Fünf Antworten, die Licht in die Stromlücken-Debatte bringen

Von Gil Bieler

28.10.2021

An electric pylon element hooked to a Super Puma utility helicopter is installed during construction operations of a new Swissgrid 220 kV aerial electric line near the industrial zone of Chandoline in Sion, Switzerland, Wednesday, June 7, 2017.  (KEYSTONE/Valentin Flauraud)
Im Strommarkt ist die Schweiz eng an ihre Nachbarn angebunden. 
Bild: Keystone

Plötzlich Blackout? Weil das Stromabkommen mit der EU auf der Kippe steht, geht das Gespenst eines Stromengpasses im Jahr 2025 um. Welche Druckmittel der Schweiz bleiben und was ein möglicher Plan B wäre. 

Von Gil Bieler

28.10.2021

Die Ausgangslage

Womöglich war alles für die Katz. Seit 2007 verhandelt die Schweiz mit Brüssel über ein Stromabkommen, das ihr Zugang zum EU-Strombinnenmarkt gewähren soll. Doch seit sich der Bundesrat Ende Mai überraschend aus den Verhandlungen über ein Rahmenabkommen zurückzog, scheint ein Durchbruch höchst unwahrscheinlich. Denn: Ohne Rahmenabkommen auch kein Stromabkommen, sagt Brüssel.

Kommt hinzu, dass die EU-Länder ihre Zusammenarbeit im Energiesektor immer weiter vorantreiben. Seit 2020 ist das sogenannte Clean Energy Package in Kraft. Gemäss diesem müssen die EU-Staaten ab 2025 mindestens 70 Prozent ihrer grenzüberschreitenden Netzkapazitäten für den Stromhandel zwischen den EU-Staaten reservieren. Was das für die Schweiz als Drittstaat bedeutet, ist unklar – weshalb in den letzten Wochen und Monaten auch die Angst vor einem Stromengpass wächst.



Was ist das Problem?

Die Krux liegt in der zentralen Lage der Schweiz. Das hiesige Energienetz ist besonders eng mit jenem der Nachbarländer verflochten – nämlich an 41 Stellen, wie Stephanie Bos, Mediensprecherin der Netzbetreiberin Swissgrid, auf Anfrage erklärt. Diese Vernetzung trage zwar auch zur Versorgungssicherheit bei: «Durch den grenzüberschreitenden Austausch von Energie können Stromengpässe in einzelnen Ländern überwunden und Überlastungen vermieden werden.»

Wegen der Tücken des Stromhandels braucht es aber Vorausplanung – und Absprachen: «Stromverbrauch und Stromproduktion müssen sich permanent die Waage halten», erklärt Bos. Swissgrid plane den Netzbetrieb deshalb in enger Zusammenarbeit mit anderen europäischen Betreibern von Übertragungsnetzen und Kraftwerken.

Gleichzeitig habe Swissgrid ohne Stromabkommen aber keine Kenntnisse von geplanten Stromflüssen zwischen anderen europäischen Ländern. «Dies hat eine Zunahme an ungeplanten Flüssen durch die Schweiz zur Folge – mit negativen Auswirkungen auf die Netzsicherheit», erklärt Bos. Das Ziel müsse daher sein, ein Stromabkommen oder zumindest vergleichbare Vereinbarungen mit der EU abzuschliessen. Darin sollten auch die notwendigen Importkapazitäten geregelt werden, um die Stromversorgung im Winter beziehungsweise bei nicht ausreichenden Energiemengen im Inland zu gewährleisten.

Was ist die Alternative zum Stromabkommen?

Ohne Stromabkommen blieben privatrechtliche Verträge, in welchen zumindest die Netzsicherheit geregelt werde – das sagt Michael Bhend, Leiter der Sektion Netze und Europa bei der Elcom (Eidgenössische Elektrizitätskommission). Die Elcom überwacht und beobachtet die Entwicklung der Elektrizitätsmärkte.

Am Drücker ist die Swissgrid. Diese ist daran, mit den Netzbetreibern im Ausland Vereinbarungen auszuhandeln, wonach die Bedürfnisse der Schweiz auch trotz 70-Prozent-Regel berücksichtigt würden. Das bestätigt Sprecherin Stephanie Bos.

