Die Läden in Zürich sind so offen wie ihre Zukunft

Von Philipp Dahm

1.3.2021

Auf der Sonnenseite: Schlange vor Louis Vuitton in der Zürcher Bahnhofsstrasse.
Bild: blue News

Die Schweiz hat ihr Corona-Regime gelockert – stürmen nun die Shopper die Geschäfte? Welche Läden profitieren von dem neuen Regime? Ein Augenschein in Zürich.

Montagmorgen vor dem Zürcher Einkaufszentrum Sihlcity. Von einem Ansturm der Shopper kann keine Rede sein: Es ist belebt, aber keinesfalls beengt auf dem Kalanderplatz. Dass Pandemie ist, erkennt man an den Masken. Dass gerade Lockerungen in Kraft getreten sind, merkt man kaum.

Höchstens an dem Wachmann am Eingang, der kritisch prüft, ob alle Gesichtsschutz tragen. Und an dem im ersten Stock grad an der Rolltreppe, der offenbar überprüft, ob auch keiner die Maske wieder abgenommen hat. Und an dem Wachmann, der durch den dritten Stock patrouilliert. Was die Sicherheitsleute erzählen, ist bezeichnend dafür, wie locker sich die Schweiz an diesem Montag tatsächlich gemacht hat.

Weg zum Kalanderplatz und dem Sihlcity-Einkaufszentrum: Kunden ja, Ansturm nein.
Bild: blue News

Die Frage, ob es viele Maskenmuffel gebe, verneint der jüngere Wachmann am Eingang. Eher komme es vor, dass sie falsch getragen würden, weil etwa die Nase nicht bedeckt ist. Ärger habe er vor allem mit älteren Kunden, die sich von ihm nicht belehren lassen wollten.

Sein Kollege im ersten Stock ist dagegen im Seniorenalter. Kommt es häufig vor, dass die Leute hinter dem Eingang die Maske abziehen? «Ja», bestätigt er. Und nicht selten bekomme er Widerworte oder Beleidigungen zurück. Es seien die Jüngeren, die potenziell Ärger machen – im Gegensatz zur Generation Ü40.

Mal mehr, mal weniger

Eine Widersprüchlichkeit, die sich durch diesen Montagmorgen in Sihlcity zieht. «Ich hätte auch gedacht, dass mehr los sein wird», sagt die Verkäuferin im Media Markt, in dem das Kundenaufkommen normal zu sein scheint. Das gilt auch für Amsler Spielwaren einen Stock tiefer, doch hier sagt die Dame an der Kasse, es sei eine Menge los für Montagmorgen.

Bei PKZ ein paar Schritte weiter verliert sich kein Kunde im Laden, in dem sich laut Schild «maximal 50 Personen» aufhalten dürfen. Derweil hat sich nebenan vor dem viel kleineren Kinderschuhgeschäft eine kleine Schlange von Eltern nebst Nachwuchs aufgebaut, die mehr oder weniger geduldig warten.

Kleines, gefragtes Fachgeschäft: Schlange vor dem Kinderschuhgeschäft Walder Junior.
Bild: blue News

Auch bei Qualipet geht es an diesem Montagmorgen überschaubar zu, doch die Tierhandlung sei zuvor eben auch offen gewesen, erklärt eine Verkäuferin – wegen der Deckung des Grundbedarfs. Nun dürften aber auch wieder Tiere wie Mäuse oder Fische verkauft werden, weshalb am Morgen schon mehr los gewesen sei als sonst.

Schnattern vor dem Louis Vuitton

Wer profitiert besonders von den heutigen Lockerungen? Es sind einerseits die Grossen, die Luxusläden an der Bahnhofsstrasse, wo sich am Mittag eine veritable Schlange vor der Filiale von Luis Vuitton gebildet hat. Schnatternd vertreiben sich die Shopper in der Sonne die Wartezeit, während auch vis-a-vis auf der Schattenseite beim Edeljuwelier drei gut betuchte Herren ausharren.

Andererseits warten auch vor dem kleinen Bekleidungsgeschäft Barbar Vintage ein paar Strassen weiter Kunden auf der Strasse auf Einlass. Es sind jene kleinen Geschäfte, die diesen Montag herbeigesehnt haben. So wie der Laden Marta vis-a-vis vom Sihlcity.

Hier kann man sich eine Stange mieten, an der man seine Secondhand-Kleidung verkaufen kann, deren Preise man selbst festlegt. «Das sind Einzelstücke, wir können das nicht online verkaufen», erklärt die freundliche Dame am Tresen. 

Wichtig für die Psyche

Deshalb sei sie froh, dass wieder geöffnet ist – aber allein deswegen. Sie habe Kurzarbeit beantragt und sei gut über die Runden gekommen, doch es sei wichtig, wieder rauszugehen, zu arbeiten und einer Aufgabe nachzugehen. «Auch psychologisch.»

«Das lange Warten hat ein Ende»: Begrüssung am Eingang des Secondhandladens Marta.
Bild: blue News

Doch von Euphorie kann keine Rede sein. Während der Optiker schon die ganze Zeit offen hatte, freuen sich andere darüber, nun wieder Kunden empfangen zu können. Wer davon nichts hat, sind Wirte wie Sebastian Burgstein.

Hat der Chef von Burgsteins Penalty Gasthaus mehr Laufkundschaft gehabt an diesem Montag? Der Mann lacht grimmig und verneint, während er noch ein wenig fester auf die Schnitzel schlägt, die er mittags zum Mitnehmen vorbereitet. Er deutet auf den besonnten Hallwylplatz vor der Tür und fragt, warum er nicht öffnen darf.

Das passt irgendwie zur Bilanz der heutigen Lockerung – nicht Fisch, nicht Vogel.

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