Kreml nimmt Donezk ins Visier

Verbrannte Erde, kaputte Städte und Sträflinge als Soldaten

Von Philipp Dahm

7.7.2022

Kiew meldet hohe Verluste für russische Truppen im Donbass

Kiew meldet hohe Verluste für russische Truppen im Donbass

Die ukrainischen Truppen haben nach eigenen Angaben einen Angriff des russischen Militärs im Gebiet Donbass im Osten der Ukraine zurückgeschlagen.

06.07.2022

Luhansk ist erobert. Und jetzt? In Donezk hängt nun alles an der Verteidigung der Städte Slowjansk und Kramatorsk: Wenn Russland sie erobert, könnte die Armee die ukrainischen Streitkräfte einkreisen.

Von Philipp Dahm

7.7.2022

Der Rückzug ukrainischer Truppen aus Sjewjerodonezk und Lyssytschansk hat sich abgezeichnet, und dennoch werden die Eroberungen in Moskau laut und lärmend bejubelt. Anfang der Woche lassen sich drei Kosmonauten auf der ISS mit der Flagge der «Volksrepublik Luhansk» ablichten, während Moskau plant, einen Platz vor der britischen Botschaft nach der «Volksrepublik Luhansk» zu benennen.

Der militärische Sieg ist nach vielen schmachvollen Rückschlägen Balsam für die Seele der russischen Armee: Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat bereits angekündigt, dass sich die Truppen nun auffrischen und dann neu formieren sollen. Ihr Sieg hat sich angekündigt, weil Russland in Artillerie-Schlachten seine quantitative Überlegenheit voll ausspielen konnte.

Wie geht es nun weiter? Die russische Armee kann sich nun ganz der vollständigen Eroberung des Oblasts Donezk widmen, den drei Regionen prägen: Mariupol am Schwarzen Meer im Süden ist bereits unter Kontrolle. Um Donezk herum im Herzen des Oblasts wird heftig gekämpft – und im Süden geraten Slowjansk und Kramatorsk ins Visier von Putins Soldaten, die rund die Hälfte der Region kontrollieren.

Die Städte des Oblasts Donezk.
Commons

Kramatorsk ist das Verwaltungszentrum von Donezk, wo sich auch das regionale Hauptquartier des ukrainischen Militärs befindet. Die Menschen wissen, dass hier die nächste russische Offensive ansteht: Der Bürgermeister von Slowjansk hat die Bewohner*innen aufgefordert, die Stadt zu verlassen. «Es ist wichtig, so viele Menschen wie möglich zu evakuieren», weiss Wadim Ljach.

Der Gouverneur von Donezk fordert ebenfalls Bürger*innen auf, ihre Heimat zu verlassen. «Das Schicksal des gesamten Landes wird in der Region Donezk entschieden werden», glaubt Pawlo Kyrylenko. Im Oblast halten sich nach seinen Informationen noch 350'000 Zivilisten auf. Sollten auch Slowjansk und Kramatorsk fallen, hat Putin die Chance, die ukrainischen Verteidiger in Donezk einzukreisen.

Kreml besinnt sich auf seine alten Kriegsziele

Das Problem, vor dem die russische Generalität in Donezk steht: Die Verteidiger haben sich auf die Angreifer eingestellt und dürften sich um Slowjansk und Kramatorsk eingegraben haben. Ausserdem haben die Truppen, die in Luhansk gekämpft haben, angeblich bis zu 50 Prozent an Stärke eingebüsst.  «Ja, die Russen haben die Region Luhansk erobert, aber zu welchem Preis?», fragt Militär-Experte Oleh Schdanow.

Nach Einschätzung des Ukrainers werden die Russen nun auch in Donezk «die gleiche Verbrannte-Erde-Taktik anwenden und ganze Städte vernichten». Dass es so kommen wird, legen auch die Worte von Nikolai  Patruschew nahe: Der 70-Jährige ist ein enger Vertrauter Putins, Ex-Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und heute Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation.

In dieser Funktion hat sich Patruschew am 5. Juli dazu geäussert, wie der Krieg weitergehen soll. Moskau wolle weiterhin Kiew «denazifizieren» und demilitarisieren sowie die Bürger vor einem «Genozid» beschützen. Die Ukraine müsse nah dem Waffengang ein neutrales Land werden, fordert er. Es sind genau die Kriegsziele, die Wladimir Putin vor knapp fünf Monaten ausgerufen hat, als die Offensive begann.

Neurussland im Visier

Das deutet darauf hin, dass es mit der Eroberung des Donbass wohl nicht getan ist. Ausserdem scheint der Kreml weiterhin die Regierung in Kiew stürzen zu wollen. Es darf davon ausgegangen werden, dass Patruschew sich nicht öffentlich so geäussert hätte, wenn Putin anderer Meinung ist. Das minimale Kriegsziel ist demnach die Eroberung der historischen Region Neurussland, die Städte wie Dnipro, Saporischschja, Mykolajiw, Cherson und Odessa umfasst.

Angesichts des Rückzugs aus Luhansk verspricht Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen Landsleuten, man werde die verlorenen Gebiete zurückerobern. Doch wie lange das dauern wird, steht in den Sternen: Einerseits verstärken westliche Länder ihre Militärhilfen, doch andererseits wird sich die Gegenseite im Donbass verschanzen, wenn sich der Krieg weiter Monate hinzieht.

Nach wie vor ist Artillerie bei den ukrainischen Streitkräften sehr gefragt: Grossbritannien hat gerade angekündigt, zehn weitere Panzerhaubitzen zu liefern. Der Einsatz lohnt sich, wie ein Angriff am 3. Juli zeigt: Die Armee hat nach eigenen Angaben 200 Russen getötet und 300 verletzt, als ein Stützpunkt im besetzten Melitopol unter Feuer genommen worden sei.

Himars als «game changer» an der Front

Oleksij Resnikow weiss, wo er sich für die militärische Unterstützung bedanken muss: Das amerikanische Artillerie-System Himars sei ein «game changer» an der Front, schreibt der ukrainische Verteidigungsminister am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, auf Twitter.

Das System ist angeblich in der Region von Saporischschja im Einsatz. Russland meldet hingegen am 6. Juli, man habe zwei Himars beim Dorf Malotaranovka mit einem Luftangriff in der Region Donezk zerstört.

Die lange Schlacht um Luhansk hat am Ende wohl vorgegeben, wie nun der Krieg in Donezk weitergeht. Die Kämpfe werden sich wohl noch Monate hinziehen. Die Ukraine hat dabei nur eine Chance, wenn der Westen den Waffenfluss aufrechterhält.

Für Russland wird die grösste Herausforderung sein, genug Kräfte aufzubieten: Während in den besetzten Gebieten die Bevölkerung offenbar zwangsrekrutiert wird, bietet die private Sicherheitsfirma Wagner angeblich Häftlingen Amnestie und einen Lohn von gut 3400 Dollar an, wenn sie sich für sechs Monate Dienst in der Ukraine verpflichten. Hinterbliebene bekommen demnach im Todesfall eine Entschädigung von gut 85'000 Dollar.