Britische Ärzte fordern Plan B, Niederlande verschieben Operationen

lmy

21.10.2021

epa09527602 Visitors attend the Awakenings X Maceo Plex show as part of the Amsterdam Dance Event (ADE) at the Ziggo Dome in Amsterdam, Netherlands, 16 October 2021. Awakenings normally take place in the techno temple de Gashouder, but this year the organization had to move to the Ziggo Dome due to the coronavirus measures. EPA/RAMON VAN FLYMEN
Vergangene Woche nahmen in Holland Tausende von Menschen am Tanzevent Awakenings X teil.
KEYSTONE

In vielen Ländern steigen die Corona-Fallzahlen wieder an. In Grossbritannien stemmt sich die Regierung noch gegen Verschärfungen, während andernorts wieder ein Lockdown ausgerufen wird.

lmy

21.10.2021

In Melbourne endet dieser Tage nach 262 Tagen der längste Corona-Lockdown der Welt. Andere Länder ziehen derweil die Schraube wieder an – oder müssen sich das zumindest überlegen: So steigen die Zahlen in Grossbritannien und in den Niederlanden seit Anfang Monat wieder stark an.

Zuletzt wurden im Vereinigten Königreich knapp 50'000 Neuinfektionen pro Tag registriert. Bei einer Bevölkerung von 67,2 Millionen Menschen entspricht dies einer höchsten Infektionsraten weltweit. Die Zahl der täglichen Spitaleinweisungen liegt bei fast 1000. Und bei den Todesfällen wurde am Dienstag mit 223 gemeldeten Fällen ein Stand wie zuletzt im März erreicht. 

7-Tage-Inzidenzen im Vergleich:

  • Lettland: 826,5
  • Vereinigtes Königreich: 466,6
  • Österreich: 193,0
  • Niederlande: 156,3
  • Russland: 155,6
  • Deutschland: 85,6
  • Schweiz: 80,2
  • Australien: 61,1
  • Frankreich: 56,1
  • Italien: 31,1

    Fälle pro 100'000 Einwohner, Quelle: corona-in-zahlen.de

Am sogenannten «Freedom Day» vom 19. Juli waren im Landesteil England fast alle Corona-Regeln abgeschafft worden. «Vorsichtig, aber unumkehrbar», hatte Premierminister Boris Johnson den Schritt damals genannt. Experten warnten aber schon bald darauf vor steigenden Zahlen.

Die Regierung will derzeit keine Massnahmen ergreifen – gleichzeitig warnte Gesundheitsminister Sajid Javid davor, dass die täglichen Neuinfektionen auf bis zu 100'000 ansteigen könnten. Für die Regierung ist es aber noch nicht an der Zeit, ihren Plan B. zu aktivieren

Die Regierung hatte diesen vor einigen Wochen vorgestellt. Er beinhaltet die Wiedereinführung der Maskenpflicht in Innenräumen und eine Homeoffice-Empfehlung. Statt diesen Plan B in Betracht zu ziehen, sollen die Menschen verstärkt dazu aufgerufen werden, sich impfen zu lassen.

Ärzte fordern Massnahmen

Der britische Ärzteverband British Medical Association (BMA) zeigt sich bestürzt darüber. Die Regierung habe versprochen, den Plan B einzuleiten, wenn das Gesundheitssystem Gefahr laufe, überlastet zu werden. «Als Ärzte, die in erster Reihe stehen, können wir absolut sagen, dass dieser Punkt jetzt erreicht ist», sagte ein Vertreter der BMA.

Dafür, dass Grossbritannien erneut zum Sorgenkind in der Pandemie zu werden droht, dürfte es verschiedene Gründe geben. Womöglich wird den Brit*innen ihr Impfwunder nun teilweise zum Verhängnis, weil die Wirkung bei vielen bereits nachlässt – ein Effekt, der sich auch in Israel gezeigt hatte. Auch die völlig uneingeschränkten Menschenansammlungen in Innenräumen dürften einen grossen Anteil an der Entwicklung haben.

Zu ähnlichen Schlüssen kommt der Epidemiologe Neil Ferguson vom Imperial College in London. Er blickt vor allem mit Sorge auf die besonders hohen Infektionsraten unter Jugendlichen. 12- bis 15-Jährige in England werden bislang nur einmal geimpft und die Impfrate ist niedrig. Er fordert daher eine Zweitimpfung für Jugendliche und eine Beschleunigung der Impfkampagne insgesamt.

Niederländische Spitäler stark belastet

Auch in den Niederlanden steigen die Corona-Infektionen weiter stark an, die 7-Tage-Inzidenz liegt mittlerweile bei 156. Das zuständige Reichsinstitut für Gesundheit und Umwelt (RIVM) sieht einen direkten Zusammenhang mit der Lockerung der Massnahmen vor etwa drei Wochen.

So war die Abstandsregel von 1,5 Metern aufgehoben worden. Masken müssen nur im öffentlichen Nahverkehr getragen werden. Nur vor dem Besuch von Gaststätten wird ein Nachweis verlangt, dass man getestet, geimpft oder genesen ist.

Auch die Zahl der Todesfälle steigt. In den vergangenen sieben Tagen wurden 48 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet, fast doppelt so viele wie in der Vorwoche. Die Zahl der Covid-Patient*innen in den Spitälern und auf den Intensivstationen stieg so stark an, dass Kliniken erneut Operationen absagen müssen. Etwa 80 Prozent der Covid-Patient*innen sind nicht geimpft.

Die niederländische Regierung hat darauf noch nicht reagiert. Dafür hat Marokko alle Flugverbindungen in die Niederlande gestoppt, betroffen sind auch Grossbritannien und Deutschland.

Weitere Lockdowns in Lettland und Moskau

Auch in anderen Ländern steigen die Fallzahlen und die Massnahmen werden wieder verschärft. So plant etwa die lettische Regierung einen Lockdown bis 15. November: Alle Geschäfte ausser Läden für den täglichen Bedarf sollen schliessen, der Schulbetrieb wird auf Fernunterricht umgestellt, in der Nacht sollen die Leute ihre Wohnung nur mit einem triftigen Grund verlassen dürfen, wie der «Blick» berichtet.

Moskauer Klinik verzweifelt an Ungeimpften

Moskauer Klinik verzweifelt an Ungeimpften

In Russland erreicht die Zahl der Corona-Toten immer neue Höchststände. Die allermeisten Todesopfer sind nicht gegen das Coronavirus geimpft. In einer Moskauer Klinik steht das Personal angesichts dieses Befundes am Rande der Verzweiflung.

21.10.2021

Russland spürt die grosse Impfskepsis der Bevölkerung, die Spitäler sind am Verzweifeln (siehe Video oben). Nächste Woche soll wieder auf Homeoffice umgestellt werden, Staatsangestellte sollen zum Impfen gezwungen werden. Zudem will die Hauptstadt Moskau Geschäfte und Freizeiteinrichtungen eine Woche lang schliessen. «In Moskau entwickelt sich die Lage nach dem schlimmsten Szenario weiter», begründete Bürgermeister Sergej Sobjanin sein Vorgehen.

Auch in Deutschland und Österreich sind die Zahlen zuletzt gestiegen. In Deutschland will Gesundheitsminister Jens Spahn die Massnahmen trotzdem Ende November auslaufen lassen. Österreich dagegen führt – wie Italien – die 3G-Regel am Arbeitsplatz ein.

Mit Material der Agenturen SDA und DPA.