Nachruf

Keine Angst vorm Zombiekind – Danke, Remo Largo!

Von Philipp Dahm

13.11.2020

Remo Largo mit seinen Enkeln: Der Ausnahme-Pädagoge hat ungezählten Schweizer Familien geholfen, den Hausfrieden zu wahren.
Bild: Remo Largo

In der Fachwelt war der Ausnahme-Pädagoge geachtet und in Elternkreisen dank seiner Ratgeber verehrt. Nun ist Remo Largo tot, doch sein Geist lebt in ungezählten Schweizer Familien weiter. Eine Eloge auf einen Visionär.

Wenn ein Paar verkündet, dass das erste Kind unterwegs ist, folgt heute auf die Gratulationen gleich die Frage: «Hast Du schon den Largo?» Die Ratgeber des Zürcher Kinderarztes – vor allem «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Jugendjahre« – sind längst zum Standard geworden: Mormonen haben ihr Buch Mormon, Nerds «Per Anhalter durch die Galaxis» – und Eltern Largo.

Remo Largo ist so etwas wie eine Schweizer Amme für werdende Mütter und Väter – quasi ein Elternsitter. Wer je in der Situation gewesen ist, dass sich das eigene Leben – mitunter inklusive dem Hormonhaushalt – völlig auf den Kopf stellt, der weiss, wie wichtig eine kompetente Stimme ist, die einen in jener Lage beruhigt.

Keine Angst vor dem Nachtschreck

Der Winterthurer hat eigentlich Medizin und Entwicklungspädagogik in Zürich und Kalifornien studiert, ist aber gleichzeitig auch ein kluger Erzieher für Erwachsene. Seine Standardwerke «Babyjahre» und «Kinderjahre» glänzen alleine schon durch den übersichtlichen Aufbau, der es selbst denjenigen erlaubt, als Eltern zu strahlen, die nicht die hellsten Sterne am Firmament sind.

Kinder entwickeln sich individuell, beruhigt Remo Largo Eltern: hier ein Auszug aus dem «Motorik»-Kapitel aus «Kinderjahre».
Bild: phi

Die Ratgeber handeln die einzelnen Themen der Entwicklung von Babys und Kindern nachvollziehbar ab: Largo erklärt vor allem verständlich Aspekte wie Wachstum, Motorik, Spracherwerb, Ernährung oder Spiel-, Schrei- und Schlafverhalten. Es lohnt sich, diese Bücher zu lesen, bevor das Kind da ist. So kann man sich Nächte ersparen, die andernfalls der blanke Horror wären.

Largo bereitet einen auf so absonderliche Dinge wie den Nachtschreck vor. Da wacht der Nachwuchs nachts plötzlich auf und mutiert zum Zombie: Das Kind weint brüllend, aber wenn man es in den Arm nimmt, erkennt es die Elter nicht, lässt sich auch nicht beruhigen und schlägt womöglich sogar um sich.

«Onkel Largo» weiss immer Rat

Man erfährt davon vom Largo. Und dann widerfährt es einem selbst: Das eigene Kind wird zu so einem heulenden Zombie, das einem den Schweiss auf die die Stirn treibt, bevor einem wieder Largo einfällt. Und der Schweizer Ausnahme-Pädagoge bringt einen sofort wieder runter, bevor auch der Nachtschreck so plötzlich wieder verschwindet, wie er kam, und das Kind einschläft.

Die Lektüre lohnt sich nicht nur vor der Geburt. Man greift immer wieder auf den Largo zurück, wenn Fragen auftauchen. Müsste mein Sohn nicht langsam mal mit dem Greifen anfangen? Wie läuft das noch mit den Bezugspersonen? Und was können wir nochmal tun, um nachts mehr Schlaf zu bekommen?

