Mr. Speaker erzählt in Zürich, warum er die Demokratie und Federer liebt

tafi

20.9.2019 - 12:12

Als sich 1'000 Menschen zur Ordnung rufen liessen: 73 Jahre nach Winston Churchills berühmter Europa-Rede begeistert John Bercow, bald Ex-Speaker des britischen Unterhauses, die Zuhörenden an der Uni Zürich. 

Mit seinen markant gebrüllten «Order!!!»-Rufen ist der britische Parlamentspräsident John Bercow weltweit bekannt geworden – an diesem Wochenende will er sein gewaltiges Stimmorgan nun für die Tennis-Legende Roger Federer einsetzen. Sein «grösstes Sportidol überhaupt» nannte Bercow den Schweizer Spieler am Donnerstagabend bei einer Rede in Zürich. Er verpasse kein Match des Weltstars – Federer spielt bis Sonntag in Genf an dem von ihm selbst gegründeten privaten Turnier Laver Cup.

Bercow soll in jungen Jahren selbst ein vielversprechendes Tennis-Talent gewesen sein, hat sich aber doch für eine politische Karriere entschieden, über die er in Zürich referierte. Zur Sprache kam dabei nicht nur sein generelles Verständnis von parlamentarischer Demokratie, Bercow las auch Boris Johnson einmal mehr die Leviten. «Die Politiker sind die Untertanen des Parlaments», sagte er, ohne den Namen des britischen Premierministers zu erwähnen.

John Bercow referierte auf den Tag genau 73 Jahre nach Winston Churchill in der Aula der Zürcher Universität über Europa, Demokratie – und Roger Federer.
Keystone

Ohne Parlament geht gar nichts

Johnson will den Brexit um jeden Preis am 31. Oktober vollziehen, «koste es, was es wolle.» Um seinen Plan umzusetzen, hat er das britische Parlament sogar in eine Zwangspause geschickt. Bercow nutzt sie für eine Reise in die Schweiz und bekräftigte in Zürich, dass er bis zum 31. Oktober, dem Tag des geplanten Brexits und seines Rücktritts vom Posten des Speakers, für die Rechte des Parlaments kämpfen werde.

Egal welches der Brexit-Szenarien eintritt – ein Austritt mit Deal, ein Austritt ohne Deal oder ein weiterer Aufschub: Ohne Parlament geht gar nichts. «Das ist nicht verhandelbar», sagte Bercow vor dem Auditorium. 



Mit seiner Haltung im Brexit-Drama hat sich Bercow nicht nur Freunde gemacht. Wie der «Tages-Anzeiger»  weiss, habe Bercow einmal einer Gruppe Studenten anvertraut, für den Verbleib Grossbritanniens in der EU gestimmt hat. Europa ist ihm wichtig, so wie es auch Churchill wichtig war, als er 1946 in Zürich von den Studierenden forderte: «Lassen Sie Europa entstehen.»

Dem britischen Kriegspremier ging es seinerzeit zwar um etwas anderes, die Sicherheit nämlich. Und Churchill nahm Grossbritannien von den «Vereinigten Staaten von Europa» explizit aus. Dennoch, so Bercow, sei der «politischen Koloss» ein «Internationalist» gewesen und kein «kleiner, enger, insularer Engländer».

Bercow fordert Tabubruch in London

Die seitdem Referendum 2016 geführte Brexit-Debatte habe nicht nur das politische Klima in Grossbritannien vergiftet, sondern auch die Schwächen des politischen Systems gezeigt. Man sei stolz darauf, eine «grossartige Demokratie» zu sein, ohne eine schriftlich festgehaltenen Verfassung zu haben. Doch das System, das auf dem Gewohnheitsrecht und Präzedenzfällen basiert, habe zu viele Schwächen, die von der Regierung zuletzt überstrapaziert worden sein.



«Wir sollten die Vorteile einer geschriebenen Verfassung erkennen», forderte Bercow in Zürich. In Grossbritannien wird dieser klarer Tabubruch wohl keine Jubelstürme auslösen. Aber Kontroversen ist Bercow ja gewöhnt. Bevor der nächste Debattensturm losbricht, will der leidenschaftliche Tennisfan zunächst einmal in Genf seinem Idol Roger Federer zujubeln.

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