«Ich chrampfe mich ab, und alle denken, ich chille es»

Anna Kappeler

13.8.2019 - 00:00

Insekten, welche die Grüne-Nationalrätin aus der Stadt Bern umsurren, gehören beim Aufstieg auf den Gurten dann halt dazu.
Bild: Lukas Lehmann

Werden die Wahlen zum unschönen Déjà-vu für Aline Trede? Vor vier Jahren wurde die Nationalrätin abgewählt, inzwischen ist sie erneut nachgerutscht. Was sie aus der Niederlage gelernt hat, erzählt sie auf ihrem Hausberg Gurten.

Wenn Aline Trede etwas nicht will, dann ist es: «spassbefreit» zu sein – so nennt sie es. Aus ihrer Haut kann und will die Grüne dennoch nicht, wie folgende Beobachtung verdeutlicht.

Das Picknick zuoberst auf dem Berner Hausberg Gurten ist kaum verzehrt, da liegen vor Trede schon fein säuberlich getrennte Häufchen mit den Essensresten: Da die kompostierbaren Überbleibsel wie Gurkenanschnitt und Rüebli-Kraut («Die werfe ich später in den Wald»), daneben die Dosen des «Aranciata amara» («Die kommen zurück nach Hause in die Alu-Entsorgung») und dort der restliche Verpackungsabfall («Der darf gleich hier in den Müll»).

Darauf angesprochen lacht sie laut. «Meine Abfalltrennung passiert so automatisch, sie ist mir gar nicht aufgefallen.»

Koketterie?

Die Nationalrätin verneint. Und fügt hinzu: «Ich hoffe, ich werde jetzt nicht als überkorrekte Spassbremse hingestellt.» Sie sei grün durch und durch, aber nicht moralisierend. «Ich bevormunde niemanden. Versuche selber aber, klimabewusst zu leben.»

Trede hasst Wandern

Dass Trede mit auf den Gurten gewandert ist, ist alles andere als selbstverständlich: Sie hasst Wandern nämlich. Hat sie am Telefon auf die Anfrage hin, ob sie bei einer Wanderreportage mitmache, gleich klargestellt. O-Ton Trede: «Natur bedeutet mir alles. Aber ich muss nicht an einen abgelegenen, stillen Ort wandern, um mich selber zu finden, wie das viele tun.» Das mache sie wütend, weil intakte Natur durch die Menschen gestört werde. Und: Als Umweltnaturwissenschaftlerin mit dem Fach Stadtbioökologie interessiere sie sich dafür, wie die Natur in die Stadt geholt werden könne.

Doch die Sicht vom Berner Hausberg Gurten aufs Bergpanorama liebt auch Trede. So schlägt sie als Route den «Güsche» vor und erfindet auch gleich den Begriff «urban wandering» dazu. Das passe, repräsentiere sie doch die Minderheit der Städter und der jungen Frauen im Parlament.

Die Nationalrätin Aline Trede hasst Wandern eigentlich – für ein «urban wandering» auf den Gurten macht sie eine Ausnahme. Denn die Route mag sie.
Bild:  Lukas Lehmann

Trede ist eine, die sagt, was sie denkt. Auch in Bundesbern, wo sie damit immer mal wieder polarisiert. Weil sie provoziert, gern auch in den eigenen Reihen. Etwa dann, wenn sie als Grüne öffentlich über den langsamen Berner ÖV herzieht – mit dem Velo sei sie schneller. Tredes Geradlinigkeit ist ihre Stärke. Auf die Frage, warum man sie wählen solle, sagt sie: «Mit mir weiss man, was man hat. Ich verstelle mich nicht und bin extrem unabhängig.»

Streift Trede den Populismus?

Auf der anderen Seite scheut sie in ihrer Politik keine Vereinfachung. Sie weiss, wie Vorstösse formuliert werden müssen, damit sie medienwirksam sind. Etwa jener aus der letzten Frühlingssession: Da wollte sie vom Bundesrat wissen, ob er den 16. März – die Einführung des Frauenstimmrechts – zu einem nationalen Feiertag erklären würde. Und gleichzeitig den 1. August abschaffe, weil ein zusätzlicher Feiertag mit Kosten verbunden wäre. Die Landesregierung zeigte sich kaum verwunderlich wenig begeistert.

Streift Trede da den Populismus? Sie weist das rigoros von sich: «Wichtige Schweizer Geschichte soll nicht mehr totgeschwiegen werden.»

Schon 2015 forderte Trede in einer Motion einen nationalen Feiertag zur Einführung des Frauenstimmrechts – ohne Erfolg. Nun verweist sie auf den Ständeratsaal, den wegweisende helvetische Daten zieren. «Dank der Grünen wird die Liste mit der Zahl 1971 ergänzt, als endlich auch Frauen wählen durften.»

