattdessen setzt die Regierung auf verdeckte Rekrutierungsmassnahmen etwa in Gefängnissen, um den Mangel an Kämpfern auszugleichen.

Suche nach Militärexperten über Jobportale

Berichten zufolge verweigern Hunderte russische Soldaten den Kampfeinsatz und wollen ihren Dienst quittieren. Sowohl Altgediente als auch Neuzugänge wollten in grosser Zahl das Kriegsgebiet verlassen, sagt der Anwalt Alexej Tabalow, Leiter der Rechtsberatung an der Schule für Wehrkunde: «Ich habe den Eindruck, dass jeder, der kann, bereit ist wegzulaufen.» Zugleich unternehme das Verteidigungsministerium grosse Anstrengungen, Männer vom Wehrdienst zu überzeugen.

Obwohl das Ministerium jegliche Aktivitäten zur Mobilisierung dementiert, sind diese offenkundig. In verschiedenen Regionen werden junge Männer auf Plakaten und mit Aushängen in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgerufen, sich der Berufsarmee anzuschliessen. In mehreren Städten richteten die Behörden mobile Rekrutierungszentren ein, unter anderem am Veranstaltungsort eines Halbmarathons in Sibirien im Mai.

Regionalverwaltungen bilden «Freiwilligen-Bataillone», die im Staatsfernsehen beworben werden. Die Wirtschaftszeitung «Kommersant» zählte mindestens 40 solcher Einheiten in 20 Regionen. Die Behörden versprechen Rekruten einen monatlichen Sold zwischen umgerechnet rund 2100 und fast 5400 Euro plus Boni. In Jobportalen werden Tausende Stellen für Militärexperten angeboten.

«Häftlings-Bataillone» wie im 2. Weltkrieg

Nach Angaben der britischen Streitkräfte hat Russland aus «Freiwilligen-Bataillonen» eine neue grosse Bodeneinheit mit der Bezeichnung 3. Armeekorps gebildet. Dafür würden Männer im Alter bis 50 gesucht, die lediglich über einen mittleren Schulabschluss verfügen müssten und denen «lukrative Cash-Boni» geboten würden, sobald sie in der Ukraine stationiert seien. Tabalow erklärte, er erhalte seit August Anfragen nach Rechtsbeistand von Reservisten, die zu einem zweimonatigen Training in der Nähe der ukrainischen Grenze einberufen worden seien.

Die Rekrutierung von Gefangenen läuft seit einigen Wochen in bis zu sieben Regionen, wie Wladimir Osetschkin sagt, Gründer der Organisation Gulagu.net, die sich für die Rechte von Häftlingen einsetzt. Er beruft sich auf Insassen und deren Angehörige, die seine Gruppe kontaktierte.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Behörden zu seiner solchen Taktik greifen: Schon im Zweiten Weltkrieg hatte die Sowjetunion «Häftlings-Bataillone» eingesetzt. Auch ist Russland damit nicht allein. Schon zu Beginn des Kriegs vor fast sechs Monaten hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj inhaftierten Veteranen eine Amnestie angeboten, falls sie sich freiwillig zum Kampfeinsatz verpflichten. Was daraus wurde, ist allerdings nicht bekannt.

Viele Freiwillige wollen schon wieder aussteigen

Aktuell sei es nicht das russische Verteidigungsministerium, das Gefangene rekrutiere, sondern die private paramilitärische Wagner-Gruppe, sagt Osetschkin. Zunächst sei lediglich Häftlingen mit Militär- oder Polizeierfahrung ein Einsatz in der Ukraine angeboten worden. Dies sei später jedoch auf Insassen mit anderem Hintergrund erweitert worden, erklärt der Experte. Seiner Schätzung nach könnten sich bis Ende Juli etwa 1500 Männer beworben haben. Viele dieser Freiwilligen hätten ihn inzwischen kontaktiert, weil sie aus den Verträgen wieder aussteigen wollten.

Die Frau, deren Freund in der Strafkolonie in St. Petersburg einsitzt, bezeichnet die Angebote an die Gefangenen als Hoffnungsschimmer auf Freiheit. Nach Angaben ihres Partners seien von elf Freiwilligen jedoch acht in der Ukraine getötet worden. Ein Freiwilliger habe Bedauern über seine Entscheidung geäussert und gesagt, dass er nicht damit rechne, lebend nach Hause zurückzukehren.

Die Angaben der Frau konnten nicht unabhängig bestätigt werden, stehen aber in Einklang mit etlichen Berichten von unabhängigen russischen Medien und Menschenrechtsgruppen. Diesen zufolge lag die Zahl der Soldaten, die sich weigern, in der Ukraine zu kämpfen, bereits im Juli bei mehreren Hundert. Wer seinen Vertrag beenden wolle, müsse allerdings mit Folgen rechnen – bis hin zur Festnahme.

Nach Ansicht des Militäranalysten Michael Kofmann muss sich die russische Regierung weiter darauf einstellen, dass Soldaten den Kampf verweigern. Die Fähigkeit Russlands, «sich mit Halbheiten durchzuschlagen» sei aber nicht zu unterschätzen, betonte der Direktor des Programms für Russland-Studien am Zentrum für Marine-Analysen der USA kürzlich in einem Podcast. «Und sie haben viele Massnahmen ergriffen, um die Menschen auf Linie zu halten. Aber ultimativ haben sie nicht allzu viele Möglichkeiten.»