Lehrer-Pranger gibt es auch in der Schweiz

10.10.2018 - 15:31, Von Silvana Guanziroli

Junge SVP befürchtete Indoktrinierung von linken Lehrern.
Keystone

Wieviel SVP steckt in der rechtspopulistischen AfD? Die Idee für ihre jüngste Aktion jedenfalls hat die deutsche Partei in der Schweiz geklaut: Ein Melderegister für Lehrer, die sich negativ über die politische Organisation äussern.

Die AfD hat die deutschen Lehrer ins Visier genommen. Konkret jene, die sich im Schulzimmer kritisch über die Partei äussern und damit gegen das Neutralitätsgebot verstossen. Geht es nach den Rechtspopulisten, sollen diese Lehrkräfte künftig von Schülern und Eltern an den Pranger gestellt werden – und zwar auf entsprechenden Meldeplattformen, die die AfD in mehreren Bundesländern lancieren will.

In Hamburg ist eine entsprechende Seite bereits seit September in Betrieb. Unter «Neutrale Schulen Hamburg» macht die Partei auf das aus ihrer Sicht bestehende Problem aufmerksam. 

Gegen den AfD-Plan regt sich nun Widerstand. So kritsierte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann: «Jetzt wird sozusagen offenes Denunziantentum organisiert.» Weiter sprach er von «Bausteinen ins Totalitäre». 

Idee stammt aus der Schweiz

Der Lehrer-Pranger sorgt damit in Deutschland über das Schulzimmer hinaus für rote Köpfe. Doch neu ist die Idee nicht: Sie stammt aus der Schweiz, genauer von der SVP, die für die AfD immer wieder als Vorbild herhalten muss. «2014 rief die Junge SVP Schüler und Eltern auf, Lehrer, die sich einseitig zur linken Politik äusserten, zu melden», bestätigt Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH. «Dafür lancierte sie extra eine Homepage.»

Diese Hompage sorgte auch hierzulande für einen grossen Aufschrei. Mittlerweile ist die Seite nicht mehr aktiv – ganz verschwunden ist der Lehrer-Pranger trotzdem nicht. Heute findet man ihn versteckt auf der Homepage der Jungpartei im Blog-Bereich.

Dass das Register mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden ist, begrüsst der Lehrerverband. «Wir sprechen uns klar gegen diesen Lehrer-Pranger aus und lehnen diese Form der anonymen Diffamierung eines ganzen Berufsstandes entschieden ab», so Peterhans.

«Kinder sind mündig»

Trotzdem meint auch der LCH, das Neutralitätsgebot sei wichtig: «Lehrer müssen ausgewogen informieren. Sollte dies in einer Klasse nicht der Fall sein, empfehlen wir Schülern und Eltern zuerst das Gespräch mit dem Lehrer zu suchen.» Den Lehrer-Pranger hingegen sieht Peterhans als unnützes Mittel. «Das ist doch reiner Wahlkampfpopulismus.»

Das sieht auch die Deutsche Lehrervereinigung so. «Schülerinnen und Schüler sind nicht unmündig. In der Schule lernen sie Demokratie kennen», schreibt der Verband für Bildung und Erziehung in seiner heutigen Pressemeldung. «Sie wissen deshalb um die Möglichkeit, sich mit Lehrkräften auseinanderzusetzen.» 


Die Neutralität der Schweizer Schulen kann direkt von der Bundesverfassung abgeleitet werden. Gemäss Artikel 15 gilt die Glaubens- und Gewissensfreiheit, wonach jeder Einwohner das Recht hat, seine weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen.

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