Die Grüne-Nationalrätin Aline Trede und die «Bluewin»-Redaktorin Anna Kappeler beim Aufstieg auf den Berner Hausberg «Güsche».
Bild: Lukas Lehmann

«Bin vor allem die Rampensau»

Treffpunkt ist die Talstation der Gurten-Bahn, erklommen wird der Berg zu Fuss, in Turnschuhen, schliesslich ist die Strasse fast durchgehend geteert. Urban halt, wie es die Stadtbernerin Trede mag. In zügigem Tempo schreitet sie los. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiss läuft, Trede, der ehemaligen Leichtathletin, scheint das nichts auszumachen. Gut gelaunt ist sie, redet fast ununterbrochen, lacht viel. Nach einem Stück durch den Wald öffnet sich der Blick auf die Stadt Bern, unten taucht die Aare auf, später das Bundeshaus. Es riecht nach Sommerwiese.



Auf Höhe der Mittelstation der Gurtenbahn bleibt Trede stehen. Während des Gurten-Festivals stehe hier manchmal eine Bühne, erzählt sie, darauf habe auch sie schon mit ihrer Band «Fraktionszwang» gespielt. Die Band, entstanden einst als Bieridee, gibt’s noch heute. Trede singt. «Obwohl», korrigiert sie sich, «eigentlich bin ich vor allem die Rampensau.»

Trede ist jung, weiblich und laut. Eine Kombination, die Hassmail-Schreiber anzieht, wie sie sagt. «In der ersten Legislatur habe ich mich hingesetzt und versucht, möglichst allen persönlich zu antworten. Egal wie unterirdisch deren Niveau war.» Inzwischen habe sie jedoch resigniert und ignoriere solche Zuschriften.

Die Tatsache, dass die Grünen-Politikerin Aline Trede jung, laut und weiblich ist, ziehe Hassmail-Schreiber an, sagt sie. Trede konzentriere sich inzwischen aufs Positive.
Bild: Lukas Lehmann

Abwahl und Neustart waren schwierig

Trede konzentriert sich aufs Positive. Etwa ihren Wahlkampf. Der läuft. Später an diesem Tag ist der Fototermin für ihre Wahlplakate, auf Social Media mobilisiert sie unter #TeamTrede. Was locker klingt, muss für Trede schwierig sein. Denn der Wahlkampf erinnert sie an ihre grösste berufliche Niederlage – ihre Abwahl vor vier Jahren.

Damals musste der Kanton Bern aus arithmetischen Gründen einen Nationalratssitz abgeben, die Grünen konnten ihren dritten Sitz nicht halten. Trede war weg. Die vor ihr platzierte Berner Oberländerin Christine Häsler, damals auch Stände­ratskandidatin, machte mehr Stimmen. Besonders bitter aus Tredes Sicht: Sie war zwei Jahre davor überhaupt erst ins nationale Parlament nachgerückt. Noch heute kritisiert Trede, dass ihre Partei damals Stadt gegen Land ausspielte. Und auch etwas anderes enttäuscht Trede immer noch: «Ich wollte für den Ständerat kandidieren. Intern hiess es aber bei uns, dafür sei ich nicht geeignet. Ohne weitere Erklärung.»

Letztes Jahr dann die Rückkehr. Trede holt einen Sitz als Berner Grossrätin. Sie verzichtet und rückt stattdessen für die ebenfalls frisch gewählte Berner Regierungsrätin Häsler in den Nationalrat nach. Was zum Entscheid für den Nationalrat mit beigetragen hat? Trotz! «Der Sitz wäre sonst voraussichtlich an einen 70-jährigen Mann gegangen. Ich habe mich stets für mehr junge Frauen in der Politik eingesetzt, da konnte ich meinen Sitz doch nicht ernsthaft einfach so einem 70-Jährigen überlassen», sagt Trede.

Der Neustart im Bundeshaus aber war schwierig, die öffentliche Blamage der Abwahl schmerze bis heute. «Während der ersten Session habe ich mich elend gefühlt», sagt Trede.

Sie fühlte sich an die Zeit nach der Abwahl erinnert. «Ich stand plötzlich ohne Arbeit da, mit einem kleinen Kind und schwanger. Aufgrund meiner dezidiert linken Politik fand ich danach keinen anderen Job.» Man könne es sich nicht leisten, ihr Gesicht auf der Homepage zu haben, tatsächlich, das sei ihr gesagt worden.

Trede und die bürgerlichen Männer

Zum Picknick mit Aline Trede gehört ein Sackmesser der Schweizer Armee, welches ihr der ehemalige Armeechef André Blattmann persönlich überreicht hat.
Bild: Anna Kappeler

Ankunft oben auf dem Gurten: Der Blick reicht bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau. Zeit fürs mitgebrachte Picknick auf einer Bank mit Aussicht. Salzbrezeli, Gemüse, Brot, verschiedene Käse, Früchte, Guetzli – die typisch schweizerische Wanderverpflegung eben.

