Alternativ-Veranstaltung

Gegenwind für die Zurich Pride vom gleichen Ufer

Von Philipp Dahm und Alex Rudolf

18.6.2022

People demonstrate at the Zurich Pride parade in Zurich, Switzerland, with the slogan
Meilenstein Ehe für alle: «Ist der grosse Widerstand vielleicht schon fertig?»
Bild: KEYSTONE

Heute ist Zurich Pride. Doch: In einer Woche gibt es erneut einen Umzug, der für die Rechte der LGBTQI+-Community trommelt. Hier erklären die Macher, warum sie keine Polizisten oder die UBS bei sich sehen wollen.

Von Philipp Dahm und Alex Rudolf

18.6.2022

Am Samstag ziehen wieder Tausende Menschen durch Zürich und demonstrieren für die Rechte der LGBTQI+-Community. Es ist die bereits 27. Ausgabe des Zurich Pride Festivals, das diesjährige Motto lautet «Trans – Vielfalt leben». 

Doch nur eine Woche später gibt es erneut einen Umzug – dann unter dem Motto «Queer Liberation, Not Assimilation!» (Queere Befreiung, nicht queere Anpassung).

Den Marsch am 25. Juni, der vom Helvetiaplatz im Kreis 4 in Richtung Altstadt zieht, organisiert der CSD Zürich. Doch warum gibt es plötzlich zwei Veranstaltungen, die sich für dasselbe Thema stark machen?

blue News hat mit einer Stimme aus dem Kollektiv hinter dem CSD Zürich gesprochen.

Auf eurem Instagram-Kanal kritisiert ihr das Zurich Pride Festival – etwa weil Polizisten in Uniform mitlaufen. Wo liegt hier das Problem?

Das Problem ist, dass die Polizei historisch immer auf der falschen Seite stand – etwa bei den Anfängen, den Stonewall riots. Diese Aufstände brachen aus, weil die Polizei queere Menschen in New York immer wieder schikaniert hat. Die Queers hatten genug von konstanten Kontrollen und grundlosen Verhaftungen. In Zürich ist das Homosexuellen-Register ein Beispiel.

Der Fotograf Joseph Ambrosini schiesst am 28. Juni 1969 dieses Foto, das am Folgetag auf dem Titelblatt der «New York Daily News« zu sehen ist. Es zeigt, wie die Polizei Männer zurück ins Stonewall Inn drückt, wo sie
Gemeinfrei

Kannst du es für die Jüngeren erklären?

Auf dieser Liste wurden vermutlich Homosexuelle aufgeführt und damit diskriminiert. Diese Liste wurde erst nach grossen Protesten abgeschafft. Das Mitlaufen der Polizei bei der Zurich Pride war dann auch einer der Gründe, warum das Transgender Network Switzerland (TGNS) letztes Jahr die Zurich Pride boykottierte.

Warum seid ihr dagegen, dass Unternehmen wie Google und Facebook Werbung an der Pride machen?

Ein gutes Beispiel ist hier die UBS: Bei uns, aber auch in den USA gibt sie sich sehr queer-freundlich. Auf der anderen Seite unterstützt sie gleichzeitig in den USA Politiker*innen finanziell, die extrem queer-feindliche Gesetze verabschieden – wie zum Beispiel das Don’t Say Gay-Gesetz in Florida, aber auch andere: Seit Januar 2022 wurden in schon über 28 Staaten transfeindliche Gesetze durchgebracht. Und dann kommt die UBS und sagt, sie wolle sich für trans Menschen einsetzen. Das ist ein Widerspruch, der einfach nicht funktioniert.

Zeigt eure Parade eine Spaltung der Queer-Community?

Nein, ich glaube nicht, dass es eine Spaltung gibt. Es gibt Kritik, die bei der Zurich Pride kein oder wenig Gehör findet. Es gibt Teile unserer Community, die eher zur bürgerlichen Norm passen. Für diese ist der grosse Widerstand nach der Annahme der Ehe für alle, die in zwei Wochen endlich da ist, vielleicht schon fertig. Dabei sind aber noch viele von uns weit entfernt von dem, was wir haben sollten.

Was kommt zu kurz?

Einige vergessen andere Teile der Community, die an ihrer Seite gekämpft haben, aber weiterhin systematisch diskriminiert werden. Seien das inter Menschen, bei denen als Kleinkinder weiterhin Operationen an Genitalien gemacht werden dürfen, um sie «in eine der beiden Kategorien» stecken zu können. Oder Non-Binäre Menschen, die weiterhin keine Möglichkeit haben, ihr echtes Geschlecht im Pass zu haben. Oder trans Menschen, denen weiterhin grosse Steine in den Weg gelegt werden, wenn sie medizinische Unterstützung brauchen.

Seid ihr vorwiegend Mitglieder der AL, Grünen oder SP?

Nein, wir sind ein linkes Kollektiv. Es gibt Leute, die in Parteien engagiert sind, aber das reicht bis hin zu ausserparlamentarischen Kräften.

Wie viele Menschen zählt euer Kollektiv?

Wir sind etwa 20 Menschen. Dafür, dass wir erst im April angefangen haben, ist das recht schön. Wir konnten schon viel auf die Beine stellen und es soll noch mehr kommen.

Unter welchen Bedingungen könntet ihr euch eine Zusammenarbeit mit der Zurich Pride vorstellen?

Wir stellen uns eine Zusammenarbeit recht schwierig vor. Die Zurich Pride müsste wohl Aufgaben erfüllen, die sie aus verschiedensten Gründen nicht will. Einige Bedingungen sind: keine Polizisten an der Pride, keine Militärs, mehr Kritikfähigkeit, kein Pink Washing – also keine grossen, kapitalistischen Firmen an der Pride, die nur gut dastehen wollen. Keine Politik der Assimiliation und eine klare, progressive, linke politische Linie.

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