Omikron trifft die Kleinsten

Hier kaum Kinder, da kaum Personal – und entnervte Eltern überall

Von Philipp Dahm

21.1.2022

Kinder singen und tanzen gemeinsam mit Betreuungspersonal, nicht im Bild, in der Kita 6a der Stiftung GFZ, aufgenommen am 9. Juli 2020 in Zuerich. Die Kita 6a der Stiftung GFZ wird in Zusammenarbeit mit der Baugenossenschaft Frohheim Zuerich (BGF) gefuehrt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
In der einen Kita fehlen die Betreuten, in der anderen die Betreuenden: Kinder in einer Zürcher Kita.
Symbolbild: KEYSTONE

Die Pandemie schlägt bei der Betreuung kleiner Kinder asymmetrisch zu: In die eine Kita kommen kaum noch Kinder, in der anderen Krippe werden wegen fehlenden Personals Betreuungszeiten gekürzt.

Von Philipp Dahm

21.1.2022

Die Pandemie betrifft sicherlich jeden, aber Eltern haben ein noch etwas grösseres Päckchen zu tragen: Wenn Krippen, Kitas oder Schulen schliessen mussten, hat das manche Schweizer Familie auf eine harte Probe gestellt.

Inzwischen sind wir bei der Omikron-Variante angekommen, die Eltern kleiner Kinder vor Herausforderungen stellt: Einerseits können Unter-Fünfjährige nicht geimpft werden, andererseits ist die neue Corona-Mutante für die Kleinen aber gefährlicher als ihre Vorgänger.

Kinderzahnbuersten im Sanitaerbereich der Kita 6a der Stiftung GFZ, aufgenommen am 9. Juli 2020 in Zuerich. Die Kita 6a der Stiftung GFZ wird in Zusammenarbeit mit der Baugenossenschaft Frohheim Zuerich (BGF) gefuehrt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Bild aus einer Zürcher Kita: Hygiene ist wichtiger denn je.
Symbolbild: KEYSTONE

Und so sorgt Omikron bei der Betreuung der ganz Jungen für verkehrte Welten, wie sich in Zürich zeigt: Während die Erzieherin in der einen Kita kaum noch Kinder zu betreuen hat, muss eine andere Krippe ihr Angebot empfindlich einschränken, weil Personal fehlt.

Im ersten Fall fallen jedoch die Schützlinge aus: «Seit Anfang Woche haben wir schlagartig weniger Kinder», sagt eine Erzieherin* zu blue News, die in einer Zürcher Kita arbeitet. Statt der sonst üblichen 24 Buben und Mädchen muss sie nur noch fünf betreuen.

«Niemand weiss genau, wie vorgegangen werden muss»

Der Grund? «Nachdem zwei oder drei Kinder positiv getestet worden sind, sind nur noch die gekommen, die schon Corona hatten oder geimpft sind.» Die Kita habe die Eltern über die Infektionen unterrichten müssen, und viele würden den Nachwuchs zum Testen zu Hause behalten.

Omikron? «Kinder und Jugendliche bekommen es voll ab», heisst dieser Video-Beitrag der deutschen «Welt».

Die einen sind dabei vorsichtiger als andere Eltern. «Heute waren es immerhin acht Kinder.» Gleichzeitig kann die Erzieherin die Reaktion verstehen. «Es gibt eine Riesen-Verunsicherung. Wenn es mein Kind wäre, würde ich es auch zu Hause lassen und testen.» Es sei normal, dass niemand seinen Nachwuchs einer Gefahr aussetzen wolle.

Verunsicherung herrscht aber nicht nur unter den Eltern, sondern auch bei den Pädagogen selbst. «Ich glaube, niemand weiss genau, wie vorgegangen werden muss», sagt die Betreuerin, die anonym bleiben möchte.

Eine Anordnung mit Folgen

«Erst hiess es, wenn es fünf positive Kinder gebe, müsse die ganze Einrichtung für fünf Tage geschlossen werden. Dann wurde die Isolation auf fünf Tage verkürzt – und jetzt erfahren wir wiederum, dass die Isolation zehn Tage dauern soll.»

Anderswo kämpfen Pädagogen und Eltern wegen Corona mit einem ganz anderen Problem: Hier gibt es genug Kinder, doch drei Ansteckungen unter den Betreuerinnen zwingt eine Zürcher Krippe zum Handeln. «Sie müssen alle zu Hause bleiben», schreibt die Leitung mit Blick auf die Infizierten. «Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich hat eine Isolationsanordnung ausgesprochen.»

Ein Junge beim Spielen in der Kita 6a der Stiftung GFZ, aufgenommen am 9. Juli 2020 in Zuerich. Die Kita 6a der Stiftung GFZ wird in Zusammenarbeit mit der Baugenossenschaft Frohheim Zuerich (BGF) gefuehrt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Allein auf weiter Flur: Ein Junge spielt in einer Zürcher Kita.
Symbolbild: KEYSTONE

Das Contact Tracing habe sich wegen des positiv getesteten Personals bei der Leitung erkundigt, ob der Betrieb aufrechterhalten werden könne. Das ginge zwar – doch nur bei Kürzung der Öffnungszeiten. Statt um 7.30 Uhr öffnet die Krippe erst um 8 Uhr und schliesst statt um 18.30 Uhr eine Stunde früher, wurde den Eltern vergangene Woche mitgeteilt.

Kürzere Betreuung für manche «reiner Horror»

Das tönt nach relativ wenig Einschränkungen, ist für Berufstätige ohne flexible Arbeitszeiten jedoch ein Fanal. «Die Eltern eines Mädchens aus der Krippe arbeiten beide im Gesundheitswesen: Für sie ist diese Kürzung der reine Horror», sagt eine Mutter* zu blue News.

Und auch diese Woche bleibt es bei der kürzeren Betreuung: Zwar könnten die genesenen Mitarbeiterinnen die Arbeit wieder aufnehmen. Aber: «Letzte Woche hatten wir weiteres Personal, welches zu Hause geblieben ist und auf Testresultate warten musste. Die ganze Situation und deren Verlauf ist nicht einfach einzuschätzen.»

Und so treibt die Pandemie ihr Unwesen – auch bei der Betreuung kleiner Kinder. Und während viele Erwachsene darauf hoffen, dass dieses Virus bald endemisch werden könnte, bereitet der Gedanke gewissen Eltern Kopfweh.

Unter-Fünfjährige können bisher nicht geimpft werden: Mit Blick auf das Thema Long Covid ist der Gedanke, dass stillschweigend geduldet wird, dass der eigene Nachwuchs durchseucht werden wird, für viele Eltern schwer erträglich.

* Namen der Redaktion bekannt.