Polizeichef verurteilt Vorgehen von Ex-Beamten gegen George Floyd

dpa

6.4.2021 - 05:12

In this image from video, witness Minneapolis Police Chief Medaria Arradondo testifies as Hennepin County Judge Peter Cahill presides Monday, April 5, 2021, in the trial of former Minneapolis police Officer Derek Chauvin at the Hennepin County Courthouse in Minneapolis. Chauvin is charged in the May 25, 2020 death of George Floyd. (Court TV via AP, Pool)
Dass ein Polizeichef gegen einen anderen Polizisten aussagt, kommt in den USA äusserst selten vor, aber der Polizeichef von Minneapolis, Medaria Arradondo, trat am Montag als Zeuge der Anklage auf. 
Bild: Keystone/Court TV via AP/Pool

Der angeklagte Ex-Polizist habe Prinzipien und Werte der Behörde verletzt, sagt sein früherer oberster Chef. Im Prozess gegen Derek Chauvin sagt auch der Arzt der Notaufnahme aus, in die Floyd eingeliefert wurde.

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6.4.2021 - 05:12

Zu Beginn der zweiten Woche des Prozesses um den Tod von George Floyd ist am Montag der Polizeichef von Minneapolis als prominenter Zeuge der Anklage aufgetreten. Medaria Arradondo sagte am Montag vor Gericht in Minneapolis aus, der angeklagte Ex-Polizist Derek Chauvin habe mit seinem Vorgehen gegen die Prinzipien und Werte der Polizeibehörde verstossen.

Weiter das Knie gegen Floyds Hals zu drücken, als dieser mit Handschellen gefesselt auf dem Bauch lag und keinen Widerstand mehr geleistet habe, sei in keiner Weise mit den Grundsätzen der Behörde vereinbar und werde auch nicht gelehrt. Das sei «ganz sicher nicht Teil unserer Ethik und Werte», sagte Arradondo, der erste schwarze Polizeichef der Stadt. Er hatte Chauvin und drei weitere Beamte am Tag nach Floyds Tod im Mai entlassen, im Juni hatte er von «Mord» gesprochen.

Ex-Polizist Chauvin ist in dem Prozess der Tötung Floyds bei einer Festnahme am 25. Mai 2020 angeklagt. Videoaufnahmen zeigen, wie der weisse Beamte dem Afroamerikaner Floyd mehr als neun Minuten lang das Knie in den Hals drückt – auch dann, als der gefesselt am Boden liegende 46-Jährige immer wieder über Atemnot klagt und sich nicht mehr rührt.

Arradondo sagte weiter aus, Chauvin habe offenbar nicht, wie von den Regeln gefordert, leichten bis mässigen Druck auf Floyds Hals ausgeübt. Zudem hätte er früher loslassen und Floyd noch vor Eintreffen eines Krankenwagens Erste Hilfe leisten müssen. Auch sei Chauvin nicht wie vorgeschrieben deeskalierend vorgegangen.



Arzt vermutete Sauerstoffmangel als Todesursache

Vor dem Polizeichef hatte am Montag in dem Prozess ein Arzt der Notaufnahme ausgesagt, in die Floyd eingeliefert worden war. Bradford Langenfeld erklärte, Floyds Herz habe zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr geschlagen. Er habe damals vermutet, dass der Herzstillstand vermutlich von Sauerstoffmangel oder Ersticken ausgelöst worden sei, sagte Langenfeld.

Zeugen sagen im Floyd-Prozess aus

Zeugen sagen im Floyd-Prozess aus

Tag zwei in Minneapolis im Prozess gegen den ehemaligen Polizisten Derek Chauvin wegen Mordes an George Floyd. Im Zeugenstand sagte am Dienstag die 18-jährige Darnella Frazier aus. Ihr Handyvideo von der Festnahme ging im vergangenen Mai um die Welt. Ihr Gesicht wurde aufgrund ihres jungen Alters in der Übertragung aus dem Gerichtssaal nicht gezeigt. FRAZIER: «Wenn ich George Floyd sehe, sehe ich meinen Vater, meine Brüder, ich sehe meine Cousins meine Onkel. Denn sie alle sind schwarz. Es hätte einer von ihnen sein können. Es gibt Nächte, in denen ich mich bei George Floyd entschuldigte, weil ich nicht mehr getan habe. Dass ich nicht körperlich eingegriffen habe, um sein Leben zu retten. Aber das hätte nicht ich tun müssen, sonder er.» Damit gemeint war Chauvin. Seine Anwälte erhoben Einspruch gegen den Punkt. Frazier war damals mit ihrem 9-jährigen Cousin unterwegs, zu einem Lebensmittelgeschäft, in dem kurz zuvor Floyd beschuldigt worden war, einen gefälschten 20-Dollar-Schein benutzt zu haben. FRAZIER: «Er sagte 'Ich kann nicht atmen, bitte.' Er rief nach seiner Mutter. Er schien zu wissen, dass es für ihn vorbei war.» Als weiterer Zeuge sagte Donald Williams aus. Er hatte damals den Notruf gewählt. STAATSANWALT: «An einem bestimmten Punkt haben sie 911 gewählt?» WILLIAMS: «Das ist korrekt. Ich habe die Polizei angerufen.» STAATSANWALT: «Und warum?» WILLIAMS: «Weil ich glaubte, Zeuge eines Mordes gewesen zu sein.» Ein Mitschnitt des Anrufs war Teil der Beweisaufnahme. Die 27-jährige Genevieve Hansen ist Feuerwehrfrau in Minneapolis. Sie sagte aus, sie habe die Polizisten angebettelt, Floyd Erste Hilfe leisten zu dürfen. HANSEN: «Ich habe mich sofort zu erkennen gegeben, weil ich merkte, dass er medizinische Hilfe brauchte. Sein Bewusstsein schwand. Und das ist in unserer Ausbildung das erste Zeichen dafür, dass jemand medizinische Hilfe benötigt.» STAATSANWALT: «Was ist der Sinn einer Herzdruckmassage?» HANSEN: «Das Blut für jemanden zu pumpen, der das nicht selbst tut. Man versucht, einen Puls wiederzubekommen.» STAATSANWALT: «Und waren Sie in der Lage, das zu tun?» HANSEN: «Nein, Sir.» STAATSANWALT: «Warum nicht?» HANSEN: «Weil die Beamten mich nicht heranliessen. Ich erinnere mich auch, angeboten zu haben, sie dazu anzuleiten. Ich habe ihnen gesagt: Wenn er keinen Puls hat, müssen Sie mit der Herzdruckmassage beginnen. Aber das wurde nicht getan.» Chauvins Anwälte versuchten, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass ihr Mandant sich von Umstehenden bedroht gefühlt haben könnte. Er sei strikt seiner Ausbildung gefolgt und nicht schuldig im Sinne der Anklage.

31.03.2021

Sanitäter hätten ihm berichtet, dass sie etwa 30 Minuten lang versucht hätten, Floyd wiederzubeleben. Auch Langenfeld versuchte weitere 30 Minuten lang eine Wiederbelebung, stellte aber schliesslich den Tod Floyds fest.

Die Kommandeurin der polizeilichen Ausbildungseinheit zum Zeitpunkt von Floyds Tod, Katie Blackwell, sagte im Zeugenstand, Chauvin habe jährlich ein Training in Defensivtaktik erhalten. Dabei sei auch vermittelt worden, zur Fixierung des Nackens einen oder zwei Arme einzusetzen, nicht das Knie.

Der Tod Floyds in Minneapolis löste im vergangenen Jahr Proteste und Unruhen aus, auch weit über die Grenzen der USA hinaus.