Ein Hoch aufs Bünzlitum – warum wir uns in der Krise feiern dürfen

Jennifer Furer

1.8.2020 - 14:00

Zeichen der Solidarität: Während der Coronakrise wurde viel applaudiert. Das sorgte auch für Kritik.
Keystone

Heute feiern wir den Geburtstag der Schweiz. Und ja, wir dürfen feiern – trotz oder gerade wegen der Pandemie. Denn in dieser zeigt sich, dass wir Schweizer mehr drauf haben, als uns nachgesagt wird.

Schweizer sind Bünzlis. Das Klischee haftet an uns wie das Papier am halb zerflossenen Schokoladenriegel. Engstirnig, verkorkst, pingelig. Der Blick über den eigenen Gartenzaun geht einem Bünzli schon zu weit.

Bünzlis sind realistisch, keinesfalls Träumer. Sie sind pragmatisch, eher ängstlich. Traditionelles wird bevorzugt, Neues und Fremdes gerne abgelehnt.

Bünzlis sind Überlebenskünstler. Sie sind wie ein sich selbst erhaltendes System, das in den eigenen vier Wänden gut ein halbes Jahr ohne fremden Einfluss überleben kann.

Schweizerinnen haben Solidarität bewiesen

Im Keller sind reihenweise Mineralflaschen gehortet, zwischendrin findet sich ein sprudelndes Flauder. Die Dosen mit ihren lang haltbaren Lebensmitteln sind akkurat aufgestellt. Das Sackmesser mit dem Dosenöffner reiht sich ein ins Gestell mit den Gartengeräten.

Bünzlis sind eigentlich perfekt gerüstet für eine Krise, wie die, in der wir uns gerade befinden. Sie müssen nicht raus, weil sie alles schon zu Hause haben – und der Kontakt zu anderen Menschen fehlt ihnen ohnehin nicht, weil sie schon zuvor lieber für sich blieben.

Doch der Bünzli überrascht. Oder zumindest wird in der Coronakrise ersichtlich, dass das Bünzlitum in der Schweiz nicht überhandnimmt – und dass ein Klischee eben nicht mehr ist, als eine Schublade, in die man versucht, Menschen zu quetschen.

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Während der Pandemie haben Schweizerinnen und Schweizer bewiesen, dass sie Solidarität und Nächstenliebe können. Sie haben für das Gesundheitspersonal geklatscht, haben sich um ihre Nachbarn gekümmert und sind sich des Leids anderer wieder mehr bewusst geworden.

Natürlich gibt es jetzt Leserinnen und Leser, welche die Hände verwerfen und innerlich fluchen. Die Enervierung gilt jenen Menschen, die kaum Abstand halten beim Einkaufen, sie gilt jenen, die im ÖV keine Masken tragen – kurzum: Sie gilt jenen, die auf das Virus und eine drohende Ansteckung pfeifen.

Es ist völlig in Ordnung, sich aufzuregen. Es ist angebracht. Aber es hilft uns nicht weiter. Vielmehr schüren negative Gedanken Konflikte, die es in einer solchen Krise nicht braucht. Und sie führen dazu, dass jene Menschen mit Bünzli-Genen ihre Solidarität an den Nagel hängen – und sich in ihren Schrebergarten zurückziehen.

Auch das Gute sehen

Das ist kontraproduktiv. Denn nur, wenn Menschen zusammenhalten und füreinander da sind, ist eine Krise, wie wir sie derzeit durchleben, überhaupt ertrag- und überwindbar. Anstatt dass wir uns auf negative Eigenschaften der anderen fokussieren und diese anprangern, sollten wir uns vielmehr fragen, wieso jemand so ist, wie er eben ist.

Vielleicht hat der Mann ohne Maske im ÖV gerade den ganzen Tag im Labor geschuftet und will jetzt einfach einmal durchatmen. Vielleicht hält eine Person beim Einkaufen keinen Abstand, weil sie das Virus für einen kurzen Moment vergessen hat.

Vielleicht hat der Mensch auf dem Balkon fürs Pflegepersonal geklatscht, weil er es aufrichtig unterstützen möchte. Und vielleicht zieht sich der Bünzli in seinen Schrebergarten zurück, weil er das Bedürfnis nach Ruhe hat und nicht, weil er Menschen misstraut.

Die Coronakrise lehrt uns, dass wir nicht immer vom Schlechten im Menschen ausgehen sollten. Denn sie hat uns gezeigt, dass wir Schweizer mehr können, als Bünzlis zu sein – ein Attribut, das eben nicht immer automatisch negativ sein muss. Deshalb sollten wir am 1. August feiern. Nicht, weil die Schweiz Geburtstag hat, sondern, weil wir Menschen gut sein können.

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