Keine Schwäche zeigen Experte erklärt: Darum begehen mehr Männer Suizid als Frauen

tafi

17.12.2019

In der Schweiz nehmen sich bedeutend mehr Männer als Frauen das Leben. 2017 begingen 773 Männer Suizid, bei  den Frauen waren es 270. (Symbolbild)
In der Schweiz nehmen sich bedeutend mehr Männer als Frauen das Leben. 2017 begingen 773 Männer Suizid, bei  den Frauen waren es 270. (Symbolbild)
Keystone/ALESSANDRO DELLA VALLE

In der Schweiz nehmen sich bedeutend mehr Männer als Frauen selbst das Leben. Die Gründe dafür liegen im Selbstverständnis des Mannes, wie ein Experte erklärt.

Für Männer sei es eher wichtig, dass es schnell gehe, Frauen hingegen wollen den Hinterbliebenen nicht zur Last fallen: 773 Männer und 270 Frauen haben 2017 ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) am Montag mitteilte. Die Gründe dafür, dass bedeutend mehr Männer Suizid begehen als Frauen, liegt im Umgang mit den eigenen Schwächen und der Wahl der Suizidmethode, wie SRF berichtet.

Thomas Reisch, ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen und Präsident des Berner Bündnisses gegen Depression, forscht seit vielen Jahren zum Thema Suizid. Er weiss: «Dass sich viel mehr Männer das Leben nehmen als Frauen heisst nicht, dass sich weniger Frauen das Leben nehmen wollen.» Sie würden aber mehr darauf achten, dass ihr Körper unversehrt bleibt – eben um den Hinterbliebenen schreckliche Bilder zu ersparen und nicht noch mehr zur Last zu fallen, als sie es durch den Freitod ohnehin tun.

Männer wollen keine Schwäche zeigen

Deswegen würden Frauen eher zu Medikamenten greifen, während Männer auch Waffen nutzen. «Männer sind vertraut mit der Waffe, sie kennen sie beispielsweise aus dem Militärdienst und wissen, wie sie zu bedienen ist. Frauen haben diese Möglichkeit kaum», erklärt Reisch im SRF.
Die Wahl der Methode liegt Reisch vor allem daran, dass Männer den letzten Akt unter Kontrolle haben wollen. «Ihnen spielt es keine Rolle, wie schrecklich sich das Bild präsentiert, wenn ihr Körper gefunden wird.»



Als Grund dafür, dass Männer häufiger freiwillig aus dem Leben scheiden als Frauen liegt an dem Selbstbild, dass Männer keine Schwäche zeigen dürfen, erklärt der Experte. Daraus folge laut Reisch, dass Männer nicht über Emotionen sprechen wollten. «Für Frauen ist das viel weniger ein Problem.»

Menschen schneller helfen

Das würde sich laut SRF bereits bei Jugendlichen bemerkbar machen. Zwischen 2013 und 2017 nahmen sich 36 Mädchen dass Leben, bei den Jungen waren es fast drei Mal so viele (106). Laut Stephan Kupferschmid liegt die Ursache darin, dass es junge Männer oft als Schwäche empfinden, Hilfe zu holen.

Der Chefarzt für Jugendliche und junge Erwachsene der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland geht davon aus, «dass unsere Therapieangebote und Beratungsstellen nur von etwa zehn Prozent der Männer, die Hilfe benötigen, erreichen, während es bei den jungen Frauen ungefähr 30 Prozent sind.»

Kupferschmid fordert deswegen mehr «ambulante und niederschwellige Angebote für junge Menschen in Krisen». Es komme darauf an, den Menschen schnell zu helfen – also kurzfristig Termine vergeben zu können. Denn in der Krise seien die Jugendlichen in der Regel gut ansprechbar. Fakt sei, dass die Wartezeiten für Beratungstermine zu lang seien. Zudem sollte die Psychiatrie ihre Angebote mehr auf Männer zuschneiden.

Brauchen Sie Hilfe? Hier können Sie reden.

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da.

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143, www.143.ch Beratungstelefon Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147, www.147.ch

Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben

Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net

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