Gleichwohl hält sie fest: Solche privatrechtlichen Verträge könnten langfristig kein Ersatz für ein Stromabkommen sein. Swissgrid suche zwar auf technischer Ebene nach Lösungen, stosse damit aber an Grenzen. «Ein Stromabkommen mit der EU wäre deshalb nach wie vor die effizienteste und wirksamste Lösung für eine zuverlässige Energieversorgung der Schweiz.»

epa09154269 European Commission President Ursula Von der Leyen (R) and Swiss President Guy Parmelin pose prior to a meeting at the European Commission building in Brussels, Belgium, 23 April 2021.  EPA/FRANCOIS WALSCHAERTS / POOL
Mission Rahmenabkommen: Bundespräsident Guy Parmelin verhandelte an einem Gipfeltreffen mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen im April – letztlich ohne Erfolg.
Bild: EPA

«Der Vorteil eines Stromabkommens wäre, dass die institutionellen Fragen wegfallen», bestätigt Michael Bhend von der Elcom. «Die Netzbetreiber könnten sich auf die technische Optimierung fokussieren und Energiekonzerne können ihr Portfolio ohne Einschränkungen auch auf den EU-Plattformen optimieren.» Auch mit einem Stromabkommen wäre der Export und Import nicht explizit geregelt. Vielmehr bildet es den Rahmen, in dem die verfügbaren Kapazitäten festgelegt werden.

Welche Dimensionen der Handel in der Branche hat, illustriert der Fachmann mit Zahlen: In der Schweiz seien rund 100 Marktakteure im Grosshandel mit Strom aktiv. «Pro Tag werden 20'000 Transaktionen getätigt», so Bhend. 

Wären bilaterale Abkommen eine Lösung?

Wenn es mit Brüssel schon nicht klappt: Kann die Schweiz nicht auch direkt mit den Nachbarn aushandeln, dass ihr nicht bald der Strom ausgeht?

Der Bund könne das nicht, sagt Marianne Zünd, Kommunikationsverantwortliche beim Bundesamt für Energie. «Der Stromhandel wird privatrechtlich an den europäischen Strombörsen abgewickelt.» Daher sei es der Schweiz nicht möglich, solche bilateralen Verträge abzuschliessen – eben weil die einzelnen Mitgliedstaaten an die Regulierungen des EU-Binnenmarkts gebunden seien.



Könnte die Schweiz den Durchfluss von EU-Strom verhindern?

Grundsätzlich wählt der Strom den Weg des geringsten Widerstands. Wenn also Frankreich Strom nach Italien liefere, fliesse dieser auch durch die Schweiz, erklärt Michael Bhend von der Elcom.

Es gibt netztechnische Möglichkeiten, um den Strom umzuleiten. Diese wären zwar aufwendig, sollten in der aktuellen Situation dennoch weiter geprüft werden, findet Bhend.

Effizienter wäre es seiner Meinung nach aber, mit privatrechtlichen Verträgen die Durchflüsse zwischen EU-Ländern zu beschränken. «Indem die Swissgrid mit den anderen Akteuren solche Verträge abschliesst, kann sichergestellt werden, dass trotz Optimierung der Kapazitäten genügend Reserven verbleiben. Das würde die Situation entschärfen.»

Wie geht es jetzt weiter?

Die Hoffnung auf ein Stromabkommen stirbt zuletzt. Dennoch arbeiten die verschiedenen Akteure in Bundesbern Alternativen aus. 

Das Energiedepartement (Uvek) hat erst kürzlich eine externe Studie vorgelegt, die mögliche Versorgungsszenarien für 2025 aufzeigt. In einem Szenario – wenn es zu keinerlei Kooperation mit den Nachbarländern kommt und sich gleichzeitig eine Reihe von Ausfällen ergibt – würde der Schweiz ein Strommangel drohen. Dieser könnte zwischen 47 und 500 Stunden andauern.



Im zweiten Szenario schliesst Swissgrid technische Vereinbarungen mit den Netzbetreibern im benachbarten Ausland, um eine Berücksichtigung der Schweizer Interessen trotz 70-Prozent-Regel im EU-Raum zu sichern. In diesem Szenario drohe kein Engpass.

Im dritten Szenario klappt es doch noch mit dem Stromabkommen. Dann wäre die Versorgung am besten abgesichert.

Das Uvek will dem Bundesrat bis Ende Jahr eine Analyse zum Stromeffizienz-Potenzial bis 2025 vorlegen. Und die Elcom soll bis im November ein Konzept zum Potenzial von Gaskraftwerken erstellen.

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