Corona hat sein Leben verändert

«Ich habe die Krise als Chance gesehen»

Von Lia Pescatore

26.2.2022

Jonas Straumann ist fast gehörlos. Und ein begnadeter Musiker mit Geschäftssinn.
Lisa Burth

Für viele Musiker stand das Geschäft während der Corona-Pandemie still. Nicht für Jonas Straumann: Der Handpan-Spieler hat sich in dieser Zeit mit der Musik selbständig gemacht und kann seit einem Jahr davon leben.

Von Lia Pescatore

26.2.2022

Leere Bühnen, erdrückende Stille in den Publikumsrängen: Für viele Musiker*innen war die Pandemie eine Zäsur in ihrem Schaffen, ein Stillstand, der mit grossen finanziellen Einbussen verbunden war.

Zwei Jahre Corona-Pandemie

Vor zwei Jahren, am 25. Februar 2020, hat das Coronavirus die Schweiz erreicht – und Land und Leute verändert. blue News porträtiert Menschen, deren Leben die Krise verändert hat.

Ganz anders war die Erfahrung von Handpan-Spieler Jonas Straumann: 2021 hat er insgesamt knapp hundert Konzerte gespielt – auf Unterstützung vom Bund war er nicht mehr angewiesen. «Ich habe noch nie so viel Geld verdient mit der Musik wie während der Pandemie.» Wie hat er das geschafft?

«Ich habe die Krise als Chance gesehen»

Wir treffen Jonas Straumann in seinem Zuhause in Winterthur, das er mit einem Mutter-Tochter-Paar und einem weiteren Mitbewohner teilt. Auf zwei Zimmern ist hier sein privates und berufliches Reich vereint. Im zweiten Stock haben sich neben Bett und Tisch Handpans auf einem Regal angesammelt, unten im Keller hat er sich ein kleines Übungs- und Aufnahmezimmer eingerichtet – alles während der Pandemie. «Ich habe die Krise als Chance gesehen», dies habe mit seiner Persönlichkeit zu tun, sagt er.

Noch Anfang 2020, als Corona erst als Biermarke bekannt ist, ist Straumann wortwörtlich Meilen davon entfernt, wo er heute steht: Er befindet sich in Griechenland auf Santorini. Die Zelte in der Schweiz hat er abgebrochen, um für unbestimmte Zeit um die Welt zu ziehen und mit seiner Handpan unbekannte Gassen und Winkel zu bespielen. Als selbständiger Musiker zu arbeiten; «eine Träumerei damals», sagt er heute.

Die ersten Nachrichten von diesem neuen Virus habe er noch nicht ernst genommen, erzählt er. Doch als immer mehr Länder ihre Grenzen und Flughäfen zu schliessen beginnen, beschliesst er, in die Schweiz zurückkehren. «Zu gross war die Gefahr, bald irgendwo festzustecken.»

Seine Weltreise hat er nicht gleich aufgegeben. Zurück in der Schweiz bleibt die Hoffnung, dass der Spuk schnell vorbei sein würde. «Ich hoffte, dass das alles nur eine grosse Überreaktion ist.» Dann kommt der Shutdown und Straumann sitzt endgültig in seinem Zimmer bei seinen Eltern fest.

Er orientiert sich um: Die Weltreise vertagt er, die tiefen finanziellen Auslagen erlauben es ihm, neue Wege einzuschlagen: Während die Schweiz zu Hause ausharrt, arbeitet er drei Monate lang an einem Online-Kurs für Menschen, die Handpan-Spielen erlernen wollen. Später erweitert er das Angebot mit einem Miet-Service, indem er das Geld aus der Reisekasse in weitere Handpans investiert.

«Täglich wurde mir meine Behinderung vor Augen geführt»

Mit dem Schritt zum eigenen Daheim in Winterthur kommt auch schnell die zweite Welle: Die finanzielle Unsicherheit, aber auch die Ungewissheit, wie sich die Pandemie weiterentwickeln würde, steigt. Er fühlt sich isoliert: Wegen seiner Behinderung ist Straumann aufs Lippenlesen angewiesen, er ist fast gehörlos. Die Masken in den Gesichtern seiner Mitmenschen verunmöglichen ihm jegliche Kommunikation, sei es am Bankschalter oder in der Bar. «Tagtäglich wurde mir meine Behinderung vor Augen geführt.»

Wie so viele Musiker sucht er sich einen Job im Büro, der finanziellen Sicherheit willen, aber auch, um wieder mehr soziale Kontakte zu haben – doch die Erfüllung im Job bleibt aus. Straumann überlegt sich, wo im Rahmen der Massnahmen noch Konzerte möglich sind, «wo könnte meine Musik hinpassen?» Auf dem Weg zur Arbeit fängt er an, eine Liste mit Kontaktdaten von Altersheimen in der Deutschschweiz zusammenzustellen. 800 Altersheime hat er angeschrieben, fast jedes zehnte hat ihn gebucht, teilweise auch mehrmals. Das ermöglicht ihm, seinen Job zu künden.

Die ersten Auftritte seien hart gewesen, sagt Straumann. Statt auf einer Bühne spielt er in Gemeinschaftsräumen oder auch mal in einer Wohnküche, teilweise nur vor einer Handvoll Leute, je nach Schutzkonzept. «Das Publikum war kein leichtes», ihm sei schnell bewusst geworden, dass er die Leute nicht allein mit seiner Musik packen könne, «ich musste ihnen Lebensfreude vermitteln.» Er nimmt sich darum zwischen den Stücken auch Zeit, eine Anekdote oder einen Witz zu erzählen. «Nach all diesen Auftritten habe ich ein Programm entwickelt, das vor jedem Altersheim-Publikum funktioniert», sagt er und lächelt.

«Ich mache weiter»

Auch finanziell funktioniert sein Konzept: Knapp 100'000 Franken hat er Umsatz gemacht, mit den Auftritten, aber auch mit seinem Miet-Service und der Strassenmusik. Mit Zahlen jonglieren, Gagen aushandeln, mit denen sich auch etwas verdienen lässt, ist für Straumann offensichtlich kein Problem. Mehrmals während des Gesprächs nimmt er seine Buchhaltung zur Hand, um auf gewisse Zahlen hinzuweisen, seine Finger flitzen dabei so gekonnt durch den Ordner, wie sie es auch über sein Instrument tun.

Sein Geschäftssinn ist wohl der Grund dafür, dass Straumann vergangenes Jahr zum ersten Mal von seiner Musik leben konnte.

Und dieses Jahr? «Ich mache weiter», sagt er. An den verschiedenen Standbeinen, die er sich mit der Strassenmusik, dem Miet-Service sowie auch den Workshops aufgebaut hat, will er festhalten. Doch eines habe er gelernt: «Hundert Konzerte in einem Jahr sind zu viel.» Er will sich wieder mehr Zeit nehmen, um neue Songs zu schreiben und auch aufzunehmen.

«Für einen Auftritt im Altersheim haben meine fünf Songs allemal gereicht, auf die grosse Bühne kann ich damit aber nicht», sagt er. Und dort will er dieses Jahr hin.