Grinsend zückt Trede ihr Sackmesser der Schweizer Armee. Überreicht habe es ihr der frühere Armeechef André Blattmann bei einem Nachtessen nach einem Parlamentarier-Schiessen der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK), deren Mitglied Trede vor ihrer Abwahl 2015 gewesen war. Blattmann, den möge sie. Überhaupt könne sie es mit bürgerlichen Männern. Vielleicht, weil sie ihre armeekritische Haltung nie verstecke. Wieder wird deutlich: Trede mag den Bruch mit dem Erwartbaren.



«Ruhig bin ich nur, wenn ich schlafe»

Hat sich Trede in ihrer zweiten Legislatur verändert? Sie verspüre nicht mehr die gleiche «uh huere Freud» wie beim ersten Mal. «Und ich bin sicher älter geworden. Leider.» Die Kinder hätten sie ruhiger gemacht. Dann lacht sie ihr typisches Trede-Lachen. «Obwohl, ruhig bin ich auch heute nur, wenn ich schlafe. Und ich schlafe nicht so viel.» Sie will mehr gut recherchierte Vorstösse einreichen. Dafür weniger in der Anzahl – waren es allein von 2013 bis 2015 doch fast 100 gewesen. «Manchmal bin ich – zugegeben – vielleicht etwas reingeschossen.» Doch sie sei mehr als eine «Ulknudel», als die sie eine Zeitung mal bezeichnet habe. «Ich bin fleissig. Ich chrampfe mich ab, und alle denken, ich chille es», sagt Trede – und wird kurz laut.

Wenn es im Herbst mit der Wiederwahl erneut nicht klappt, «dann ist es gelaufen», sagt Aline Trede. «Sonst würde ich mich ja lächerlich machen.»
Bild: Lukas Lehmann

Auf dem Weg nach unten zeigt Trede in die Richtung, wo sie wohnt. Am Stadtrand in einem Reihenhaus mit eigenem Garten. Den Gurten bestiegen hat Trede schon als Kind, heute zeigt sie ihn ihren beiden Kindern. Dazwischen, als Teenager, war sie damit beschäftigt, ihre betrunkenen Freunde nach dem Gurten-Festival unfallfrei nach unten zu bringen. Als einzig Nüchterne der Gruppe. Trinken? Sei lange überhaupt nicht infrage gekommen. «Den Alkohol habe ich erst spät entdeckt», sagt sie grinsend. Betrunken sei sie kaum anders als nüchtern. «Ausser wohl noch ausgelassener als eh schon.»

Mit Humor in den Wahlkampf

Was, wenn es im Herbst wieder nicht reicht? «Dann ist es gelaufen», sagt Trede ernst, «sonst würde ich mich ja lächerlich machen.» Immerhin aber stünde sie nicht mehr vor dem Nichts. Trede hat sich nach einer Weiterbildung in BWL inzwischen mit einer Kampagnenfirma selbstständig gemacht. «Ich habe gelernt aus der Niederlage.» Das Leben gehe weiter. Und so zeigt Trede beim Wahlkampf Humor. Sie überlegte, den Slogan #wählenstattrutschen zu verwenden. Oder zumindest #mitAlinegehtdaswirklich – in Anlehnung an ihren letzten Wahlkampfslogan #mitAlinegehtdas.

Bern muss auch 2019 wieder einen Nationalratssitz abgeben. Trotz dieser Ausgangslage, die Trede an ein unschönes Déjà-vu erinnern muss, stehen die Vorzeichen für ihre Wahl gut. Das neueste SRG-Wahlbarometer vom Juni sagt den Grünen einen Wähleranteil von 10,1 Prozent voraus – ein Plus von drei Prozentpunkten im Vergleich zu den Wahlen 2015. Damit könnte die Partei sogar der CVP (10,6 Prozent) gefährlich werden. Dass 2019 von den Gewerkschaften zum Frauenjahr ausgerufen worden ist, auch das dürfte Trede, die sich so für Gleichberechtigung einsetzt, helfen.

«Ich habe gelernt aus der Niederlage der Abwahl», sagt Grünen-Nationalrätin Aline Trede.
Bild: Lukas Lehmann

«Bin noch nicht fertig»

Dass sie im Herbst erneut antritt, stand für Trede übrigens ausser Frage. Alles andere wäre für sie nach ihrem Entscheid, letztes Jahr nochmals nachzurücken, inkonsequent gewesen. Vor allem aber: «Ich bin noch nicht fertig mit der Politik», sagt Trede.


Sommerserie «Wandern mit...»: Wandern ist als Schweizer Volkssport eine passende Gelegenheit, eine Politikerin oder einen Politiker fernab des Bundeshauses zu treffen. «Bluewin» begleitet im Vorfeld der Gesamterneuerungswahlen vom 20. Oktober Albert Rösti (SVP), Corrado Pardini (SP), Petra Gössi (FDP), Markus Ritter (CVP) und Aline Trede (Grüne) auf einer von diesen jeweils ausgewählten Route. Die Porträtierten treten alle zur Wiederwahl an.

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