Räumung von Munitionslager Bald ein totes Dorf? Die meisten Mitholzer würden wegziehen

SDA/uri

25.6.2020

Sicht auf die Abrissstelle im Fels (Mitte rechts) in Mitholz. (Archiv)
Sicht auf die Abrissstelle im Fels (Mitte rechts) in Mitholz. (Archiv)
Bild: Keystone

Vor über 70 Jahren explodierte das Munitionsdepot Mitholz – neun Menschen starben, das Dorf wurde schwer verwüstet. Wenn die gefährliche Munitionsräumung nun Jahre dauern wird, wollen die meisten Einwohner den Ort aber für immer verlassen.

Dauert die Räumung des ehemaligen Munitionslagers der Armee in Mitholz wie veranschlagt zehn Jahre, würden fast alle Bewohner des Dorfs wegziehen. Das geht aus einer Mitwirkung hervor, deren Resultate am Donnerstag publik wurden.

Die Mitwirkung soll den Behörden zeigen, wie die Bevölkerung über die Pläne des Bundes denkt, das verschüttete Munitionslager in einer Fluh beim Dorf Mitholz zu räumen. Die heiklen Arbeiten würden zu einer Langzeitevakuierung des Dorfes führen.



Die Betroffenheit und die Belastung durch die Räumung beurteilten die Teilnehmenden der Mitwirkung als sehr gross, wie das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) am Donnerstag mitteilte.

Kritik an langer Dauer

72 Prozent der Antwortenden gaben an, dass sie dadurch eine mittlere, grosse oder sehr grosse Beeinträchtigung der Lebensqualität haben. Insbesondere die lange Dauer des Räumungsprojekts stösst in der Bevölkerung auf Kritik.

Bereits bei einer Evakuierung von mehr als einem Jahr würde gut die Hälfte der Antwortenden aus Mitholz wegziehen. Bei einer Dauer von zehn Jahren wären es über 80 Prozent.

Eine Mehrheit möchte jedoch auch bei einem Wegzug in der Region bleiben. Vom Bund erwarten die Betroffenen dabei Unterstützung und umfassende finanzielle Entschädigungen, wie aus der Mitteilung hervorgeht.

Das vom VBS im vergangenen Februar vorgestellte Räumungskonzept beurteilt die Bevölkerung unterschiedlich. Rund die Hälfte stehen der Variante einer Überdeckung der im Fels eingelagerten Munition mit Gestein positiv gegenüber. Eine solche Lösung käme aber gemäss Konzept nur zum Tragen, wenn eine vollständige Räumung nicht möglich ist.

Im restlichen Talgrund steht die Bevölkerung einer Überdeckung negativ gegenüber. Im höher gelegenen Kandersteg sehen rund zwei Drittel diese Variante als positiv an.

Dass nun die Variante der Überdeckung stärker ins Zentrum rücken könnte, verneinte das VBS am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Überdeckung «gilt weiterhin als Option, die nur realisiert werden soll, falls eine vollständige Räumung der Munitionsrückstände nicht möglich ist», heisst es in der schriftlichen Antwort.

Gegen Schutzbauten an Häusern

Eine grosse Mehrheit der Mitwirkenden lehnt Schutzbauten an Liegenschaften gegen die Auswirkungen potenzieller Explosionen als unzumutbar ab. Auch Sperrungen des Strassen- und Schienenverkehrs kommen schlecht an. Insbesondere die kantonalen und lokalen Behörden sowie Tourismuskreise fordern nachdrücklich Verkehrsverbindungen, die ununterbrochen in heutiger Kapazität zur Verfügung stehen.

Die geplanten Schutzbauten für die Bahn wurden in der Mitwirkung gut aufgenommen – mit Ausnahme der unmittelbar davon Betroffenen. Bei den Schutzmassnahmen für die Strasse haben die Mitholzer eine klare Präferenz für eine Untertunnelung oder neue Linienführung, damit das Dorf auch gleich vom Durchgangsverkehr entlastet werden kann.

Die Behörden äusserten sich in ihren Stellungnahmen grundsätzlich zustimmend zum Räumungskonzept und sicherten zu, die bisherige Zusammenarbeit fortzuführen. Die Räumung der Munitionsrückstände als Ziel wurde laut VBS nicht infrage gestellt.

Die Ergebnisse der Mitwirkung sollen nun in die Variantenevaluation einfliessen. Ein entsprechender Bericht dazu wird als Grundlage dienen für einen Antrag an den Bundesrat. Dieser wird voraussichtlich im vierten Quartal 2020 über das weitere Vorgehen entscheiden.

Explosives Erbe

In Felskavernen bei Mitholz lagern noch einige Tausend Tonnen alte Armeemunition. 1947 flog ein Teil des Munitionslagers in die Luft, der Rest wurde verschüttet.

Lange Zeit gingen Experten davon aus, dass allfällige weitere Explosionen nur beschränkten Schaden anrichten würden. Erst 2018 kam das VBS in einer neuen Risikoanalyse zu ganz anderen Schlüssen.

Nun rückte eine vollständige Räumung der explosiven Altlasten in den Fokus. Auf eine solche drängten auch die Dorfbewohner. Im vergangenen Februar wurde klar, dass das Vorhaben mit einer Evakuierungszeit von rund zehn Jahren einhergeht. Die Räumung dürfte mehr als eine Milliarde Franken kosten. Zur Not könnte die gesamte Anlage mit Gestein überdeckt werden, was den Bewohnern zwar eine Langzeitevakuierung ersparen, aber das Problem nur bedingt lösen würde.


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