Vom Ende der Hoffnung auf ein besseres Leben

AP/toko

18.11.2021 - 00:00

Angehörige und Freunde trauern in Erbil am Sarg von Gaylan Delir Ismael, der im Alter von 25 in Belarus starb. Foto: Uncredited/AP/dpa
Angehörige und Freunde trauern in Erbil am Sarg von Gaylan Delir Ismael, der im Alter von 25 in Belarus starb.
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Das Touristenvisum nach Belarus erschien Gaylan Delir Ismael als Ausweg aus seiner verzweifelten Lage im Nordirak. Von dort wollte er nach Deutschland zur Behandlung chronischer Krankheiten und Fortsetzung seines Studiums. Er starb im sumpfigen Wald.

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18.11.2021 - 00:00

Als Gaylan Delir Ismael hörte, dass kurdische Landsleute aus dem Nordirak mit einem belarussischen Touristenvisum einfach nach Europa reisen können, zögerte er nicht. Er packte seine Tasche in der Hoffnung, über Belarus nach Deutschland gelangen zu können, um dort seine chronischen Krankheiten behandeln zu lassen und sein Studium fortsetzen zu können. Er schaffte es nicht. Er starb in einem dunklen, sumpfigen Wald an der polnischen Grenze. Er wurde 25 Jahre alt.

Sein Sarg kam am vergangenem Sonntag in Erbil an, dem Ausgangspunkt seiner Reise, und wurde von der trauernden Familie im Empfang genommen. Die genauen Geschehnisse an der polnisch-belarussischen Grenze sind nicht geklärt, Gaylans Vater macht aber die polnischen Grenzschützer verantwortlich. Denn sie schickten Gaylan und seine beiden Brüder auf die belarussische Seite des Walds zurück, während seine Schwester mit einem gebrochenen Bein in ein Krankenhaus gebracht wurde. «Die polnische Polizei hat sie leider – anstatt ihnen zu helfen – deportiert», sagte Delir Ismael Mahmud, ein gebrochener Mann, als er mit seiner Familie den Sarg mit seinem Sohn in Empfang nahm.

Mit Gaylan waren seine zwei Brüder, seine Schwester mit ihrem Mann und einem fünfjährigen Sohn am 14. Oktober von Erbil nach Dubai geflogen. Zwei Tage später kamen sie in Minsk an. Von dort reisten sie zur polnischen Grenze – und kamen nicht weiter. Gaylan, der seit dem neunten Lebensjahr Diabetes hatte und auf Insulin angewiesen war, wurde in der unwirtlichen Region von Tag zu Tag schwächer. Er war von einer Meningokokken-Infektion, die er mit 20 hatte, zusätzlich belastet.

35'000 Dollar für Reise über Belarus

Die Familie beantragte in den Niederlanden und Deutschland Visa für medizinische Behandlungen, nachdem vom Vater bezahlte Aufenthalte in iranischen und türkischen Einrichtungen seinen Zustand nicht verbessert hatten. Die Anträge wurden abgewiesen. Dann schien sich ein einfacher Ausweg über Belarus zu eröffnen. Vater Delir zahlte 35'000 Dollar für die Reise der Gruppe.

Die kurdische Region im Nordirak ist relativ stabil, doch Arbeitslosigkeit und Pessimismus über die Zukunft dort lässt vor allem junge Leute von einem besseren Leben in Europa träumen. Vater Delir, der im Immobiliengeschäft arbeitet, hat Verständnis für die Verzweiflung in der jungen Generation über ihre Perspektivlosigkeit. «Wenn Sie mich als Vater fragen, möchte ich meine Kinder nicht im Ausland haben. Aber die schlechte wirtschaftliche Lage hier, fehlende Arbeitsmöglichkeiten und Arbeitslosigkeit zwingen mich, ihrer Migration zuzustimmen.» 



Verzweifelte Bitten nicht erhört

Gaylan starb zwei Tage nach einer Konfrontation mit polnischen Grenzschützern am 28. Oktober, bei der er tragischerweise von seinem Neffen und Schwager getrennt wurde. Der Schwager hatte das Insulin in seinem Rucksack. Verzweifelte Bitten um Insulin-Injektionen wurden nicht erhört.

«Das letzte Mal, dass ich mit ihm sprach, war am Morgen des Tages, an dem er starb», sagte Vater Delir. «Ich fragte ihn, wie es ihm geht. Er sagte «gut, aber ich bin ein bisschen müde».» Er könne es nicht fassen, dass die polnischen Grenzschützer ihm nicht geholfen hätten. «Selbst wenn sie keine Menschen wären, würde man ihnen doch helfen.» Jetzt wünsche er, dass «Polen, Deutschland und internationale Organisationen sich um den Rest der Familie kümmern und sie einreisen lassen».

Mindestens elf Tote

Gaylan ist einer von bislang mindestens elf Todesfällen unter Migranten an der belarussische-polnischen Grenze. Mit seinem Sarg traf am Sonntag auch der von Kurdo Chalid an, dessen Bruder Bilal sagte: «Es ist wirklich eine Tragödie. Ich appelliere an alle jungen Leute, nicht von Kurdistan zu migrieren.» 

Ein weiteres Opfer wurden am Montag in Polen beerdigt, die Kosten dafür übernahm die muslimische Minderheit der Tataren in Bohoniki, die in der Region seit Jahrhunderten siedelt. Das Begräbnis des 19-jährigen Syrers Ahmad al-Hassan wurde von einem syrischen Arzt auf Facebook für dessen Verwandte in Deutschland und einem Flüchtlingslager in Jordanien gestreamt. Der junge Mann ertrank am 19. Oktober im Grenzfluss Bug.

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