«Wer nicht über den Winter kommt, sollte sich jetzt ums Öl bemühen»

Von Philipp Dahm

14.10.2021

The Eniwa hydroelectric power station on the Aare River with its power houses and tower, on 22 July 2019 in Aarau, Switzerland. Eniwa AG and H2 Energy AG operate a hydrogen production plant at the Eniwa hydropower plant. In the two power houses of the hydropower plant, renewable energy (electricity from water) is produced, which will then be used for hydrogen production. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Das Eniwa Wasserkraftwerk an der Aare mit seinen Maschinenhaeusern und dem Turm, am 22. Juli 2019 in Aarau. Die Eniwa AG sowie das Unternehmen H2 Energy AG fuehren am Eniwa Wasserkraftwerk eine Wasserstoff-Produktionsanlage. Im Wasserkraftwerk wird in zwei Maschinenhallen erneuerbare Energie (Strom aus Wasser) produziert, die nachfolgend fuer die Wasserstoffproduktion verwendet wird. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Warum das Wasserkraftwerk in Aarau mit dafür sorgt, dass die Inflation in der Schweiz nicht so stark steigt wie anderswo, erfährst du in diesem Artikel.
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Die Preise für Gas und Öl steigen auf immer neue Rekordhöhen. Woran das liegt, wie lange der Höhenflug anhält und wie Besitzer von Immobilien am klügsten darauf reagieren, hat blue News einen Fachmann gefragt.

Von Philipp Dahm

14.10.2021

«Im Frühling 2020», trauert CNN alten Zeiten nach, «war Energie spottbillig, als Strassen und Flughäfen auf dem Höhepunkt der Pandemie so gut wie leer waren.»

Der Ölpreis etwa lag im April 2020 bei minus 40 Dollar – und ist inzwischen um 120 auf 80 Dollar hochgeschnellt. Auch die Kosten für Gas «gehen durch die Decke», weiss der US-Sender.

Woran liegt es, dass die Energiepreise derart in die Höhe schnellen – und wann werden sie wieder sinken? Elias Hafner, Senior Investment Strategist bei der ZKB, kennt die Antworten.

Elias Hafner ist Chartered Financial Analyst und Senior Investment Strategist bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB).
Bild: ZKB

Die Energiepreise steigen und steigen. Warum, Herr Hafner?

Die Rohölpreise sind auf das höchste Niveau seit 2014 gestiegen und insbesondere auch die Gaspreise haben angezogen. Wir sind bei den Energie-Rohstoffen mit ziemlich tiefen Lagerbeständen ins Winter-Halbjahr gestartet. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Wirtschaft nach der Öffnung im Sommer eine starke Nachfrage erlebte, die auch weiter wachsen wird.

Und andererseits?

Ausserdem haben wir dämpfende Effekte auf der Angebotsseite: Produktionskürzungen auf Seite der Opec+, also der Mitglieder der Organisation der Erdöl exportierenden Länder und weiteren Erdölstaaten, bleiben vorerst bestehen. Auch in den USA sind die Lagerbestände tief. Sie konnten unter anderem aufgrund der Hurrikan-Saison nicht aufgefüllt werden. Zudem bestehen Transport-Engpässe, welche die weltweite Verteilung der Energie-Rohstoffe beeinträchtigen.

A pumpjack sits idle behind a barbed wire fence at sunset in Falls City, Texas, Thursday, April 23, 2020. The oil industry continues to suffer due to the ongoing COVID-19 outbreak. (AP Photo/Eric Gay)
Pumpe in Texas: Öl gibt es genug, aber die Förderung hinkt hinterher.
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Die stark gestiegene Nachfrage und besagte Transportprobleme verstärken das Problem?

Genau, wir sehen eine höhere Nachfrage, gleichzeitig bleibt auf der Angebotsseite die Gesamtfördermenge derzeit aktiv gedrosselt. Mittelfristig ist allerdings genug Rohöl verfügbar.

Wie lautet Ihre Prognose in der Sache bis zum Jahresende?

Vorerst dürften die Energiepreise in den kommenden Wintermonaten auf einem hohen Niveau bleiben. Wir gehen aber davon aus, dass die Opec+, die gerade hier in Europa einen grossen Anteil zur Rohölversorgung beiträgt, ihre Drosselung zurücknimmt und mehr auf den Markt bringen wird. Gegen Frühling des nächsten Jahres dürfte dann eine gewisse Entspannung eintreten.

