USA besorgt über wachsende Zahl von Radiowellen-Angriffen

Von Nomaan Merchant, Robert Burns und Eric Tucker, AP

26.5.2021 - 00:00

epa04883545 The US flag flies at the reinaugurated US embassy to Cuba in Havana, Cuba, 14 August 2015. The embassy was closed in 1961 when the Eisenhower administration severed diplomatic ties with the Cuban government. The new US embassy will be in the same building that housed the mission when the stars-and-stripes were last lowered 54 years ago - overlooking the iconic Malecon seaside esplanade. Cuba formally opened its embassy in Washington in July 2015, as Washington and Havana take another step in repairing their long-fractured ties. EPA/ROLANDO PUJOL
Experten bezeichnen die Fälle als «Havanna-Syndrom», denn die ersten 2016 betrafen US-Botschaftspersonal in Kuba.
KEYSTONE/EPA/ROLANDO PUJOL

US-Botschaftsangehörige in Kuba hatten 2016 als erste davon berichtet – von plötzlichen Kopfschmerzen, Schwindel und anderen Symptomen, oft nach kreischenden Geräuschen. Seitdem hat die Zahl der Fälle drastisch zugenommen. Aber das Rätsel ist weiter ungelöst.

Von Nomaan Merchant, Robert Burns und Eric Tucker, AP

26.5.2021 - 00:00

Die Biden-Regierung in Washington steht unter wachsendem Druck, ein Rätsel zu lösen, das schon ihre Vorgänger geplagt hat: Greift ein Feind die Gehirne von Diplomaten, Militärangehörigen und Spionen mit Mikro- oder Radiowellen an? Die Zahl von berichteten Fällen möglicher Attacken hat in der jüngsten Vergangenheit deutlich zugenommen, und Parlamentarier beider Parteien sowie mutmasslich Betroffene verlangen Antworten.

Aber Wissenschaftler und Regierungsbeamte sind sich noch nicht sicher, was vor sich geht – ob es sich um gezielte Angriffe handelt und wer dahinter stecken könnte, oder ob die gemeldeten Symptome vielleicht unbeabsichtigt durch Überwachungsgeräte verursacht wurden. Sollte sich herausstellen, dass ein Gegner am Werke ist, würde das unweigerlich Rufe nach einer harten Antwort der USA auslösen. Auf jeden Fall hat die Regierung versichert, dass sie die Angelegenheit ernst nehme, intensive Untersuchungen im Gange seien und für gute medizinische Betreuung der Betroffenen gesorgt werde.

«Havanna-Syndrom»

Experten bezeichnen die Fälle als «Havanna-Syndrom», denn die ersten 2016 betrafen US-Botschaftspersonal in Kuba. Inzwischen werden fast 130 Vorkommnisse in verschiedenen Bereichen der Regierung untersucht, während es im vergangenen Jahr ein paar Dutzend waren, wie ein Regierungsbeamter, der anonym bleiben wollte, bestätigte. Der nationale Sicherheitsrat leitet die Ermittlungen.



Mutmasslich Betroffene berichten von Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Symptomen, wie sie bei Gehirnerschütterungen auftreten. Manche benötigen monatelange medizinische Behandlung. Einige sagen, dass sie vor dem Auftreten der Beschwerden ein lautes Geräusch gehört hätten. Besonders alarmierend sind Berichte von zwei möglichen Vorfällen im Gebiet Washington, einer davon nahe dem Weissen Haus im November, als bei einem Regierungsbeamten plötzlich Schwindel auftrat.

Es gibt Klagen, dass das Problem in Washington lange Zeit nicht ernst genommen worden sei. «Die Regierung hat mehr Erkenntnisse, als sie nach aussen lässt», sagt etwa Mark Zaid, ein Rechtanwalt, der mehrere der mutmasslich Betroffenen vertritt. Zaid liegen Unterlagen des Geheimdienstes NSA vor, nach denen die Behörde schon in den späten 90er Jahren Informationen über ein nicht identifiziertes «feindliches Land» hatte, das möglicherweise über eine Mikrowellen-Waffe verfüge – «um einen Gegner im Laufe der Zeit zu schwächen, einzuschüchtern oder zu töten».

