Was hat die Zertifikatspflicht im ersten Monat bewirkt?

Von Maximilian Haase und Sven Hauberg

15.10.2021

Das Covid-Zertifikat Schweiz wird mit einem Mobiltelefon eingescannt, am Dienstag, 15. Juni 2021 in Zuerich. Das Covid-Zertifikat enthaelt neben Name, Vorname, Geburtsdatum und einer Zertifikatsnummer auch die Angaben zur Covid-19-Impfung, zur Genesung oder zum negativen PCR-Test- bzw. Antigen-Schnelltest-Resultat. Der im Covid-Zertifikat angezeigte QR-Code soll das Zertifikat dank einer elektronischen Signatur der Schweizerischen Eidgenossenschaft faelschungssicher machen und die Echtheit des Covid-Zertifikats garantieren. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Wie haben sich die Covid-Zahlen seit Ausweitung der Zertifikatspflicht entwickelt? Und wie schlägt sich die Schweiz im Vergleich zu Deutschland?
KEYSTONE/Christian Beutler

Seit einem Monat gilt die Zertifikatspflicht. Beeinflusst sie Fallzahlen und Impfbereitschaft? Wie viele Bürger befürworten die Regelung? Zeit für einen Zwischenstand – und einen Vergleich mit Deutschland.

Von Maximilian Haase und Sven Hauberg

15.10.2021

Wer ins Restaurant oder Fitnessstudio will, benötigt dafür seit einem Monat ein gültiges Zertifikat. Nach vier Wochen stellt sich die Frage: Was hat die vom Bundesrat beschlossene Zertifikatspflicht bisher gebracht?

Aufschlussreich kann ein Blick auf die Entwicklung der Fallzahlen, Impfquote und Spitaleinweisungen sein, aber auch auf die Stimmungslage – gerade im Vergleich mit Deutschland, wo die sogenannte 3G-Regelung (Geimpft, Getestet, Genesen) schon seit Ende August gilt. 

Allerdings: Die Schlüsse, die aus diesem Vergleich gezogen werden können, sind begrenzt. Nicht nur, weil es sich bei den vier Wochen nach Einführung des Zertifikats in Deutschland und der Schweiz um unterschiedliche Zeiträume handelt. Sondern auch, weil sich gerade in unserem Nachbarland grosse regionale Unterschiede zeigen – sowohl in der Covid-Statistik als auch in der Umsetzung der 3G-Regelung.

Diese gilt zwar bundesweit. Doch haben einige Bundesländer entschieden, mit der sogenannten 2G-Regelung einen Schritt weiter zu gehen. Diese ist optional und ermöglicht bestimmten Branchen, ausschliesslich geimpfte und genesene Personen zuzulassen.

Im Gegenzug gibt es Erleichterungen für Gäste und Betriebe. Da dies in den meisten Bundesländern unterschiedlich geregelt ist und zudem von Gastro und Co. unterschiedlich angenommen wird, ist der Zusammenhang von 3G/2G-Einführung und Veränderung der Covid-Lage nur begrenzt interpretierbar.

«Soweit mir bekannt ist, gibt es noch keine formale wissenschaftliche Analyse über die Auswirkungen der Zertifikate auf die Verringerung der Übertragungen», sagt die Epidemiologin Emma Hodcroft von der Universität Bern zu «blue News». «Ich denke jedoch, dass es nicht unvernünftig ist, davon auszugehen, dass wir durch die Verringerung der Wahrscheinlichkeit, dass hochinfektiöse Personen in überfüllten Innenräumen wie Konferenzen, Shows, Restaurants oder Fitnessstudios anwesend sind, einige der Möglichkeiten für eine Übertragung und insbesondere für Super-Spreading-Veranstaltungen beseitigen.»

Fallzahlen

Die täglich gemeldeten Fallzahlen in der Schweiz nehmen ab, dies war aber schon vor Einführung der Zertifikatspflicht so. Von 2770 Fällen am 13. September sank die Zahl laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf 817 am 8. Oktober. Der Sieben-Tage-Schnitt sank von 2086 auf 906 (Stand: 6.10.), pro 100'000 Einwohner heisst das: von 24,13 auf 10,49.

