Erhöhtes Krebsrisiko für Kinder – Kanton wusste Bescheid

phi

17.9.2020 - 17:54

Horror auch für die Eltern: Mutter mit krebskrankem Baby..
Symbolbild: Keystone

In Seeland BE und dem Zürcher Weinland ist das Risiko für Kinder, Krebs zu bekommen, höher als anderswo. Nachdem der Kanton Zürich das erst nicht wahrhaben wollte, wird nach dem Tod zweier Buben nun reagiert.

Krebs ist keine Krankheit, die nur Raucher oder Senioren trifft: Unter Kindern sind Karzinome die zweithäufigste Todesursache in der Schweiz. Jährlich erkranken 250 Jungen und Mädchen unter 16 Jahren daran.

Doch nicht überall im Land ist das Risiko gleich gross, hat im Mai eine Studie der Universität Bern nachgewiesen. In zwei Gebieten zeigte sich ein erhöhtes Risiko für Kinder, einen Hirntumor auszubilden: Seeland im bernischen Mittelland und das Zürcher Weinland im Norden des Kantons: Laut Studie gibt es dort 20 Prozent mehr Fälle betroffener Kinder.

Über die Ursachen konnten Ben Spycher und seine Kollegen von der Uni Bern bloss spekulieren. «Wir können nicht ausschliessen, dass Pestizide im Grundwasser, in den Nahrungsmitteln oder in der Luft beigetragen haben», sagte der Forscher dem «Landboten». Dazu seien weitere Untersuchungen nötig. Das sieht die Zürcher Gesundheitsdirektion anders.

Berner Studie bezweifelt

Kantonsärztin Christiane Meier habe sich mit Experten des Kinderspitals, des Kantonalen Labors und dem Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft beraten. Die Gruppe kommt zu dem Schluss, dass die Datengrundlage der Berner zu schmal sei – und die Hirntumore der erkrankten Kinder nicht verglichen werden könnten, hiess es im Juli

Geografische Verteilung von Lymphom (oben) und Hirntumor (unten) bei Kindern. Die hellgrünen Stellen unten markieren die beiden Risikogebiete Nördliches Zürich und Seeland. (Pressebild)
Hirntumor bei Kindern: Die hellgrünen Stellen markieren Wein- und Seeland. 
Bild: Uni Bern

Mit einem nüchternen Verweis auf statistische Interpretationen muss man den Eltern jener Kinder aber nicht kommen – und nach zwei kurz aufeinanderfolgenden Tragödien im Weinland ändert sich die Lage.

Im Februar 2018 wird ein Tumor bei einem Neunmonatigem diagnostiziert – und im selben Zeitraum auch bei einem Achtjährigen. Das Baby stirbt Mitte Juli, der Bub im Februar 2019. Frappant: Beide Familien kommen aus Flaach im Weinland.

Kanton Zürich weiss seit Mai 2019 Bescheid

Als jene einen ehemaligen Kantonsarzt im Sommer 2019 konfrontieren, erfahren sie zu ihrer Überraschung, dass der Kanton um das erhöhte Krebsrisiko für Kinder im Bezirk Andelfingen seit Mai 2019 weiss, berichtet nun der «Tages-Anzeiger»: «Im ganzen Kanton Zürich bestand von 2005 bis 2015 für Hirntumore bei Kindern ein um 39 Prozent erhöhtes Risiko.»

Warum trotz dieses Wissens die Berner Ergebnisse, die in die gleiche Richtung gehen, nicht ernster genommen worden sind, ist unklar. So wie die Gründe für die Häufungen der Fälle, die verschiedene Ursachen haben können. Umweltfaktoren wie etwa Strahlung, Luftverschmutzung, elektromagnetische Felder oder Pestizide stehen im Verdacht.

Der Kanton hat mittlerweile eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die der Sache auf den Grund gehen soll. Für die Eltern der verstorbenen Knaben aus Flaach ist das wohl eine Einsicht, die zu spät kommt.

Zurück zur Startseite