«Das Feuer im Gotthard erinnerte mich an ein Krematorium»

Von Paolo Beretta

23.10.2021

Am Morgen des 24. Oktober 2001 um 9.39 Uhr kollidierten zwei Lastwagen etwas mehr als einen Kilometer vor dem Tessiner Eingang des Gotthardtunnels. Ein betrunkener Lastwagenfahrer, der gerade in den Tunnel eingefahren war, wich auf die Gegenfahrbahn aus und verursachte einen Frontalzusammenstoß. Elf Menschen starben bei dem Unfall.
Am Morgen des 24. Oktober 2001 um 9:39 Uhr kollidierten zwei Lastwagen etwas mehr als einen Kilometer vor dem Tessiner Eingang des Gotthardtunnels. Ein betrunkener Lastwagenfahrer, der gerade in den Tunnel eingefahren war, wich auf die Gegenfahrbahn aus und verursachte einen Frontalzusammenstoss. Elf Menschen starben bei dem Unfall.
Bild: Keystone

Beppe Savary-Borioli gilt als Pionier der Schweizer Notfallmedizin und gehörte vor 20 Jahren zu den ersten Ärzten, die beim Gotthard-Brand vor Ort waren. Elf Menschen verloren am 24. Oktober 2001 ihr Leben. Im Gespräch erklärt er, warum ein Tunnelbrand so gefährlich ist und wie man damit umgeht.

Von Paolo Beretta

23.10.2021

Herr Savary, wo waren Sie, als Sie vom Vorfall am Gotthard erfuhren?

Ich erinnere mich sehr gut daran. Zu dieser Zeit war ich unter anderem medizinischer Leiter des Corce Verde in Lugano und besuchte mit einigen Kollegen das Informationszentrum auf der AlpTransit-Baustelle in Pollegio. Als wir das Gebäude verliessen, sahen wir eine Rauchsäule über Airolo aufsteigen. Nachdem wir vom Feuer erfuhren, machten wir uns sofort mit heulenden Sirenen auf den Weg und waren innerhalb von wenigen Minuten vor Ort – eine unglaubliche Reaktionsgeschwindigkeit.

Was taten Sie zuerst?

Ich war einer der ersten Ärzte, die dort waren. Wir gingen zur Notrufzentrale, um die neuesten Informationen zu erhalten. Die Feuerwehrleute, die für den Kampf gegen die Flammen, die Hitze und den Rauch ausgerüstet waren, wollten gerade den Tunnel betreten. Zusammen mit Michele Bonato, dem medizinischen Leiter von Tre Valli Soccorso, betrat ich anschliessend den Notfalltunnel, um eine Inspektion durchzuführen.

Was haben Sie gesehen?

Um uns ein besseres Bild von der Situation zu machen, öffneten wir eine der Seitentüren einen Spalt. Wegen des Rauchs konnten wir ihn nicht weit öffnen, aber das Wenige, das wir sehen konnten, bestätigte unsere Vermutung: nämlich dass wir als Rettungskräfte nicht hineingelangen konnten und dass wir nichts mehr für die im Tunnel verbliebenen Menschen tun konnten.

Warum war dies so klar?

Ich habe schon mehrere Brände miterlebt, aber nie mit so vielen Opfern und nicht in einer derart geschlossenen Umgebung. Um die Szene zu beschreiben, muss ich einige starke Worte benutzen: Es erinnerte mich an ein Krematorium wegen der grossen Hitze und des vielen Rauchs, insbesondere für diejenigen, die sich in der Nähe des brennenden Lastwagens befanden. Unter diesen Bedingungen war es unmöglich, im Tunnel zu überleben.

An diese Bilder erinnern wir uns noch heute.

Ja, das Bild, das mir am meisten im Gedächtnis geblieben ist, ist das der Aschehaufen. Es war das Einzige, was von den Menschen übriggeblieben ist, die sich nicht retten konnten.

In den ersten Stunden spekulierten einige Medien über die Anzahl Opfer: Es war von 90 Toten die Rede.