Fallzahlen in der Schweiz, Stand 13.10.
BAG

Ein etwas anderes Bild zeigt sich in Deutschland: Dort stiegen die Fallzahlen innerhalb eines Monats nach Einführung der 3G-Regelung erst an, um dann wieder zu sinken. 6544 Fälle (laut ZDF.de 6870 im Sieben-Tage-Schnitt) wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) am 23. August gemeldet, einen Monat später waren es (nach einem Zwischenhoch von über 15'000 Fällen am 7. September) 9085 (8230 im Sieben-Tage-Schnitt). Der Sieben-Tage-Schnitt pro 100'000 Einwohner stieg von etwa 8,23 auf ungefähr 9,91. 

Insgesamt stiegen die Fallzahlen in Deutschland also etwas an, lagen im Vergleich zur Schweiz pro 100'000 Einwohner allerdings auf einem niedrigeren Niveau. Die trotz 3G- und mancherorts strengerer 2G-Regel steigenden Zahlen in Deutschland erklären sich Experten wie der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité etwa damit, dass sich die Herbst- und Winterwelle andeute. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt sein Kollege Karl Lauterbach.

Hospitalisationen und Todesfälle

Die laborbestätigten Todesfälle sanken in der Schweiz seit Einführung der Zertifikatspflicht. Am 13. September betrug die Sieben-Tage-Quote pro 100'000 Einwohner laut BAG  0,06 Fälle (8 gemeldete Todesfälle), am 6. Oktober lag diese Quote bei 0,04 (ein gemeldeter Todesfall). 

Die Todesfälle in der Schweiz pro 100'000 Einwohner.
BAG

In Deutschland stieg die Quote dagegen wiederum etwas an: Hier wurden dem RKI zur Einführung der 3G-Regel am 23. August 15 Todesfälle im Sieben-Tage-Schnitt gemeldet (pro 100'000 Einwohner etwa 0,018). Einen Monat später lag diese Zahl bei 53 (pro 100'000 Einwohner etwa 0,063). Seither ist der Anteil der im Zusammenhang mit einer Covid-Erkrankung Verstorbenen leicht angestiegen.

Wichtiges Ziel der Einführung der Zertifikatspflicht war die Senkung der Spitaleinweisungen. In der Schweiz sank die Zahl der Hospitalisationen im Sieben-Tage-Schnitt pro 100'000 Einwohner von 0,52 (13. September) auf 0,23 (Stand 6. Oktober). In Deutschland stieg sie laut RKI erst an: Pro sieben Tagen und 100'000 Einwohnern von 2,76 (Sieben-Tage-Schnitt etwa 0,89) am Tag der Einführung der 3G-Regel am 23. August, stieg dann auf bis zu 3,79 (Sieben-Tage-Schnitt: 0,54), sank aber wieder und liegt heute bei 2,11 (Sieben-Tage-Schnitt: 0,30, Stand 12. Oktober).

Die Zahlen sind allerdings aufgrund von Meldeverzögerungen laut BAG mit Vorsicht zu interpretieren. 

Hospitalisationen in der Schweiz im Sieben-Tage-Schnitt pro 100'000 Einwohner.
BAG

Impfquote

Für die Eindämmung des Coronavirus eine der wichtigsten Fragen in beiden Ländern: Konnte die Einführung von Zertifikaten und 3G-Regelung die Impfbereitschaft erhöhen? Der Anreiz, sich für den einfacheren Restaurant- oder Kinobesuch impfen zu lassen, kann schliesslich nicht von der Hand gewiesen werden. 

Für die Schweiz glaubt Epidemiologin Hodcroft: «Wir können ohne Zweifel sagen, dass die Zertifikate eines der wichtigsten Dinge getan haben: die Impfquote zu erhöhen. Das ist im Moment der absolute Schlüssel». Noch aber seien zu wenige Menschen hierzulande geimpft: «Ich würde mir wünschen, dass die Impfquote noch höher ist. Ich denke, dass die Zertifikate dazu beitragen, dies zu erreichen.»

Der Anteil der vollständig Geimpften stieg in der Schweiz von 56,02 Prozent am 13. September auf zuletzt 60,73 Prozent (Stand 11. Oktober). Das ist ein Anstieg um 4,71 Prozentpunkte. In Deutschland waren am Tag der Einführung der 3G-Regelung 59,2 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Einen Monat später waren es laut RKI und dem Impfdashboard  des deutschen Bundesministeriums für Gesundheit 63,6 Prozent, ein Anstieg um 4,4 Prozentpunkte.

