Unwissen und Twitter-Häme Wenn Briten beim Skifahren in der Schweiz das Brexit-Problem lösen

Philipp Dahm

27.2.2019

Da lachen sogar die Deutschen:  Eine Figur für den Kölner Karneval suggeriert, dass sich der Brite mit dem Brexit ins eigene Fleisch schneidet.
Da lachen sogar die Deutschen:  Eine Figur für den Kölner Karneval suggeriert, dass sich der Brite mit dem Brexit ins eigene Fleisch schneidet.
Bild:  Keystone

Die Scheidung von Brüssel sei kein Problem, melden prominente Briten aus den Schweiz-Ferien. Auf Skipisten zeige sich, dass so eine EU-Grenze kein Beinbruch sei. Auf Twitter löst das gleich mehrere Lawinen aus. 

Aus Gründen hier die Bildergallerie «Bizarres Britannien»:

«Es hätten zumindest einmal 48 Stunden vergehen können, bevor sich schon wieder ein Brexit-Befürworter dazu entschliesst, dass eigene Unwissen über die Schweizer Grenze zur Schau zu stellen», ätzt «Indy 100», ein Ableger des britischen «Independent». Gemeint ist der Parlamentarier Sir Bernard Christison Jenkin, der sich im britischen TV am Montag übel abkanzeln lassen musste. Doch der Reihe nach.

Im allgemeinen Brexit-Taumel musste die Schweiz zuletzt immer wieder als Beispiel dafür dienen, dass eine EU-Grenze gar nicht so schlimm sei. Viele Briten sind diese Diskussion leid, wie man aus den Reaktionen auf den jüngsten Schweiz-Verweisen von Vertretern der Presse, Politik und Prominenz schliessen kann, die zuvor ihr Öl ins Brexit-Feuer gegossen haben. Den Auftakt macht Quentin Letts, seines Zeichens provokanter Journalist – und dazu noch Theaterkritiker.

Quentin Letts kommt von der Piste ab

Dass sich zuhause niemand vor dem Brexit fürchten müsse, meldet der Autor von Büchern wie «Patronising Bastards: How The Elites Betrayed Britain» und «50 People Who Buggered Up Britain» seinen Landsleuten ausgerechnet aus den Ferien in den fernen Alpen. «Bin gerade auf Skiern von der EU in die unabhängige Schweiz gefahren. Wie infam: keine harte Grenze. Nicht mal eine Linie im Schnee», twitterte der 56-Jährige.

«BBC»-Frau Manuela Saragosa berichtigt den Kollegen und verweist dabei auf entsprechende Informationen des Staatssekretariats für Migration:

Andere Antworten fallen weniger freundlich aus:

Kluge Köpfe korrigieren, dass es auf Schweizer Pisten mitunter sehr wohl Kontrollen gebe – und dass mit der Grenzwacht nicht zu spassen sei:

Verwirrt: Julia Hartley-Brewer

Eine Woche später erwischt es in den Schweizer Skiferien dann eine Kollegin von Quentin Letts: Julia Hartley-Brewer, 50, Radio-Star und Kolumnistin, berichtet vom Grenzwechsel in unter 20 Sekunden. Hashtag: #justsaying. 

Niemand mag Besserwisser – und Journalisten hatten auch schon einen besseren Ruf. Die Kombination aus beiden stachelt die Twitter-User aber besonders an:

Die Gegenargumente lassen nicht lange auf sich warten:

Hertley-Brewer versucht noch, zu retten, was nicht zu retten ist. Ihre Argumentation ist allerdings so gradlinig wie die Abfahrt eines Aprés-Ski-Fanatikers. Sie geht zusammengefasst so: Ja, ich weiss, die Schweiz gehört zum Schengen-Raum. Und Britannien im Gegensatz dazu nicht. Auch nach dem Brexit nicht. Darum: kein Schengen!

Den dritten im Bunde haben wir ja bereits erwähnt: Bernard Jenkin. Der Tory-Parlamentarier hat ausgerechnet im Fernsehen versucht,  mit halbgarem Schweiz-Schwurbel Stimmung zu machen. «Sky News»-Moderator Adam Boulton lässt sich jedoch nicht für dumm verkaufen.

Bernard Jenkin: Politiker ohne Ahnung? Kann das sein???

Er fragt, warum Jenkin den Austritt befürwortet. «Das Land bekommt [im Gegenzug] Demokratie, Berechenbarkeit und Freiheit. Die meisten Staaten sind ja nicht in der EU. Schauen Sie sich um, denen gehts es total gut», rechtfertig sich der «Brexiteer». Der 59-Jährige lässt sich gar zu der Behauptung hinreissen: «Man muss nicht in der EU sein, um in Europa zu sein. Australien, Kanada, Singapur und der Schweiz geht es gut.»

Der Moderator schiesst zurück: «Dann müssen wir wohl in Richtung Pazifik schwimmen, oder?» Jenkin bleibt stur: «Der Schweiz und Norwegen geht es gut.» Boulton kontert: «Die Schweiz hat ja aber nunmal eine Grenze zur EU – auch wenn viele ihrer Kollegen viel von ihrer Zeit darazuf verwenden, zu leugnen, dass sie existiert.»



Und Jenkin? Macht schon wieder den alten Fehler! «Nun ja, man kann bei der Grenze einfach durchfahren.» Boulton verneint: «Nicht, wenn man einen LKW fährt.» Jenkins unbeirrbar: «Stimmt nicht. Es gibt jede Menge Strassen, auf denen man einfach durchfahren kann.» Warum das zu kurz greift, müssen dann die Twitter-User dem Politiker erklären

Fazit: Politischer Mut steht nicht zur Wahl

Tatsächlich ist Brexit-Materie für das Volk schwer zu verstehen und auch für dessen Vertreter zum Teil wohl zu kompliziert. In «Last Week Tonight» hat TV-Satiriker John Oliver den Amerikanern zuletzt den Brexit erklärt. Er endet mit diesen Worten, denen sich wohl viele Briten anschleissen würden:



«Manchmal weiss man über die Dinge nicht Bescheid. Dann holt man jemanden, der für einen Bescheid weiss. Wenn man mit Magenschmerzen zum Arzt geht und gefragt wird: Was meinen denn Sie? Soll ihr Blinddarm bleiben oder austreten? Man antwortet wahrscheinlich mit: Was fragen Sie mich? Tun Sie ihren verdammten Job! Ein Akt wahren politischen Mutes ist nicht, ein zweites Referendum zu fordern, sondern anzuerkennen, dass die erste Abstimmung fatalerweise voller Fehler war, dass deren Umsetzung das Land auf lange Sicht schädigen würde und den Brexit komplett abzusagen.»

Schade, dass politischer Mut heute im Londoner Parlament nicht zur Wahl steht. Mit Blick auf die aktuelle Abstimmung kann man nur hoffen, dass Quentin Letts, Julia Hertley-Brewer, Bernard Jenkin und auch wir nun etwas gelernt haben:

Erstens ist die Schweiz ein ideales Land, um dort die Skiferien zu verbringen.

Zweitens: Britischer Humor ist so lustig, dass er auch mal wehtut.

Und drittens: Es ist manchmal okay, sich – für einmal – weniger Schweiz-Geschichten zu wünschen – dies natürlich nur in diesem Zusammenhang.

Aber dafür hier nochmal unsere Bilder aus der Schweiz:

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