Schweizer Kriegsreporter

«Die Propaganda geht von beiden Lagern aus»

Von Valérie Passello

24.3.2022

«Ohne Journalisten vor Ort kann man erzählen, was man will»: Gaëtan Vannay.
NicolasRighetti/lundi13

Bilder aus der Ukraine können täuschen und manipuliert sein, warnt Gaëtan Vannay. Der Westschweizer Journalist hat schon aus verschiedenen Kriegsgebieten berichtet und erklärt die Tücken der Informationsschlacht. 

Von Valérie Passello

24.3.2022

Die Ukrainer kommunizieren viel, während die Informationen seitens der Russen kontrolliert und sparsam ausfallen. Glauben Sie, dass wir in der Schweiz überhaupt eine ungefähre Vorstellung davon bekommen können, was im Kriegsgebiet vor sich geht?

Nicht wirklich. Es gibt zwei Arten von Fehlinformationen: die freiwillige, also Propaganda, und die unfreiwillige, also eher schlechte Information. Natürlich gibt es einen Angreifer und einen Angegriffenen, aber die Propaganda geht von beiden Lagern aus, und wir neigen spontan dazu, dem Angegriffenen mehr zu glauben. Zumal diese Seite uns näher ist, so wage ich zu behaupten, menschlich und geografisch.

Die Ukrainer sind extrem gut darin, ihre Informationen zu verbreiten und in den sozialen Medien die Federführung zu übernehmen. Was die Russen betrifft, so macht ihnen die auferlegte Redebeschränkung die Sache sehr kompliziert. Nehmen wir zum Beispiel das Internationale Filmfestival und Forum für Menschenrechte (FIFDH), das gerade in Genf zu Ende gegangen ist: Als Mitglied des Organisationskomitees hatte ich grosse Schwierigkeiten, russische Gesprächspartner zu finden. Die Leute reden nicht. Diese Situation erweckt in der Tat den Eindruck eines ziemlich einseitig geführten Diskurses.

Sie erwähnten Propaganda, absichtliche Desinformation – aber was meinen Sie mit «schlechter Information»?

Man muss beispielsweise sehr auf die Wort- und Bildwahl achten. Kürzlich hörte ich in einer in Frankreich sehr populären Fernsehsendung: «Die russische Armee rasiert ganze Städte.» Der Begriff «rasieren» ist sehr stark, wir stellen uns Aleppo in Syrien vor, und der Plural ist wichtig zu beachten. So weit sind wir jedoch nicht. Wenn man «Russische Bombardierungen auf Kiew» (oder anderswo) schreibt, stellt sich der Uninformierte einen Raketenregen vor, der auf die Stadt niedergeht – man muss aber die Anzahl der Bombardierungen angeben.

Und was ist mit der Bildwahl?

Gaëtan Vannay ...

... arbeitete bereits für zahlreiche Medien und berichtete aus diversen Ländern. Er war unter anderem Korrespondent in Grossbritannien und in Russland. Ab Jahr 2009 war er Leiter des internationalen Büros des Westschweizer Radios RSR, blieb aber weiterhin als Reporter tätig. Er erhielt 2011 den Jean-Dumur-Preis für seine Reportagen aus Libyen und Syrien, wo er der einzige westliche Journalist war, der sich in bestimmten Kampfgebieten aufhielt. Vannay  arbeitet mit dem amerikanischen Thinktank Internews zusammen und ist als Ausbildner für Journalisten tätig, insbesondere in Bezug auf die Ausübung des Berufs in feindlichem Gebiet. 

Zwei Phänomene kommen hier zum Tragen. Die Auswahl dessen, was wir zeigen, und die Multiplikation der Medien, auf denen wir sie dauerhaft und immer wieder sehen können. Wir fotografieren oder filmen keine Gebäude, die nicht getroffen wurden, wir konzentrieren uns auf das, was zerstört wurde. Wir werden mit Bildern zerstörter Gebäude überflutet, doch wenn wir darauf achten, können wir feststellen, dass es oftmals die gleichen sind, die aus verschiedenen Blickwinkeln und in Grossaufnahme gezeigt werden. Das ist ein Klassiker des Krieges. Ich erinnere mich an einen Bericht im Donbass im Jahr 2014. Einerseits konnten wir zerstörte Gebäude filmen, was das Gefühl eines schrecklichen Konflikts vermittelte, in dem alles brannte und Blut vergossen wurde. Aber indem man die Kamera buchstäblich um 180 Grad drehte, konnten wir einen Park mit viel Grün sehen, in dem Mütter in aller Ruhe mit ihren Babys spazieren gingen.

