Monatelanger Stau in die Stadt? – Behörden müssen über die Bücher

Jennifer Furer

9.7.2020 - 18:00

Als Teil des Projekts «Einhausung Schwamendingen» wird der Schöneichtunnel instand gesetzt. Dafür werden die beiden Röhren abwechslungsweise für drei Monate für den Verkehr gesperrt.
Keystone

Beim Schöneichtunnel herrscht derzeit mehr Stau als sonst. Grund ist eine Baustelle – und laut dem Bund auch das erhöhte Verkehrsaufkommen wegen Corona. Daten lassen an dieser Aussage zweifeln.

Wer am Morgen mit dem Auto zur Arbeit fährt, hört bei den Staumeldungen immer die üblichen Verdächtigen: Gubrist, Bareggtunnel, Westumfahrung und Schöneichtunnel. Bei Letzterem staut sich der Verkehr mittlerweile allerdings nicht mehr im üblichen Rahmen – und auch nicht mehr nur zu Stosszeiten, sondern praktisch den ganzen Tag.

Grund: Als Teil des Projekts «Einhausung Schwamendingen» wird der Schöneichtunnel instand gesetzt. Dafür werden die beiden Röhren jeweils abwechslungsweise für drei Monate für den Verkehr gesperrt.

Wartezeiten bis zu 40 Minuten

«Das flächendeckende Anbringen von Brandschutzplatten sowie die Installation der neuen Betriebs- und Sicherheitsausrüstung müssen aus Sicherheitsgründen unter einer Vollsperrung erfolgen», sagt Julian Räss, Sprecher beim Bundesamt für Strassen (Astra).

Die erste Phase – und somit die Schliessung der Röhre in Richtung Stadt Zürich – wurde am 22. Juni gestartet. Seither staut sich der Verkehr teils kilometerweit, sodass Wartezeiten zwischen 20 bis 40 Minuten entstehen.

«Wir sind uns bewusst, dass die aktuelle Verkehrsführung zu Verkehrsbeeinträchtigungen führt, und haben dies auch immer entsprechend kommuniziert», meint Räss. Es seien aber Massnahmen ergriffen worden, um diese so gering wie möglich zu halten.

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So habe die Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich (DAV) unter anderem die Lichtsignalanlagen bei einer Kreuzung, die für den Stau mitverantwortlich ist, «deutlich verlängert». Zudem, so hiess es beim Astra, zeige die Erfahrung, dass Verkehrsteilnehmende rund eine Woche bräuchten, um sich auf die neue Situation einstellen zu können.

Doch auch nach der ersten Woche verbesserte sich die Situation nicht. Selbst heute noch staut sich der Verkehr in ähnlichem Ausmass wie in der ersten Woche. Das Astra sagt, man habe darum weitere Massnahmen ergriffen: Ummarkierungen und neue Signalisationstafeln etwa. Doch auch das trägt nicht viel zur Stauverminderung bei.

Laut der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich (DAV) sind mehr Autos auf den Strassen unterwegs. Das Astra macht Corona dafür verantwortlich. (Bild bei der Rosengartenstrasse)
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Nachdem «Bluewin» beim Astra nachhakte, ob nun einschneidendere Massnahmen ergriffen werden, sagt Sprecher Räss: «Wir sind der Meinung, dass die aktuelle Verkehrsphase in einem noch akzeptablen Rahmen verläuft.» Zudem habe die Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich festgestellt, dass der motorisierte Verkehr in der ganzen Stadt deutlich zugenommen habe, «und zwar nicht nur zu den Spitzenstunden». Dies sei auf Covid-19 zurückzuführen, meint Räss.

«Bluewin» hat Daten ausgewertet

«Offenbar sind viele Pendlerinnen und Pendler von den öffentlichen Verkehrsmitteln auf das Privatauto umgestiegen und haben ihre Arbeitszeiten flexibilisiert, sodass das Verkehrssystem der gesamten Stadt fast den ganzen Tag ausgelastet ist», sagt er weiter. Man setze nun Hoffnung in die beginnende Ferienzeit, und dass damit der Gesamtverkehr zurückgeht. Das könne zur teilweisen Entspannung der Situation führen.

«Bluewin» hat Daten der 97 Messstellen der Stadt Zürich ausgewertet, die ermitteln, wie viele Autos sich in der Stadt Zürich bewegen. Sie zeigen: Seit dem Ende des Lockdowns ist der Verkehr tatsächlich wieder angestiegen. Aber: Der Wert von der Zeit vor Corona wird noch nicht erreicht. Sprich: Auf den Strassen in der Stadt Zürich gibt es momentan nicht mehr Verkehr als vor dem Lockdown.

Der Verkehr ist während des Lockdowns eingebrochen. Jetzt steigt er wieder an, befindet sich dabei aber noch knapp unterhalb des Niveaus vor Corona.
Bluewin/Jennifer Furer

Dabei ist aber der saisonale Effekt nicht berücksichtigt. Dieser bewirkt, dass es im Sommer weniger Verkehr hat. Vergleiche der Daten mit den vergangenen Jahren sind schwer möglich, weil weniger Messstationen in der Stadt Zürich vorhanden waren oder Daten fehlen. Dass die Strassen aber im Vergleich zu anderen Jahren nicht übermassig überlastet sind, zeigt ein Blick auf eine Datenauswertung des Astra selbst.

Diese zeigt, dass der aktuelle Verkehr auf den Autobahnen auch rund um Zürich noch unter dem Vorjahresniveau liegt. Haben die Behörden sich also bei der Planung der Verkehrsführung rund um den Schöneichtunnel verrechnet?

Lage weiterhin beobachten

Vordergründig will man beim Astra nichts davon wissen und verweist darauf, dass die bisherige Verkehrsführung die Leistungsfähigkeit der Autobahn nur unwesentlich verringert hat.

Die Behörden räumen aber ein, die Lage genau zu beobachten, Zählungen durchzuführen und weitere Massnahmen zu prüfen – etwa eine Ausdehnung der Grünphase für den Verkehr von der Autobahn her, sagt Astra-Sprecher Räss. «Zudem wird im Oktober 2020 eine neue Verkehrsphase eingerichtet, bei welcher der Verkehr in Richtung Zürich-City auf der Autobahn bleibt.»

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