Was raten Sie in dieser Situation Autolenkern und Hausbesitzern?

Als Autolenker hat man einen relativ begrenzten Spielraum. Beim Benzin machen einerseits die fixen Abgaben wie Steuern, die nicht von den aktuellen Begebenheiten am Energiemarkt abhängig sind, einen grossen Teil aus. Und andererseits hat man im Tank nur begrenzte Lagerkapazität. Bei den Hausbesitzern ist es klarer: Wer mit seinen Lagerbeständen nicht über den Winter kommt, sollte sich jetzt ums Öl bemühen, insbesondere auch wegen begrenzter Kapazitäten. Wenn man dagegen noch warten kann, könnte es sich lohnen, erst im Frühjahr nachzukaufen, wenn wir wieder attraktivere Niveaus sehen.

A chauffeur of heating oil supplier Osterwalder at work delivering heating oil, captured in Spreitenbach, Switzerland, on January 26, 2015. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ein Chauffeur des Heizoellieferanten Osterwalder bei der Heizoelauslieferung, aufgenommen am 26. Januar 2015 in Spreitenbach. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Auffüllung einer Ölheizung in Spreitenbach: Wer noch einen Vorrat hat, sollte bis zum Frühjahr warten.
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Russland wird vorgeworfen, Gas aus politischen Gründen zu verknappen. Welche Rolle spielt Moskau?

Russland ist sehr wichtig für den europäischen Markt. Dadurch haben sie ein gewisses Druckmittel – auch im Zusammenhang mit Nord Stream 2. Russland dürfte aber kaum Interesse daran haben, die Gaspreise weiter nach oben zu drücken, denn dann würde auch die Absatzmenge darunter leiden. Letzte Woche hat sich auch Wladimir Putin dahingehend geäussert und zugesichert, zur Sicherstellung der Gas-Versorgung von Europa beitragen zu wollen. Zurzeit gibt es keine Anreize, hier voll auf Eskalation zu setzen.

Welchen Beitrag leisten die steigenden Energiepreise zur Inflation?

Ja, das ist sicher so. In Europa sind die Inflationsraten deutlich angestiegen: Gut die Hälfte dieses Anstiegs ist auf die Energiepreise zurückzuführen. Wir haben jetzt nochmals einen Anstieg verzeichnet, womit sich der Inflationsdruck noch etwas hinziehen dürfte. Wir gehen aber davon aus, dass die Inflation im nächsten Jahr wieder sinkt. Es gibt zwar durchaus Zweitrunden-Effekte: Energiekosten und gerade Erdöl stecken natürlich in vielen Produkten.

14.01.2021, Mecklenburg-Vorpommern, Wismar: Schlepper bringen sich am russischen Verlegeschiff «Fortuna» im Hafen in Position. Das Spezialschiff wird für Bauarbeiten an der deutsch-russischen Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 eingesetzt. Medien berichteten unter Berufung auf Behörden in Dänemark, dass Mitte Januar 2021 die Verlegearbeiten in dänischen Gewässern beginnen sollen. Das russische Verlegeschiff «Fortuna» soll dabei zum Einsatz kommen. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Jens Büttner)
Das russische Schiff «Fortuna» vor der Verlegung der letzten Teile der Gas-Pipeline Nord Stream 2 in der Ostsee im Januar 2021.
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Aber?

Aber wenn man annimmt, dass die Energiepreise auf dem jetzigen Niveau bleiben, werden sie in einem Jahr keinen Beitrag mehr zur Inflation leisten. Die Inflation könnte also nur dann so hoch bleiben, wenn die Energiepreise noch weiter steigen würden oder wenn dies Preisanstiege bei anderen Gütern kompensieren würden. Davon gehen wir zurzeit nicht aus; die Inflation in Europa dürfte sich im kommenden Jahr wieder normalisieren.

Warum ist die Inflation hierzulande nicht so hoch wie in Deutschland oder den USA?

In der Schweiz ist die Inflation weniger stark angestiegen. Das hat auch mit dem hiesigen Energiemix zu tun. Wir setzen unter anderem verstärkt auf Wasserkraft. Wir sind insgesamt weniger abhängig vom Rohölpreis und deshalb wirken sich die steigenden Energiepreise weniger auf die Inflation in der Schweiz aus.