Die trügerische Hoffnung auf den Sommer

uri

16.4.2021

Ausflügler nehmen im August 2020 eine Abkühlung im Luganersee. (Archiv)

Die Schweiz lockert die Corona-Massnahmen trotz steigender Infektionszahlen. Schönes Wetter und wärmere Temperaturen könnten dem Entscheid des Bundesrats womöglich Rückenwind geben – doch sicher ist das nicht.

uri

16.4.2021

Die Aussicht auf ein gemütliches Zusammensitzen in der Sonne auf einer Restaurant-Terrasse dürfte bei vielen die Laune verbessern. Und auch der Daumen von einigen Experten zeigt hierfür nach oben. Eine Gruppe von Aerosolforschern erklärte erst kürzlich wieder, dass Gruppeninfektionen im Freien so gut wie nie stattfinden. Zudem meinen Wissenschaftler, dass das wärmere Wetter eine Entspannung der Pandemie bringen könnte.

So sagte etwa die Physikerin und Beraterin der deutschen Kanzlerin Angela Merkel Viola Priesemann kürzlich, sie halte aufgrund steigender Temperaturen einen baldigen Anti-Corona-Effekt für möglich. Gegenüber der «Osnabrücker Zeitung» meinte die 38-Jährige: «Sonne und Wärme werden helfen, aber ab wann, ist schwer vorherzusehen.» Im besten Fall, so die Forscherin vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, könne das saisonale Wetter sogar eine Bremswirkung von 20 Prozent für die Pandemie haben. Unter Umständen werde das sogar den sprunghaften Anstieg durch Coronavirus-Mutanten ausgleichen.

Die ohnehin unter strengen Massnahmen ächzenden Deutschen dürften Priesemanns Aussage «Sonne und Wetter könnten helfen, uns den Komplett-Lockdown zu ersparen» mit Freude zur Kenntnis genommen haben. Die meisten können sich dort, wie auch hierzulande, gut daran erinnern, wie die Corona-Zahlen zwischen Mai und Oktober vergangenen Jahres deutlich sanken, um dann ab Mitte Oktober wieder förmlich zu explodieren.

Es bestehen weiterhin grosse Unsicherheiten

Dass das Wetter Auswirkungen auf das Pandemie-Geschehen haben kann, davon sind zahlreiche Experten überzeugt. Allerdings herrscht auch grosse Unsicherheit, wie stark die Effekte sind. In einer aktuellen Studie, über die der «Spiegel» berichtete, haben Forschende um Kieran Sharkey von der University of Liverpool untersucht, wie sich die höhere UV-Strahlung auf den sogenannten R-Wert auswirkt. Der R-Wert gibt dabei an, wie viele Menschen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Liegt er unter 1, nimmt das Infektionsgeschehen ab.

Für ihre Untersuchung werteten die Wissenschaftler den R-Wert aus 359 grösseren Städten mit mehr als 500'000 Einwohnern in 43 Ländern aus, in denen es im vergangenen Jahr zu erheblichen Covid-Ausbrüchen kam. Sie fanden heraus, dass der R-Wert bei 10 Kilojoule zusätzlicher UV-Strahlung pro Quadratmeter im Durchschnitt um 0,05 zurückging. Bei den untersuchten Städten lag die UV-Strahlung zwischen 30 und 130 Kilojoule pro Quadratmeter am Tag – entsprechend konnte das Sonnenlicht den R-Wert zwischen 0,15 bis 0,65 reduzieren.

In einer Pandemie kann das viel ausmachen, wie der «Spiegel» vorrechnet: So liege der R-Wert für das Coronavirus Sars-CoV-2 in einer Gesellschaft ohne jegliche Gegenmassnahmen und weitgehende Immunität von Personen etwa bei 3. 100 Infizierte würden im Schnitt als 300 weitere Menschen anstecken. Sinke der Wert etwa durch die höhere UV-Strahlung um 0,5, seien es nur noch 250.

Bei schönem Wetter sind die Menschen vermehrt draussen

Tatsächlich würden die Ergebnisse darauf verweisen, dass das Coronavirus saisonalen Effekten unterliege, schreibt Sharkey selbst in einem Artikel zur Studie. Allerdings bedeute das nicht, dass die UV-Strahlung alleinige Ursache für eine Abnahme beim Infektionsgeschehen sein müsse, so der Forscher. Sie könne auch mit anderen kausalen Faktoren korrelieren, etwa der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit.

Tatsächlich haben Wissenschaftler bereits herausgefunden, dass die Virushülle etwa bei 10 Grad besonders stabil ist und mit zunehmender Temperatur fragiler wird. Auch sei etwa in Innenräumen die Ansteckungsgefahr bei höherer Luftfeuchtigkeit geringer, da sich die Viruspartikel dann weniger lange in der Luft befänden und rascher zu Boden sinken würden. Vor allem gilt aber auch das Argument der Aerosolforscher, dass sich Menschen bei gutem Wetter seltener in geschlossenen Räumen aufhalten, wo die Gefahr durch das Coronavirus bedeutend grösser ist. 

Wie Sharkey aber selbst meint, seien der ermittelte Effekt des Sonnenlichts, beziehungsweise die des Wetters allgemein, verglichen mit anderen Faktoren, eher klein: «Die demografischen Merkmale der Städte, etwa ihre Grösse und das Ausmass der Luftverschmutzung, sowie Massnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, machen einen grösseren Teil der beobachteten R-Wert-Schwankungen aus», meint er in seinem Beitrag für das Online-Magazin «The Conversation».

Staatliche Massnahmen wirken viermal stärker als Wetter

Zudem, so gibt Sharkey zu bedenken, hätten staatliche Massnahmen die Ausbreitung des Virus viermal stärker beeinflusst als die UV-Strahlung. In der nahen Zukunft würden weitere Pandemie-Wellen deshalb durch Impfungen und «vorwiegend durch öffentlich gültige Regeln und nicht durch das Wetter bestimmt», schätzt der Mathematiker.

Trotzdem könne die UV-Strahlung «das Zünglein an der Waage sein», gibt der «Spiegel» zu bedenken. Und zwar dann, wenn der R-Wert knapp über 1 liege. Breite sich das Virus indes deutlich stärker aus, dann würden «Schönwetter-Effekte lediglich etwas drosseln», das Infektionsgeschehen dann aber nicht ausbremsen.

Etwas anders formuliert hat das der durch seinen Podcast Coronavirus-Update bekannt gewordene Berliner Virologe Christian Drosten bereits Ende Januar im Gespräch mit dem Magazin: «Dass wir 2020 einen so entspannten Sommer hatten, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass unsere Fallzahlen im Frühjahr unter einer kritischen Schwelle geblieben sind. Das ist inzwischen aber nicht mehr so.» So seien die Neuinfektionen nach einem Lockdown in Spanien auch im Sommer wieder gestiegen – und das trotz schönem Wetter und Hitze.