Wir hatten relativ wenige verkohlte Fahrzeuge im Tunnel gesehen und wussten daher, dass die Angaben der Presse unrealistisch waren. Wir schätzten, dass es höchstens 15 Todesfälle gegeben hatte. Die offizielle Zahl der Todesopfer, die zwei Tage später bekannt gegeben wurde, betrug elf. Anders als man meinen könnte, verbrannten die Menschen nicht wegen der Flammen, sondern erstickten wegen des dichten Rauchs. Dies ist bei Bränden häufig der Fall.

Was passiert hierbei genau?

Bei Bränden entstehen schädliche Gase, insbesondere Kohlenmonoxid und Zyanid. Um jemanden zu behandeln, der Kohlenmonoxid eingeatmet hat, wird viel Sauerstoff verabreicht. Bei einer Zyanid-Vergiftung ist die Situation jedoch komplizierter, da es sich an die Mitochondrien anlegt und die Zellatmung blockiert. Um diesen Vorgang zu bekämpfen, benötigt man Cyanokit, ein sehr teures Gegenmittel, das nur in begrenzten Mengen verfügbar ist.

Beppe Savary-Borioli
Beppe Savary
© Ti-Press / Pablo Gianinazzi

Beppe Savary-Borioli, geboren 1952, ist einer der Gründerväter der Schweizer Notfallmedizin. Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums in Zürich 1978 führte ihn seine Ausbildung in der Notfallmedizin in die USA, nach Kanada, Frankreich, Österreich, Italien, Deutschland und wieder zurück in die Schweiz. Im Jahr 1981 wurde er Internist am Carità-Spital in Locarno. Danach zog er in das Onsernone-Tal, wo er fast 40 Jahre lang als Referenzarzt für die Bevölkerung und das Sozialzentrum Onsernone tätig war. Im Laufe seiner Karriere bekleidete er zahlreiche Spitzenpositionen, darunter die des medizinischen Direktors des Croce Verde di Lugano (Ambulanzdienst) und jene des Präsidenten des Verwaltungsrates des FCTSA, des Verbandes der Ambulanzdienste (und der Rega-Basis) im Kanton Tessin. Er war medizinischen Direktors der SALVA, des Ambulanzdienstes Locarnese e Valli. Er war auch mehrere Jahre lang der offizielle Arzt des Filmfestivals von Locarno. Er hält den Tessiner Rekord für die Anzahl der von ihm unterzeichneten Totenscheine. Sie wurden nie offiziell gezählt, aber es wird geschätzt, dass es mindestens 2000 sind. In der Notfallmedizin, wo er das Konzept der Triage von Patienten landesweit einführte, wo er noch immer lehrt, sind einige seiner Sätze berühmt. Darunter etwa: «In der Notfallmedizin sind die wichtigen Dinge einfach und die einfachen Dinge sind wichtig», «Unser wichtigstes Medikament ist das in den grössten Fläschchen: Es ist Sauerstoff.» und «Teamwork ist in der Notfallmedizin lebenswichtig».

Was taten Sie als Nächstes?

Brände sind das schlimmstmögliche Notfall-Szenario. Im Französischen spricht man von den vier B: Les brulés, les blessés, les blastés und les bouleversés. Das sind die Verbrannten, die Verletzten, die durch Explosionen Verletzten und jene, die unter den Auswirkungen von Sauerstoffmangel und dem Einatmen giftiger Gase leiden. In Anbetracht dieses Szenarios bereiteten wir eine erweiterte medizinische Versorgung mit Sauerstoffflaschen und Geräten zur Messung von Kohlenmonoxidvergiftungen vor.

Wie viele Patient*innen hatten Sie?

Es waren etwa 20 Personen, die sich durch den Rettungsschacht in Sicherheit bringen konnten. Keiner von ihnen benötigte dringende medizinische Hilfe. Der einzige Patient, den wir tatsächlich hatten, war ein Feuerwehrmann, der betrunken war, weil er sich nicht geschützt hatte. Unter den Autofahrern musste sich jeder einmal austoben können. Wir haben Essen und Trinken organisiert. Sie unterhielten sich miteinander. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen übersetzten wir. Es bildete sich eine gewisse Gemeinschaft unter den Überlebenden.

Eine Gemeinschaft der Überlebenden?

