Umdenken dank Corona?

Bedürfnis der Fahrgäste: SBB stoppen Schliessung bedienter Schalter 

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30.10.2020

Die SBB wollen die Schliessung persönlicher Beratungsschalter stoppen. (Symbolbild)
KEYSTONE

Neue Linie bei der Bahn: Die SBB haben die Schliessung bedienter Schalter vorerst gestoppt. Entscheidend sollen nicht mehr Sparmassnahmen, sondern Fahrgastbedürfnisse sein. 

Die persönliche Beratung für Zugreisende schien bis vor kurzer Zeit langsam zu einem Relikt vergangener Tage zu geraten. Immer mehr Schalter wurden an den Schweizer Bahnhöfen geschlossen – zum Leidwesen vieler Fahrgäste. Nun jedoch, inmitten und auch aufgrund der Coronakrise, der Richtungswechsel: Die SBB haben die Schliessungen auf Eis gelegt – vorerst bis Ende 2021.

Bis dahin wolle man bei den SBB die eigenen Kriterien überprüfen, berichtet der «Tages-Anzeiger». Die Zeitung zitiert Sprecher Reto Schärli: «Die bisherigen Prozesse basierten in erster Linie auf nachfrageorientierten und wirtschaftlichen Gesichtspunkten.» Diese jedoch würden dem «verstärkten Beratungsbedürfnis der Kundinnen und Kunden zu wenig stark Rechnung» tragen. Man wolle die Angebotsqualität an den Bedienschaltern demnach wieder ins Zentrum rücken.



Coronapandemie fördert Umdenken

Doch woher kommt das Umdenken, nachdem in den vergangenen 15 Jahren fast die Hälfte aller Schalter schliessen mussten? Eine nicht unwesentliche Rolle scheint die Coronapandemie zu spielen – sie könnte das ohnehin gestiegene Bedürfnis der Reisenden nach komplexerer und verlässlicher Beratung gesteigert haben. Persönliche Auskünfte sind angesichts breiter Reiseeinschränkungen gefragt.

Diesen Wunsch wolle man laut SBB-Sprecher Schärli abbilden: Derzeit arbeite man an neuen Konzepten zur Gestaltung der Reisezentren, heisst es im «Tages-Anzeiger». Ein erster Pilotstandort solle im nächsten Mai in Montreux eröffnen. Ist man dort zufrieden, könne das neue Konzept ab Mitte 2022 im Reisezentrum Zürich Flughafen umgesetzt werden.

Neuer SBB-Chef verantwortlich

Immer mehr Fahrgäste nutzen indes die digitalen Angebote der SBB, laut Unternehmen erwerben gar nur ein Zehntel aller Reisenden ihre Billetts an den insgesamt 721 Verkaufsstellen mit persönlicher Beratung. Auf dieser Grundlage wurde 2015 das Sparprogramm «Railfit 20/30» ins Leben gerufen, mit dessen Hilfe die SBB bis 2030 etwa 1,75 Milliarden Franken einsparen wollen. Nicht rentable Schalter sollten geschlossen werden. 



Dass es nun vorerst nicht mehr dazu kommt, könnte am neuen SBB-Chef Vincent Ducrot liegen. «Für ihn steht das Kerngeschäft im Vordergrund», zitiert der «Tages-Anzeiger» Jürg Hurni von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV. Dazu zähle auch der Kontakt zum Kunden am Schalter. Er habe den Eindruck, so Hurni, «dass die SBB das laufende Sparprogramm nicht mehr weiterverfolgen». Erstmals seien in diesem Jahr etwa keine Angaben über geplante Schliessungen gemacht worden.

Politische Anläufe, die Schalterschliessungen zu stoppen, waren in den vergangenen Jahren regelmässig gescheitert. Kantonale Initiativen wie zuletzt im Jura, wo nur noch vier Schalter betrieben werden, wurden abgelehnt. Auch im Parlament hatten entsprechende Vorstösse von Parlamentariern mit Blick auf den Staatsbetrieb SBB bislang keinen Erfolg – man habe als Bund keinen Einfluss auf die strategischen Ziele der SBB.

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