Oberster Kantonsarzt

«Die Verkürzung der Isolationsdauer muss diskutiert werden»

Von Andreas Fischer

28.12.2021

Kantonsärzte-Präsident Rudolf Hauri: «Die Erkenntnisse zur Omikron-Variante sind noch sehr vage.» (Archivbild)
Kantonsärzte-Präsident Rudolf Hauri hält eine kürzere Quarantäne und Isolation für vertretbar. Nicht zuletzt wäre damit den Betreibern kritischer Infrastrukturen geholfen.
Bild: KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Wegen Omikron erwarten Fachleute einen sprunghaften Anstieg von Corona-Neuinfektionen. Kantonsarzt Rudolf Hauri hält daher eine kürzere Quarantäne für vertretbar.

Von Andreas Fischer

28.12.2021

Die Omikron-Variante des Coronavirus sorgt wahrscheinlich für mildere Verläufe, ist aber deutlich ansteckender als die Delta-Variante. Es kommt auch zu mehr Impfdurchbrüchen. Da Omikron laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) bereits das Infektionsgeschehen in der Schweiz dominiert, besteht die Gefahr, dass sich kurzfristig viele Menschen infizieren und in eine zehntägige Isolation oder Kontaktquarantäne müssen.



Das hätte merkliche Auswirkungen auf die Arbeitswelt und auf die Versorgungssicherheit in der Schweiz. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) warnt vor Ausfällen in der kritischen Infrastruktur. Man habe analysiert, «ob eine Pandemie zu Versorgungsstörungen führen kann und diesbezüglich zusätzliche Massnahmen notwendig sind», so Mediensprecherin Sarah Kehrli zu blue News.

BAG und oberster Kantonsarzt uneins

«Aus den bisherigen Erfahrungen ist damit zu rechnen, dass weiteres Personal krankheits- oder quarantänebedingt ausfallen könnte und der Betrieb nicht im gewohnten Umfang aufrechterhalten werden kann», so Kehrli weiter. Die Frage, ob das Babs vor diesem Hintergrund eine verkürzte Quarantäne begrüssen würde, reicht Kehrli an das BAG weiter.

Beim Bundesamt für Gesundheit sieht man keine Veranlassung dafür, aufgrund der Omikron-Entwicklungen die Quarantäneregeln anzupassen und die Dauer zu verkürzen. Auf Nachfrage von blue News antwortet Mediensprecherin Simone Buchmann: «Derzeit macht eine zehntägige Quarantäne Sinn, da Omikron hochgradig ansteckend ist. Die Quarantäne ermöglicht es, die Übertragung des Virus zu begrenzen und die Auswirkungen der Fälle auf das Gesundheitssystem zu begrenzen.»



Das BAG würde die Massnahmen «jedoch regelmässig im epidemiologischen Kontext evaluieren», so Buchmann. «Es werden gegebenenfalls Anpassungen vorgenommen.»

Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte (VKS), ist weniger zurückhaltend und hält Forderungen nach einer verkürzten Quarantäne aus epidemiologischer Sicht für vertretbar. «Die Quarantänedauer wird immer wieder unter wissenschaftlichen Aspekten überprüft. Das war von Anbeginn so. So dauerte sie anfänglich 14 Tage und konnte dann auf zehn Tage verkürzt werden», äussert sich der Zuger Kantonsarzt im Gespräch mit blue News. «Der aktuelle Kenntnisstand zeigt, dass es offenbar vor allem in den ersten Tagen zu raschen Ansteckungen kommt. Daher kann eine Verkürzung der Quarantänedauer durchaus vertretbar sein.»

USA und England wollen Störungen im Alltag reduzieren

Andere Länder haben auf drohende oder bereits bestehende massive krankheitsbedingte Arbeitsausfälle bereits reagiert. Die britische Regierung in London hat für den Landesteil England bereits kurz vor Weihnachten die Quarantänezeit verkürzt. Corona-Infizierte können nach sieben statt nach zehn Tagen ihre Quarantäne verlassen. Voraussetzung dafür ist, dass Schnelltests an Tag sechs und sieben negativ ausfallen. Die Regelung solle «die Störungen im Alltag der Menschen reduzieren», begründete der britische Gesundheitsminister Sajid Javid die Massnahme.

In den USA empfiehlt die Gesundheitsbehörde CDC seit Montag eine von zehn auf fünf Tage verkürzte Isolationsdauer mit anschliessender Maskentragepflicht bei Kontakten zu anderen Personen. Die Begründung tönt ähnlich wie in England: Die neuen Empfehlungen sollten gewährleisten, dass die Menschen ihr tägliches Leben sicher weiterführen könnten, so CDC-Chefin Rochelle Walensky. «Die Omikron-Variante breitet sich schnell aus und hat das Potenzial, alle Facetten unserer Gesellschaft zu beeinträchtigen



Die CDC führt für ihre Empfehlung einer verkürzten Quarantäne wissenschaftliche Erkenntnisse an: Laut der US-Behörde würden die meisten Ansteckungen früh im Krankheitsverlauf stattfinden – in der Regel in den ein bis zwei Tagen vor dem Auftreten der Symptome und in den zwei bis drei Tagen danach.

Hauri: «Verkürzung wäre angebracht»

«Die Verkürzung der Isolationsdauer muss auch bei uns diskutiert werden», regt Rudolf Hauri an. «Vor allem in den ersten Tagen ist gemäss dieser Empfehlung mit einer hohen Ansteckungsfähigkeit zu rechnen, die dann abnimmt.»

Aber ist eine verkürzte Quarantäne auch wirklich sicher? Hauri merkt an, dass es auch heute keine hundertprozentige Sicherheit gebe. «Es wird bei jeder Grenze Personen geben, die länger ansteckungsfähig bleiben. Wenn das aber in den allermeisten Fällen nicht so ist – und wir sprechen hier von Personen ohne Krankheitszeichen, also von Asymptomatischen –, dann ist diese Verkürzung angebracht. Die aktuellen Erkenntnisse sprechen meines Wissens in diese Richtung.»

Um einerseits das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen und anderseits Ausfällen in der kritischen Infrastruktur vorzubeugen, sei laut Hauri eine «strikte Befolgung der bereits geltenden Massnahmen» nötig und «allenfalls noch weitere Kontaktbeschränkungen». Der oberste Kantonsarzt unterstreicht einmal mehr die Bedeutung der Impfung. «Falls die Verkürzung von Quarantäne und Isolation auch in der Schweiz als gerechtfertigt beurteilt wird», schliesst Hauri, könnten diese Änderungen den Betreibern kritischer Infrastrukturen «die Vorbereitungen und Umsetzung der Massnahmen erleichtern».