Jugendliche in der Pandemie

Auf einmal fehlt «das Gefühl, aufgeregt zu sein»

Von Oliver Kohlmaier

25.1.2022

Jugendliche auf der Strasse. Mehr als ein Viertel der 25-Jährigen wohnte 2020 noch immer bei ihren Eltern.
Jugendliche und junge Erwachsene haben in der Pandemie besonders zu leiden. 
Fernando Gutierrez-Juarez/dpa-Zentralbild/dpa (Symbolbild)

Junge Menschen wollen Neues ausprobieren, die Welt kennenlernen, Gleichaltrige treffen. Was passiert, wenn sie all das zwei Jahre nicht ausleben können? Betroffene erzählen. 

Von Oliver Kohlmaier

25.1.2022

«Ich würde es hassen, meine Zwanziger damit zu verbringen, bei vielen Dingen beschränkt zu sein», sagt Marlinda*. Die 20-Jährige vermisst die Zeit vor der Corona-Pandemie und «das Gefühl, aufgeregt zu sein und in die Ferien zu fahren, ohne sich Sorgen zu machen».

Was Marlinda benennt, empfinden viele Jugendliche und junge Erwachsene. Die Pandemie hemmt die junge Generation in ihrem Entdeckungsdrang, ihrem Sozialverhalten, ihrer Unbeschwertheit. All dies gibt es nun schon länger nicht mehr.

Die Angst fährt mit

Marlinda arbeitet bereits Teilzeit, das Studium stemmt sie nebenbei. Vor allem zu Stosszeiten fährt sie deshalb oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln — «Schulter an Schulter» mit anderen. Die Angst, sich zu infizieren und schliesslich Familie und Freunde anzustecken, fährt mit.

In einer SRG-Spezialauswertung im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) vom Juli 2021 heisst es: «Die junge Generation kommt mit der Pandemie schlechter zurecht als der Durchschnitt und sehr viel schlechter als die älteren Generationen.»

Ältere Semester fürchteten sich demnach mehr vor einer Covid-Erkrankung, junge Menschen hingegen vor Isolation und Einsamkeit. Während der «gesamten Pandemie» fühlten sich die Jungen stärker durch die Massnahmen eingeschränkt.

Das Problem war schon im letzten Sommer nicht neu. Bereits früh in der Pandemie war Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, aber auch Ärzt*innen und Therapeut*innen klar, dass Jugendliche und junge Erwachsene besonders unter den Folgen der Pandemie zu leiden haben. 

Vor allem der so wichtige, regelmässige Kontakt zu gleichaltrigen Freund*innen kam viel zu kurz.

«Ich versuche, ihnen so oft wie möglich zu schreiben»

Die Soziologin Bettina Isengard von der Universität Zürich betont auf Anfrage von blue News die Bedeutung des regelmässigen Austauschs: «Soziologisch und entwicklungspsychologisch ist diese Lebensphase ein zentraler Bestandteil auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Kontakte zu Gleichaltrigen spielen in dieser Phase eine entscheidende Rolle.»

Auch abgesagte Schullager, Abschlussfeiern oder der eingeschränkte Zugang zu Sport als Ausgleich führten dazu, dass die Verunsicherung zunehme.

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Marlinda sagt, der Kontakt zu vielen einst engen Bezugspersonen sei völlig eingebrochen. «Ich versuche, ihnen so oft wie möglich zu schreiben.»

Auch wenn sie ihre Freund*innen mittlerweile wieder häufiger sehen kann, leidet sie am mangelnden Kontakt zu ihrer Familie, die grösstenteils im Ausland lebe. Gleich zwei ihrer Cousins erblickten während der Pandemie das Licht der Welt. «Ich bekomme nur Bilder von ihnen zu sehen», sagt sie betrübt.

Druck kann auch abnehmen

Nicht alle jungen Menschen treffen die Kontaktbeschränkungen jedoch gleichermassen hart und auch nicht unmittelbar. Michael* etwa sagt: «Mir war der persönliche Kontakt zu Kollegen nicht wirklich wichtig.» Zudem habe er «nie den Drang verspürt, in Clubs oder Bars zu gehen», sagt der Lehrling.

Der Soziologin Bettina Isengard zufolge könne «die Pandemie auch dazu führen, dass sich das individuelle Wohlbefinden teilweise verbessert, weil es zu einer Art Entschleunigungsprozess kommt. Das Gefühl, ständig unter Druck zu sein und etwas zu verpassen, kann abnehmen».

Diesen Druck verspürt auch Michael nicht mehr: «Vor der Pandemie ging ich nie gerne in den Ausgang. Nun musste ich mir nicht mehr überlegen, wieso ich nicht gehen kann – es konnte ja niemand.»

Doch auch der jetzt 19-Jährige räumt schliesslich ein: «Zu Beginn glaubte ich, dass Zoomcalls und Chatnachrichten jede Art von Gespräch ersetzen können. Das ist kreuzfalsch. Mit der Zeit habe auch ich mich etwas alleine gefühlt und geniesse es jetzt, die Kollegen in der Schule zu sehen. Etwas, was vor Corona doch so selbstverständlich war.»

Junge Menschen brauchen immer häufiger Hilfe

Die Corona-Massnahmen wirkten sich nicht nur auf das Alltagsempfinden vieler junger Menschen aus, sondern oft auch auf deren psychische Gesundheit. Neueste Zahlen aus dem Kanton Zürich zeigen, dass junge Patient*innen in der Pandemie immer häufiger Hilfe brauchen.

So registriere das Krisen-, Abklärungs-, Notfall- und Triagezentrum (KANT) der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich im ersten Halbjahr 2019 noch 321 Notfalluntersuchungen.

Allein im ersten Halbjahr 2021, von Januar bis Juni, waren es bereits 450. Besonders alarmierend: Der Anteil der Jugendlichen, die von Suizidgedanken berichteten, nahm von 69 auf 86 Prozent zu.



Nur die Spitze des Eisbergs

Jugendliche und junge Erwachsene mussten in der Pandemie viele Opfer bringen – von geschlossenen Clubs und Bars bis hin zum Homeschooling und Kontaktbeschränkungen. Gleichwohl sank der Leistungsdruck nicht, der ihnen schon vor der Pandemie zusetzte.

Gregor Berger, leitender Arzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, weist darauf hin, dass das Zürcher Notfallzentrum bereits seit zehn Jahren stärker in Anspruch genommen werde. Ein Trend, der sich durch die Pandemie verstärkt habe. Seiner Ansicht nach steige der Leistungsdruck auf Jugendliche jedoch schon seit der Jahrtausendwende.

Auch bei der UNO wird man nicht müde zu betonen, dass die psychische Gesundheit junger Menschen schon länger auf die Probe gestellt werde. Laut einer Umfrage der Unicef fühlt sich jeder fünfte Mensch im Alter zwischen 15 und 24 Jahren häufig deprimiert oder antriebslos.

Exekutivdirektorin Henrietta Fore warnte im Oktober: «Die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche sind gravierend.» Sie seien jedoch «nur die Spitze des Eisbergs». Bereits vor der Pandemie hätten viel zu viele Minderjährige an psychischen Belastungen gelitten.

Es wird sich zeigen, wie es für Jugendliche nach Ende der Pandemie weitergeht, wann immer dies sein mag. Sicherlich würden jedoch auch ältere Menschen Michael zustimmen, wenn er sagt: «Ich würde behaupten, dass es nach zwei Jahren genug ist.»

*Namen von der Redaktion geändert.