Und es gibt diese Wiederholung: Wir werden morgens Bilder des gleichen zerstörten Gebäudes auf unserem Handy über soziale Netzwerke sehen, wie wenn wir in der Mittagspause unsere Zeitung lesen, wir werden davon im Radio hören, dann werden wir es am Abend in den Fernsehnachrichten wiedersehen – die gleichen Bilder der gleichen Gebäude. Diese beiden Phänomene können die Wahrnehmung der Realität verstärken und beeinflussen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will diesen Krieg, seine Zerstörung, seine Folgen für die ukrainische Bevölkerung mit diesen Hunderttausenden von Menschen, die aus dem Land fliehen, und seine geopolitischen Auswirkungen nicht kleinreden. Ich verpflichte mich aber, die Fakten aus journalistischer Sicht so genau wie möglich wiederzugeben.

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine wurden mindestens fünf Journalisten getötet. Sollte die Presse darauf verzichten, vor Ort zu berichten?

Natürlich nicht, im Gegenteil, wir müssen hingehen. Wenn Kriegsparteien in Konflikten Journalisten ins Visier nehmen oder journalistische Informationen unter einer Flut von direkter Kommunikation, insbesondere über soziale Netzwerke, ertränken, geschieht dies, um ihre eigene Erzählung durchzusetzen. Ohne Journalisten, die die Informationen überprüfen, kann man erzählen, was man will. Ausserdem befürchte ich, dass sich die Lage in der Ukraine nicht verbessern wird. So kündigte der Bürgermeister von Irpin, einem Kampfgebiet in der Nähe von Kiew, an, Journalisten ein Besuchsverbot zu erteilen, um die Risiken zu begrenzen. Das ist ein Problem.

Ein anderes Beispiel: Die letzten in Mariupol anwesenden Journalisten mussten die Stadt verlassen, weil es ihnen zu gefährlich wurde, dort zu bleiben, sie wurden von den Russen gesucht. Ich stelle ihre Entscheidung nicht infrage. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir nur noch Informationen über diese belagerte Stadt haben werden, die von der einen oder anderen Seite des Konflikts kommen werden, wobei es sehr schwierig ist, sie zu überprüfen.

Es ist die Rolle des Journalisten, vor Ort zu sein und professionell über das Geschehen zu berichten, ohne dass die Informationen von einer Konfliktpartei stammen. Deshalb brauchen wir Fachleute auf diesem Gebiet: um die Situation zu beobachten, zu analysieren, zu überprüfen und zu kontextualisieren. Wie viele Berichterstatter wurden aus der Schweiz in die Ukraine entsandt, mitten in den Konflikt und nicht an seine Ränder?Sehr wenige. Zu wenige angesichts dessen, was dieser Konflikt für Europa bedeutet.

Wie kann ein Kriegsberichterstatter sicherstellen, dass er nicht von seinen Gesprächspartnern instrumentalisiert oder beeinflusst wird?

In diesem besonderen Fall muss daran erinnert werden, dass jeder Gesprächspartner in gewisser Weise eine Konfliktpartei ist, da sein Land angegriffen wird. Der Gesprächspartner kann den Journalisten freiwillig oder unfreiwillig in die Irre führen. Für einen ukrainischen Staatsbürger ist es schwierig, sich von einem Ereignis zu distanzieren, das ihn direkt betrifft. Es geht nicht darum, die Gefühle der Menschen und das, was sie erleben, infrage zu stellen, sondern die Tatsachen, die sie uns präsentieren, und die Art und Weise, wie sie sie präsentieren. Das Gefühlte und der Bezug wirken sich auf die Beschreibung eines Sachverhalts aus.

Sollten wir uns als Zuschauer aus der Ferne auch vor Informationen schützen?

Heute wird viel kommuniziert, die Informationen sind aber eher spärlich. Die Ukrainer beherrschen die exzessive Nutzung sozialer Netzwerke schon lange, lange vor dem Krieg, und auch die Russen haben eine lange Manipulationserfahrung. Und ich glaube nicht an das Konzept des Bürgerjournalisten. Menschen posten direkt in sozialen Netzwerken, ohne Kontextualisierung, ohne mögliche Überprüfung. Sie sind Zeugen und keine Journalisten.

Das Problem ist, dass ein Beitrag in einem sozialen Netzwerk beinahe als gültige Information angesehen wird, weil er gesehen und geteilt wird, wobei die primäre Quelle dabei verloren geht. Es wird zu dem, was ich eine virtuelle Tatsache nenne, es ist verrückt! Daher ist es wichtig, Fakten zu überprüfen und Journalisten vor Ort zu haben. Es liegt in der Verantwortung der Medien, sie sind das ihrem Publikum schuldig. Wenn die Medien es nicht tun, wer soll es dann tun?

Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde aus dem Französischen übersetzt. Hier kannst du es im Original lesen