Olaf Scholz will Angela Merkel ablösen – ein Zugpferd ohne Hengst-Gen

Philipp Dahm

19.8.2020 - 17:34

Olaf Scholz soll die die deutsche SPD ins Rennen um das Kanzleramt führen. Doch das Zugpferd wird den Karren nicht aus dem Dreck ziehen: Dem Schlachtross fehlt ein Hauch vom Hengst-Image eines Donald Trump.

Hand aufs Herz: Wissen Sie, wer der Kanzlerkandidat der deutschen SPD ist? Natürlich tun Sie das, der Name ist ja bereits gefallen. Aber wenn Sie zuvor Olaf Scholz nicht auf dem Radar hatten, kann Ihnen das niemand verdenken.

Scholz, der in unserem nördlichen Nachbarland Angela Merkel eigentlich beerben soll, wenn es nach den Genossen geht, versinkt nicht nur in deren übergossen Fussstapfen, sondern geht im öffentlichen Bewusstsein sang- und klanglos unter – der Vizekanzler findet nicht statt. Dabei ist es nicht so, als könnte sich die SPD noch viele Fehler erlauben: Die Partei befindet sich schon seit Jahren im Sinkflug und ist drauf und dran, in der Bedeutungslosigkeit zu landen.

Bei der letzten Bundestagswahl 2017 kam die Partei auf 20,5 Prozent – zuletzt lag die «alte Tante» in Umfragen nur noch bei 14 bis 18 Prozent, ohne dass es Aussicht auf Besserung gäbe. Und nun stellen die Genossen Parteisoldat Olaf Scholz auf, um die CDU – deren Kandidat wahrscheinlich Friedrich Merz, Armin Laschet, Norbert Röttgen oder Markus Söder heissen wird –, am 24. Oktober 2021 an der Wahlurne zu schlagen.

«Kanzler können» ist eine Redensart im Nachbarland – hier anhand eines Beispiels der «Deutschen Welle»: Der Begriff unterstreicht das Gewicht des Amtes in der Bundesrepublik.
Screenshot: dw.com

Todesstoss für die «alte Tante»?

Vielleicht setzt die SPD mit ihrem Kandidaten auf den Schein von Kontinuität: Angela Merkel ist der Fels in der Brandung der europäischen Politik. Eine ruhige, besonnene Kanzlerin, die sich nicht so schnell aus der Fassung bringen lässt. Sie ist eine gewichtige Staatsfrau, die ihr Ziel ohne Pauken, Trompeten oder mediales Tamtam erreicht.

Und auch Scholz ist keiner, der grosse Töne spuckt oder Reporter zu sich nach Hause einlädt, um bunt bebilderte Boulevardgeschichte mit Leben zu füllen. Doch dieser Schachzug könnte der Todesstoss für die «alte Tante» sein, die immerhin schon 157 Jahre alt ist. Dass ausgerechnet der spröde Osnabrücker verloren gegangenes Wählerklientel zurück zur SPD lotsen kann, muss ernsthaft bezweifelt werden.

Stets bemüht: Olaf Scholz.
Bild: Keystone

Der 62-Jährige ist zu altbacken, um ökologisch orientierte Junge anzusprechen und zu sehr «Systempolitiker», um die enttäuschte Garde der AfD-Skeptiker zurück in die Mitte zu holen. Was der SPD und dem Finanzminister Scholz im Moment der Nominierung fehlt, ist Aufmerksamkeit, Begeisterung, aber auch Wille und Medienpräsenz. 

Herzliches Desinteresse

Wenn die Presse mal das Ohr spitzt, schaltet der Wähler ab: Als «Bild» sich vor zwei Tagen den Spitzenkandidaten in «Die richtigen Fragen» vorknöpfte, haben sich den YouTube-Stream gerade mal 4'773 Personen angeguckt – wobei in den Sternen steht, wie viele davon es über die gesamten 80 Minuten ausgehalten haben.

Der eine Woche alte ZDF-Clip «Ich will gewinnen» kommt ebenfalls nur auf gut 4'900 Aufrufe. Ein Video des Islamhassers und AfD-Politikers Gottfried Curio hingegen, das «Die GROSSE Abrechnung mit dem SPD-Kanzlerkandidaten» heisst, verzeichnete bisher 67'000 Zuschauer – nach nur einem Tag.

PR-Stratege Donald Trump – Medienandrang vor dem Weissen Haus am 17. August 2020.
Bild:  Keystone

Es scheint, als würde der langjährige Politiker kaum jemanden in der Bundesrepublik interessieren: Wenn das das beste Zugpferd im SPD-Stall sein soll, ist das Rennen für die Genossen anscheinend schon gelaufen.

Quadratur des Kreises

Die SPD ist die erste Partei, die sich auf einen Namen festgelegt hat. Vorstand und Präsidium haben Scholz am 10. August einstimmig als Kanzlerkandidaten nominiert, obwohl sich jener voriges Jahr vergeblich um den Parteivorsitz beworben hatte.

Scholz – im Schatten von Angela Merkel.
Bild: Keystone

Scholz gilt als Vertreter des rechten Flügels, während die Partei zuletzt eher nach links gesteuert ist: Sie strebt eine rot-rot-grüne Koalition mit der Linken an. Gleichzeitig muss der frühere Hamburger Oberbürgermeister als Finanzminister noch ein Jahr lang der grossen Koalition mit der CDU die Stange halten.

Und dieser Olaf Scholz soll nun das Ruder für die SPD herumreissen: Dass er Erfolg hat, scheint nur möglich, wenn sich der blasse Norddeutsche ausgerechnet an dem Republikaner Donald Trump orientiert und anfängt, zu polarisieren sowie Themen und Sendezeit zu besetzen. Es müsste also schon ein Wunder geschehen, um den absehbaren tieferen Fall der deutschen Sozialdemokraten zu stoppen.

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