Anteil der geimpften Personen in der Schweiz.
BAG

Anders bei der Zahl der verabreichten Impfdosen pro Tag, also der Impfkadenz. Diese ist in der Schweiz seit der Ausweitung der Zertifikatspflicht immer weiter gesunken, von 32'008 auf 23'921 (Stand 8. Oktober) im Sieben-Tage-Schnitt. Das entspricht einer Entwicklung von 0,37 auf 0,27 pro 100 Einwohner*innen.

In Deutschland zeigte sich im Nachgang der 3G-Einführung ein ähnliches Bild: Laut «Zeit Online» wurden am 23. August 278'291 Personen im Sieben-Tage-Schnitt geimpft, einen Monat später betrug dieser Schnitt 195'025. Pro 100 Einwohner*innen sanken die Impfungen in Deutschland täglich im Sieben-Tage-Schnitt also von etwa 0,335 auf 0,235.

In Sachen Impfquote nehmen sich die Schweiz und Deutschland also nicht viel. «Die Zahlen sehen übel aus», kommentierte Virologe Drosten vor zwei Wochen den deutschen Impffortschritt in seinem Podcast. Zuletzt  sagte er in dem Talkformat, die Quote solle «so hoch, wie es geht» gesteigert werden: «Das Allerwichtigste ist das Schliessen der Impflücken. Und dann öffnen wir schrittweise, ein Schritt nach dem anderen.»

Impfkadenz in der Schweiz pro 100 Einwohner im Sieben-Tage-Schnitt.
BAG

Zustimmung

Doch wie sieht es mit der Stimmung in der Bevölkerung und in den betroffenen Branchen aus? Ende September sprachen sich einer «20 Minuten»-Umfrage  zufolge 67 Prozent der Befragten in der Schweiz für die Zertifikatspflicht aus.

In Deutschland ist der Anteil grösser: Laut einer Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung halten 83 Prozent die 3G-Regelung für angemessen. Die 2G-Regelung befürworten indes laut selbiger Umfrage lediglich 56 Prozent der Befragten.

Aber wie sieht es bei den Unternehmen aus? Eine aktuelle Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) kommt zu dem Ergebnis, dass drei Viertel der kleineren und mittleren Schweizer Unternehmen die Zertifikatspflicht neutral oder positiv bewerten. 



Ein anderes Bild ergibt sich bei den am meisten betroffenen Gastronomie- und Hotelbetrieben: Nur 39 Prozent der Befragten in dieser Branche sehen die Zertifikatspflicht positiv. 58 Prozent der befragten Unternehmen aus der Deutschschweiz beurteilen die Konsequenzen der Regelung dagegen als negativ bis sehr negativ.

In Deutschland scheint die 3G-Regel in der Gastronomie hingegen so akzeptiert, dass die Umfragen schon nur noch auf die 2G-Regelung zielen. Dahingehend zeichnet sich ein deutliches Bild: Über zwei Drittel der Betreiber gaben in einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenbundesverbandes (Dehoga) an, den Zugang zu ihren Hotels und Restaurants nicht nur auf Geimpfte und Genesene beschränken zu wollen. 

Auch in den Bundesländern, die beide Regelungen ermöglichen, zeigt sich: Die Wirte setzen lieber auf 3G statt 2G. 64 Prozent der Betriebe sprachen sich etwa in Hessen gegen die 2G-Regelung aus, nur 11 Prozent setzen sie um.

Fazit

Epidemiologin Emma Hodcroft von der Uni Bern sagt, die Zertifikatspflicht sei zwar nicht perfekt, wenn es um die Bekämpfung des Virus gehe. «Aber in Kombination mit den fortgesetzten Hygienemassnahmen wie dem Tragen von Masken und der Aufforderung an die Menschen, auf Symptome zu achten und die üblichen Vorsichtsmassnahmen wie Händewaschen und Abstandhalten zu treffen, verringern wir die Chancen für eine Verbreitung des Virus.» Mit den verschiedenen Massnahmen sei es wie mit einem Emmentaler Käse: «Jede Scheibe hat zwar Löcher, aber wenn wir sie übereinander legen, schaffen wir eine wirksamere Barriere.»