Gremium soll Fälle untersuchen

In einem freigegebenen Geheimreport des Aussenministeriums von 2018 ist von einem «Mangel an Führung in oberen Rängen, ineffektiver Kommunikation und systemischer Desorganisation» bei der Antwort auf die Havanna-Fälle die Rede.

Chris Miller, amtierender Verteidigungsminister in den letzten Monaten der Trump-Regierung, rief schliesslich ein Pentagon-Gremium zur Untersuchung möglicher Attacken ins Leben. Zuvor war er mit einem Soldaten zusammengetroffen, der beschrieb, wie er während seiner Stationierung in einem nicht näher bezeichneten Land ein  «kreischendes» Geräusch hörte und dann heftige Kopfschmerzen einsetzten. «Er war gut ausgebildet, extrem gut ausgebildet und hatte Erfahrungen mit Kampfeinsätzen», sagte Miller der Nachrichtenagentur AP. «Dies hier ist ein Amerikaner, ein Angehöriger des Verteidigungsministeriums. Das kann man nicht ignorieren.»

Bislang gibt es keine offiziellen Angaben darüber, welches Land als möglicher Angreifer verdächtigt wird. Aber einige der Betroffenen vermuten, das Russland seine Hand im Spiel habe. 

CIA-Direktor William Burns hat in einer Kongressanhörung versprochen, dass er die Untersuchung zu einer «sehr hohen Priorität» machen werde. Er wird jeden Tag über die Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten, die CIA-Beschäftigte betreffen und dieses Jahr gemeldet wurden. Die Behörde arbeitet auch daran, dass betroffene Mitarbeiter rascher ambulant im Walter Reed National Military Medical Center betreut werden können: Das Zentrum ist für notorisch lange Wartezeiten bekannt.

Noch immer ein Rätsel

Nach einer von der National Academy of Science im Dezember veröffentlichten Analyse ist «gezielte, gepulste Radiofrequenz-Energie» der plausibelste Auslöser des «Havanna-Syndroms». Eine solche Radiowellen-Attacke könne die Gehirnfunktion verändern, ohne «starken strukturellen Schaden» zu verursachen. Aber die Wissenschaftler konnten nicht definitiv sagen, wie die Menschen getroffen worden sein könnten.

James Giordano, Neurologie-Professor an der Washingtoner Georgetown University, hat die Fälle in Havanna und andere jüngere Vorkommnisse in Konsultation mit dem Aussenministerium näher untersucht und bei mehreren Betroffenen Hinweise auf neurologische Verletzungen entdeckt – was auf Radiowellen als Verursacher hindeuten könnte. Nach den Erkenntnissen des Mediziners könnte ein Gerät gezielt gegen potenzielle Opfer eingesetzt worden sein oder ein Instrument, das Energie-Wellen zur Überwachung benutzt, die Menschen unbeabsichtigt verletzt haben. Der Vorfall im November nahe dem Weissen Haus habe «erhebliche Ähnlichkeiten» mit den Havanna-Fällen, sagt Giordano.

Andere Wissenschaftler bleiben skeptisch. Robert Baloh von der University of California in Los Angeles etwa argumentiert, dass jede mögliche Waffe zu gross wäre oder zu viel Energie erfordern würde, um unentdeckt eingesetzt werden zu können. Der Arzt glaubt vielmehr, dass die wachsende Zahl von gemeldeten Fällen psychisch bedingt sei, das heisst, dass Menschen, die von Symptomen bei anderen gehört hätten, anfingen, sich selbst krank zu fühlen. «Viele Leute hören davon, und so verbreitet es sich.»

Marc Polymeropoulos hat 26 Jahre lang für die CIA gearbeitet, und  nach einem Russland-Besuch 2017 wurde bei ihm eine traumatische Hirnverletzung festgestellt. Er glaubt, dass die USA am Ende herausfinden werden, was hinter Vorfällen steckt. Und wenn sich herausstelle, «dass ein bestimmter Feind das getan hat, wird es unbequeme Entscheidungen geben, wie wir reagieren.»