Dank der Katastrophenmedizin-Kurse, die ich in Frankreich besucht hatte, wusste ich, dass man sich immer sehr gut um die Überlebenden kümmern muss. Man kann nicht einfach sagen: Du bist nicht körperlich verletzt, also kannst du gehen. Denn das ist nicht der Fall. Die Betroffenen haben gerade ein traumatisches Erlebnis hinter sich gebracht. Deshalb ist es wichtig, ihnen zuzuhören.

Was haben Sie konkret getan?

Wir halfen ihnen, ihre Familien und Freunde zu kontaktieren. Einigen waren wir bei der Organisation der Weiterreise behilflich. Wir liessen die Überlebenden miteinander interagieren und gaben ihnen das Gefühl, dass sie an einem sicheren Ort sind. Sie sollten sich gegenseitig von ihren Erfahrungen berichten, denn dadurch wird das Aufkommen von Schuldgefühlen vermieden. Typischerweise fragen sich viele in einer solchen Situation: Aber warum lebe ich und die andere Person nicht? Auch besuchten wir sie später im Spital San Giovanni in Bellinzona.

Sie kümmerten sich noch über den 24. Oktober hinaus um die Überlebenden?

Nein. In der Fachwelt sprechen wir von einer Entschärfung. Diese findet unmittelbar nach dem Ereignis statt, das die Betroffenen erlebt haben. Ein einfaches Beispiel hierfür: In der Feuerwehr geht man nach einem Einsatz gemeinsam ein Bier zu trinken. Man erzählt sich gegenseitig, was passiert ist. Genau dies taten auch die Überlebenden des Gotthard-Brands in den Sanitätsposten.

Wie schilderten diese Menschen den Brand?

Zwei Erlebnisberichte blieben mit in Erinnerung: Ein Paar erzählte beispielsweise, dass es seinen Hund im Tunnel verloren hatten. Einer von beiden wollte ihn suchen. Aber der andere meinte, es sei sinnlos, weil das Tier sich selbst retten würde. Hätten die beiden wohl einige Augenblicke gezögert, wären sie wohl nicht mehr lebend aus dem Tunnel gekommen. Kurz darauf erinnerte ich mich, dass ich unter den Aschehaufen im ausgebrannten Tunnel einen gesehen hatte, der kleiner war als alle anderen. Da wurde mir klar, dass es der Hund es nicht geschafft hat.

Und die zweite?

Ein Mann erzählte mir, wie er sich retten konnte. Weil der Rauch so dicht war und er nichts sehen konnte, ging er nicht aufrecht, sondern begann zu kriechen. Erst als er in die Nähe einer Sicherheitstür kam, stand er auf. Er versuchte, sie zu öffnen, was ihm jedoch nicht sofort gelang. Da die Türen unter Überdruck standen, war dies sehr schwierig. Ihm wurde jedoch klar, dass er, obwohl er erschöpft war, in der Lage sein musste, sie zu öffnen, um sich zu retten. Zum Glück ist ihm das gelungen.

In solchen Situationen kommt es auf jede Sekunde an. Sie können über Leben und Tod entscheiden.

Aus der Geschichte dieses Mannes können wir alle etwas lernen für den Fall, dass wir in einen Brand geraten: nicht laufen, sondern kriechen, möglichst unter dem Rauch hindurch, der höher ist. Ein Beispiel zum Verständnis aus der jüngeren Geschichte ist der Unfall in Kaprun in Österreich im Jahr 2000. Die Standseilbahn fing im Tunnel Feuer. Nur wenige Menschen konnten gerettet werden. Es waren nur jene, die den Mut hatten, gegen den Rauch bergab zu gehen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es brennt. Danach verschwindet der Rauch. Wenn Sie bergauf gehen, bleiben Sie mittendrin.

Auch wenn es erst viel Licht hat, verschlechtert sich die Sicht bei einem Brand rasant.

Ja, das ist wahr. Zudem waren vor 20 Jahren die Notausgänge nicht so gut beleuchtet und ausgeschildert wie heute. Ich habe die Angewohnheit, jedes Mal, wenn ich einen Tunnel betrete, zu schauen, wo sich der nächste Notausgang befindet. Es kann wichtig sein, das zu wissen. Für den Mann, der sich kriechend retten konnte, war es wichtig. Er sagte mir, er habe gewusst, dass er nicht weit von einem Fluchtweg entfernt sei. Wenn er in die andere Richtung gekrochen wäre, hätte er es nicht geschafft. Heutzutage haben wir auch Mobiltelefone, die uns mit ihrem Licht sehr nützlich sein können. Es sind kleine Dinge, aber sie können uns im Ernstfall retten. Ausserdem gilt der Grundsatz, dass man bei einem Brand sich selbst und andere, nicht aber Gegenstände, in Sicherheit bringen soll.