ARCHIVBILD ZUM TOD VON KINDERARZT REMO LARGO --- Portrait von Remo Largo, aufgenommen am 27. Januar 2011 in Uetliburg, Kanton St. Gallen, Schweiz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Ein Portrait Largos vom Januar 2011, aufgenommen in Uetliburg SG.
Bild: Keystone

«Onkel Largo» weiss immer Rat – und zeichnet sich dadurch aus, eine natürliche Entwicklung von Kindern zu vertreten, die das Selbstvertrauen des Kindes in den Vordergrund stellt. Als wir unseren Sohn bekommen haben, hat uns ein Punkt besonders beeindruckt: das Konzept der «ungeteilten Aufmerksamkeit». Eine Sache, die man gut auf jedem Schweizer Spielplatz beobachten kann.

Fehlerminimierung mit Largo

Etwa wenn Eltern beharrlich in ihr Handy starren, während das Kind allein vor sich hin spielt. Oder in der Stube, wenn der Fernseher läuft, während die Erwachsenen ihren Nachwuchs «betreuen». Dabei soll das kein Vorwurf sein: Auch bei uns flimmerte am vergangenen Wochenende «CNN» über den Bildschirm, als die US-Wahl in ihr Finale ging.

Kinder machen Dinge, wenn sie so weit sind: Forscher Largo legte mit grossangelegten Studien in den 70ern und 80ern den Grundstein für seine Arbeit und belegte damit seine Thesen zur individuellen Entwicklung.
Bild: Remo Largo

Aber Remo Largo erklärt einem, wie sich das auf das Ego des Kindes auswirkt, weil es mit Elektronik um die Aufmerksamkeit der Eltern konkurrieren muss – und verliert. Ich bin so froh um seine klugen Lektionen, dank denen solche Momente rar in unserer Wohnung sind. Und dankbar für die zahlreichen Zweifel, die er in den ersten drei Lebensjahren unseres Sohnes ausgeräumt hat.

Wie ist der Winterthurer zu so einer Koryphäe geworden? Die Grundlage bildet Philantrophie gepaart mit Intelligenz: «Mein Interesse am Menschen war früh erwacht», schreibt Largo selber. «[Neben den verfügbaren Übersetzungen russischer Literatur] hatte ich einen unersättlichen Wissensdurst. So las ich die ganze Bibel und den 6-bändigen Brockhaus von A bis Z durch, was Eltern, Verwandte und Bekannte reichlich kurios fanden.»

Drei eigene Kinder und vier Enkel

Nach dem Studium geht er zur Pädiatrie am Universitäts-Kinderspital in Zürich, bildet sich in den USA fort und macht ab den 80ern mit bestechenden Langzeitstudien zur kindlichen Entwicklung und neuen Erkenntnissen in der Verhaltensbiologie in internationalen Fachkreisen von sich reden. Er heiratet 1971 seine Silvia, mit der er selbst drei Kinder hat. Das Paar trennt sich 1984, bevor Largo 1985 Largo erneut vor den Altar tritt.

«Die grösste Bereicherung in meinem Leben waren die Kinder», schreibt Largo. «Sie haben mich in meiner langjährigen klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit das Staunen über das menschliche Wesen und seine Welt gelehrt.» Durch sie habe er verstanden, «wie sich die Grundbedürfnisse, Kompetenzen und Vorstellungen ausbilden, die den Menschen ausmachen.»

«Der Sinn des Lebens besteht darin, Individualität in Übereinstimmung mit der Umwelt zu leben.»

Er habe nie gedacht, dass er «je so alt» werden würde, sagte er der «NZZ», die schreibt: «Remo Largo ahnte, dass der Tod näher kam, doch er machte nicht den Eindruck, als hätte er Angst davor gehabt.» Wenige Tage vor seinem 77. Geburtstag ist Remo Largo am 11. November in Uetliburg gestorben. Sein Geist lebt in allen Eltern weiter, die das Glück haben, von seinen Lehren zu profitieren. Ihre Dankbarkeit ist ihm gewiss.

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