Reformierte Kirche sieht sexuellen Übergriff des Ex-Präsidenten bestätigt

SDA/lmy

4.8.2021

Pfrn. Rita Famos, Praesidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, rechts, spricht an der Seite von Roland Stach, Vizepraesident der nichtstaendigen Untersuchungskommission, Marie-Claude Ischer, Praesidentin der nichtstaendigen Untersuchungskommission, und Evelyn Borer, Synodepraesidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, von links, waehrend der Medienkonferenz ueber den Bericht nichtstaendigen Untersuchungskommission der EKS zu den Vorfaellen im Zusammenhang mit der Beschwerde gegen den frueheren Ratspraesidenten Gottfried Locher, am Mittwoch, 4. August 2021 in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
EKS-Präsidentin Rita Famos und Mitglieder der Untersuchungskommission stellten den Bericht vor.
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Vor einem Jahr trat Gottfried Locher wegen Vorwürfen von sexueller Grenzverletzung zurück. Eine Untersuchungskommission hat die Vorfälle untersucht und ihre Ergebnisse nun vorgestellt.

SDA/lmy

4.8.2021

Der ehemalige Präsident der Reformierten Kirche Schweiz, Gottfried Locher, hat eine ehemalige Mitarbeitende in ihrer sexuellen, psychischen und spirituellen Integrität verletzt. Zu diesem Schluss kommt eine von der Kirche eingesetzte Untersuchungskommission. Diese wiederum hatte eine externe Anwaltskanzlei mit der Aufarbeitung betraut.

Die Aufarbeitung des Falls kostete die Kirche bisher rund 400'000 Franken, wie Roland Stach, Mitglied der Untersuchungskommission, am Mittwoch vor den Medien in Bern ausführte. Die Kommission schlägt der Kirchenleitung auch vor, eine von der ehemaligen Mitarbeiterin gestellte Forderung auf Wiedergutmachung zu prüfen.

Der Bericht stellt Locher kein gutes Zeugnis aus: Er habe seine Macht als Kirchenpräsident missbraucht und eine ehemalige Mitarbeitende in ihrer Persönlichkeit verletzt. Der damals oberste Reformierte hat nach Ansicht der Kommission «nicht rechtschaffen gehandelt und gegenüber der ehemaligen Angestellten kein vorbildliches Verhalten gezeigt», steht im Bericht.

Keine Kooperation von Locher

Locher habe Berufliches und Privates nicht genügend getrennt, lautet ein weiterer Vorwurf. Statt die Beziehung zur Beschwerdeführerin auf das Berufliche zu reduzieren, habe er stets neue Versuche unternommen, die Beziehung wieder ins Persönliche zu verlegen. Die Mitarbeitende sei damit «unerwünschten Avancen» Lochers ausgesetzt gewesen.

Der Vorwurf, Berufliches und Privates nicht zu treffen, dürfte auch auf eine weitere Liebesbeziehung Lochers mit einem Mitglied des Kirchenrats gemünzt sein.

Locher selber habe sich bei der Aufarbeitung des Falls nicht kooperativ gezeigt, bilanzierte Marie-Claude Ischer, Präsidentin der Untersuchungskommission, vor den Medien. Die mit der Untersuchungsarbeit betraute Anwaltskanzlei habe zu Locher Kontakt gesucht, dieser sei darauf aber nicht eingetreten.

Hoffnungsträger mit Machtgehabe

Als Gottfried Locher 2011 Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) wurde, galt er vielen als Hoffnungsträger. Dem charismatischen Theologen mit viel Selbstbewusstsein und gewandtem Auftreten wurde zugetraut, der Protestantischen Kirche mehr Sichtbarkeit und ein klareres Profil zu verschaffen.

Locher hielt denn auch nicht mit teilweise provokanten Äusserungen hinter dem Berg. Zunehmend stiess er damit aber auch in eigenen Reihen auf Kritik. Insbesondere irritierte viele, dass Locher auf eine starke Kirchenleitung pochte und dies auch in einer neuen Verfassung niederschreiben wollte. Kritiker warfen Locher Machtgehabe vor.

Kirchenbund-Praesident Gottfried Locher, fotografiert waehrend der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, am Dienstag, 5. November 2019 im Rathaus in Bern. Der Evangelische Kirchenbund debattiert und entscheidet heute ueber ein Positionspapier zur
Der Theologe Gottfried Locher war von 2011 bis 2020 Präsident des EKS.
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Auch wurde zunehmend Kritik an seinem Frauenbild laut, etwa als der oberste Protestant in einem Weltwoche-Artikel Bedenken zur «Feminisierung» in der Kirche äusserte. In einem Buch äusserte sich Locher auch zu Sexualität und Prostitution. Für Anstoss sorgte seine Aussage: «Befriedigte Männer sind friedlichere Männer. Darum sage ich, wir sollten den Prostituierten dankbar sein. Sie tragen auf ihre Art etwas zum Frieden bei.»

Eine ehemalige Angestellte erhob gegen Locher Vorwürfe wegen «Grenzüberschreitungen». Was mit dem Begriff gemeint ist, wurde nie erklärt. Auch weitere Frauen erhoben ähnliche Vorwürfe.



2020 kam es im Leitungsgremium der Reformierten Kirchen zum abrupten Abgang von Pfarrerin Sabine Brändlin. Sie hatte offengelegt, mit Locher ein Verhältnis gehabt zu haben.

Locher sah hinter den Vorwürfen eine orchestrierte Kampagne gegen ihn. Mit PR-Beratern und Anwälten versuchte er lange, die Deutungshoheit des Geschehens zu behalten. Ende Mai 2020 trat Locher schliesslich zurück.

Neue Präsidentin bedauert Vorfälle

Neue oberste Protestantin wurde im November 2020 Pfarrerin Rita Famos. Sie hatte bereits 2018 erfolglos gegen Locher kandidiert. Sie bedauert die Vorfälle im Zusammenhang mit ihrem Amtsvorgänger Gottfried Locher. Famos entschuldigte sich bei der betroffenen Mitarbeitenden, die laut Untersuchung durch Locher in ihrer Integrität verletzt worden war.

Famos entschuldigte sich für das Leid und den langen Weg, den es gebraucht habe, damit sich die Betroffene habe Gehör verschaffen können. Die Ereignisse hätten die Institution erschüttert, betonte Famos.

Viele der von der Untersuchungskommission vorgeschlagenen Massnahmen seien bereits umgesetzt worden oder in Umsetzung. Die Reformierte Kirche habe einzig in einem Punkt eine etwas andere Meinung, nämlich darüber, ob es organisatorische Veränderungen braucht.

Famos verwies auf die erst vor Kurzem von der Synode, dem Kirchenparlament, in Kraft gesetzte Verfassung. Ihrer Ansicht nach brauche es nicht bereits eine Änderung, aber das sei letztlich Sache der Synode, sagte Famos vor den Medien.