Was haben Sie bezüglich der Notfallmedizin aus dem Brand am Gotthard gelernt?

Das Ereignis hat bestätigt, dass unser Interventionssystem, wie es für Katastrophen von grossem Ausmass konzipiert ist, geeignet ist. So trafen beispielsweise mehrere Hubschrauber innerhalb kürzester Zeit am Einsatzort ein. Glücklicherweise brauchten wir sie nicht, weil es keine Patienten gab.

Der 24. Oktober 2001 war ein langer Tag für Sie, denn nachdem die Überlebenden nach Bellinzona überführt worden waren, mussten Sie eine andere Aufgabe übernehmen.

Ja. Vor zwanzig Jahren gab es noch keine so gut organisierten Informationsdienste für die Einsatzkräfte wie heute. Damals war es ein Ereignis von europäischer Dimension, vielleicht das erste derartige Ereignis im Tessin in der Neuzeit. Innerhalb weniger Stunden schossen die Kameras und Journalisten in Airolo wie Pilze aus dem Boden. Es war ein Wald von Satellitenschüsseln. Sie kamen aus allen Ecken Europas. Sogar die US-Medien hatten ihre Korrespondenten geschickt.

Sie waren nicht der Einzige, der vor die Mikrofone trat.

Nach Abschluss der Operation kehrten viele der Retter zurück. Mein Kollege Fabio Fransioli, der Arzt in Airolo war, blieb bei mir. Wir haben uns die Arbeit aufgeteilt. Wir mussten der Öffentlichkeit erklären, was passiert war und was wir als Retter getan hatten. Wir wussten, dass sich die Aufmerksamkeit der Medien in den folgenden Tagen auf andere Aspekte verlagern würde und dass wir nicht mehr vor die Kameras treten mussten. Aufgrund meiner Sprachkenntnisse hatte ich vor allem mit deutschsprachigen Medien zu tun und mit solchen, in denen Englisch gesprochen werden sollte, wie CNN oder BBC. Ich habe dann Fabio Pedrina, damals Nationalrat und Präsident der Alpen-Initiative, gebeten, uns bei den belgischen Journalisten zu helfen, weil der Tunnel auch für Brüssel wichtig war.

Sie sind vor Kurzem in den Ruhestand getreten, aber Sie haben immer noch eine grosse Leidenschaft für die Notfallmedizin. Woher kommt das?

Diese Leidenschaft? Ich war in der Notfallmedizin, bevor es sie offiziell gab. Während meiner chirurgischen Facharztausbildung wurde mir klar, dass wir die schwerwiegendsten Fälle am Unfallort abholen müssen und nicht warten dürfen, bis sie bei uns eintreffen.

Warum?

Damals, in den 1980er-Jahren, gab es noch keine Notfallnummer 144. Menschen, die Hilfe brauchten, riefen das Krankenhaus an. Manche Anrufe gingen so: Komm schon, es gab einen Unfall auf der Autobahn und jemandem geht es nicht gut. Der Krankenwagen wurde vom Gärtner gefahren, begleitet vom Handwerker, der im Krankenhaus in Rorschach Schlachter genannt wurde. Mit einer Kollegin, die später Gynäkologin wurde, beschlossen wir, das Notfall-Team manchmal zu begleiten. Kurze Zeit später waren sie es, die uns baten, sie zu begleiten.

Das Konzept des Notarztes gab es also noch nicht?

Ich war einer der ersten in der Schweiz, die an einem Pilotkurs für Notärzte teilgenommen hatte. Das war alles, was es zu dieser Zeit gab. Danach habe ich mich in Frankreich weitergebildet und ein Universitätsdiplom in Katastrophenmedizin erworben. Und wie wir bei dem katastrophalen Ereignis im Tessin vor 20 Jahren gesehen haben, waren diese Fähigkeiten sehr nützlich.