Glückauf, ihr Gotthard-Mineure

Von Philipp Dahm

29.9.2021

Feier zum offiziellen Baustart der zweiten Gotthard-Röhre

Feier zum offiziellen Baustart der zweiten Gotthard-Röhre

Rund 150 geladene Gäste haben am Mittwoch in Göschenen dem Startschuss zum Bau der zweiten Röhre des Gotthard-Strassentunnels beigewohnt. In acht Jahren soll das 2,14 Milliarden Franken teure Bauwerk fertig sein.

29.09.2021

Die Gotthard-Tunnel sind Meisterwerke der Schweizer Ingenieurskunst. Heute wird das Jahrhundertbauwerk um eine weitere Röhre erweitert: Um 10:30 Uhr haben die Arbeiten am zweiten Strassentunnel begonnen.

Von Philipp Dahm

29.9.2021

Alphornblaeser beim offiziellen Spatenstich zum Baustart der zweiten Roehre des Gotthard Strassentunnel am Nordprtal in Goeschenen am Donnerstag, 29. September 2021. (KEYSTONE/Urs Flueeler).
Alphornklänge begleiten den Baustart der zweiten Röhre des Gotthard Strassentunnel am Nordprtal in Göschenen. 
Bild: Keystone/Urs Flüeler

Schweizer*innen sind kluge Baumeister: Beim Anlegen des Gotthard-Autotunnels zwischen Göschenen und Airolo 1970 hatten sie bereits eine Zwillingsröhre im Hinterkopf — und 41 Jahre nach der Fertigstellung 1980 ist es nun so weit: Heute beginnen um 10:30 Uhr die Arbeiten am zweiten Gotthard-Strassentunnel.

Das Unterfangen startet mit dem Segen der Bürger*innen, nachdem das Stimmvolk am 28. Februar 2016 Ja zum Bau gesagt hat. Zehn Jahre sind inklusive Vorarbeiten für die Fertigstellung veranschlagt, und wenn der zweite Tunnel im Jahr 2029 seine Tore öffnet, wird sein Vorgänger erst einmal renoviert.

Eine Maschine spritzt Beton zur Verstaerkung an die Waende des neuen Service- und Infrastrukturstollens fuer die zweite Roehre des Gotthard Strassentunnels, fotografiert am 1. Juni 2021 in Goeschenen, Kanton Uri. Der neue Ausgang in Goeschenen fuehrt auf das Areal des Werkhofs. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Die Vorarbeiten in Göschenen UR haben bereits früher begonnen: Das Foto ist am 1. Juni entstanden.
KEYSTONE

Wenn das erledigt ist, sollen beide Gotthard-Autotunnel jeweils nur einspurig befahren werden: Die Kapazität wird durch die zweite Röhre also nicht erhöht – die Sicherheit und die Instandhaltungsmöglichkeiten dagegen schon.

2,14 Milliarden Franken lässt sich der Bund das Grossprojekt kosten, das den Status der Schweiz als wichtiges europäisches Transitkreuz zementiert. Die Röhre, die parallel in 70 Meter Entfernung zum Vorgänger entsteht, ist 12,7 Meter breit, wobei 8 Meter auf die Doppel-Fahrbahn entfällt, die 5 Meter hoch ist. Darunter verlaufen Leitungen, darüber wird die Abluft von fünf Pumpstationen abgesaugt.

Der zweite Gotthard-Autotunnel im Querschnitt.
Screenshot: Astra

Wenn mit den Spatenstichen um 10:30 Uhr in Göschenen und um 11:50 Uhr in Airolo die Bauarbeiten beginnen, wird jede Menge Aushub anfallen. Der ist bereits fest eingeplant: 3,7 Millionen Tonnen werden bei der Modellierung des Geländes und im Tunnel selbst wieder verbaut. 3,5 Millionen Tonnen fliessen in die Renaturierung des Urnersees, und 0,3 Millionten Tonnen landen schliesslich als Sondermüll in der Deponie.

Der Aushub, der beim Bau des 17 Kilometer langen Tunnels anfällt, ist bereits verplant.
Screenshot: Astra

Die aktuellen Bauarbeiten schreiben eine Erfolgsgeschichte fort, die vor 150 Jahren ihren Lauf genommen hat: Das Deutsche Kaiserreich schloss sich 1871 dem Gotthardvertrag zwischen der Schweiz und Italien an, der das Projekt besiegelt hatte. Noch im selben Jahr gründete der Schweizer Industrie-Pionier Alfred Escher die Gotthardbahngesellschaft, die 1872 unter Ingenieur Louis Favre mit den Arbeiten begann.

1880 gelang den Büezern und Mineuren der Durchschlag, den zuerst ein Bild von Favre passiert hat: Der Bau-Unternehmer war im Vorjahr gestorben, doch auf diesem Weg konnten ihm seine Angestellten eine letzte Ehre erweisen.

Reussbrücke, Gotthard-Tunnelportal und Wärterhaus in Göschenen circa 1889.
Bild: Commons/Giorgio Sommer

Zu hoffen bleibt, dass der Neubau nicht auch nur annähernd so viele Menschenleben kostet wie der ursprüngliche Tunnel: 199 Arbeiter haben die Fertigstellung nicht mehr miterleben können. Im Bundesarchiv werden 171 Opfer aufgeführt, von denen 53 von Wagen oder Zügen zerquetscht, 49 von Felsen begraben, 46 von Dynamit getötet wurden und 23 auf andere Art ihr Leben liessen.

Die Dunkelziffer liegt dabei noch höher, denn jene, die nach dem Bau in ihrer Heimat durch Krankheiten gestorben sind, fallen aus der Statistik heraus. Und Krankheiten gab es angesichts der horrenden Zustände im Tunnel genug: Um die Hygiene war es in den Arbeiter-Quartieren damals schlecht bestellt, was auch die Streiks erklärt, die blutig niedergeschlagen wurden.

Bauarbeiter um 1880 vor dem Südportal in Airolo: Erst auf Drängen der italienischen Regierung hatte die Schweiz die Konditionen untersucht, unter denen vor allem Gastarbeiter litten.
Bild: Gemeinfrei