Schulbank ade: Hausunterricht-Trend zwingt Schweizer Politik zum Handeln 

tghi

18.3.2019 - 18:00

Immer mehr Kinder werden zuhause von ihren Eltern unterrichtet. Nun schreitet die Politik ein.
Bild: Peter Endig / DPA

Die Zahl der Kinder, die zuhause unterrichtet werden, steigt rapide in der Schweiz. Manche Kantone entwickeln sich zu wahren Homeschooling-Hochburgen. Nun schreitet die Politik ein.

Der Trend bewegt sich noch im Promille-Bereich, aber er ist deutlich – und er zwingt die Politik zum Handeln: Immer mehr Schweizer Eltern unterrichten ihre Kinder zu Hause. Einer Umfrage des «Tagesanzeiger» zufolge gibt es in allen Kantonen bereits über 2'000 sogenannte Homeschooler.

Als Hochburgen erweisen sich vor allem die Waadt mit 650 Schülern, gefolgt von Bern (576), dem Aargau (246) und Zürich (240). Dort haben sich die Zahlen in den letzten fünf Jahren verdoppelt bis verdreifacht.

Die Anhäufung ist den unterschiedlichen Zulassungsregeln geschuldet: Während es in der Waadt keinerlei Hürden für den Heimunterricht gibt, ist es im Tessin und in zahlreichen anderen Kantonen faktisch untersagt. In Bern wiederum müssen Eltern die Unterrichtsziele der Volksschule erreichen und sich zusätzlich von einer «pädagogisch ausgebildeten Person» begleiten lassen. In Zürich, Luzern und in anderen Kantonen ist hingegen ein Lehrerpatent nach spätestens einem Jahr Heimunterricht erforderlich, in Ausnahmefällen reicht aber auch ein Studium der Eltern.

Die Gründe der Homeschooler

Die Gründe für den Heimunterricht sind ebenso mannigfaltig wie die Regelungen der Kantone: Willi Villiger, Präsident des Vereins Bildung zu Hause, unterscheidet im Interview mit dem «Tagesanzeiger» zwischen drei Motiven beim Homeschooling: Zum einen gebe es Eltern, die schlicht unterzufrieden mit dem Leistungsniveau der örtlichen Schulen seien und die Ausbildung ihrer Kinder in die eigene Hand nehmen. Andere Eltern-Paare sträuben sich gegen die Fremdbestimmung ihres Familienlebens und würden gerne ihre Ideale verwirklichen wollen – angefangen von der zweisprachigen Erziehung bis hin zum Lernen, das fliessend und stressfrei in den Alltag integriert wird. Als dritte Gruppe definiert der Aargauer jene Eltern, die unfreiwillig in die Rolle des Heimlehrers gedränkt werden, weil deren Kinder die in der Schule psychische und gesundheitliche Probleme entwickeln. Religiöse Gründe wie früher werden kaum noch aufgeführt.

Viele Eltern wollen den Lehrplan selbst bestimmen, fliessend in den Alltag integrieren und eigene Ideale verwirklichen.
Bild: DPA

Doch die Argumente, die Homeschooler anführen, stossen bei den Bildungsdirektionen vieler Kantone auf Widerstand. Nicht etwa wegen des Bildungsniveaus. Die grosse Mehrheit der privat unterrichteten Kinder erbringen demnach gute schulische Leistungen. Für die Behörden ist vielmehr die Integration der Kinder in den Klassenverband «oberste Prämisse, um auch den Sozialkompetenzen gerecht zu werden». Das gehe in einer Gruppe besser als im Einzelunterricht. Schüler müssten Austausch mit Gleichaltrigen haben.

Gerichtsverfahren bei Zuwiderhandlung und verhängte Bussgelder in Höhe von bis zu 2'500 Franken sorgen dafür, dass Bewegung in die Sache kommt – auf politischer wie auf privater Ebene: SP-Nationalrat Adrian Wüthrich will in dieser Woche eine entsprechende Motion im Parlament einreichen. Er fordert nationale Regeln und will die Bildungshoheit der Kantone beschneiden: «Wegen der vergleichsweise laschen Vorgaben findet zum Beispiel ein regelrechter Homeschooling-­Tourismus in den Kanton Bern statt. Der Bund muss jetzt eingreifen.» Mindestanforderungen wie ein Lehrerdiplom oder regelmässige Kontrollen durch das Schulinspektorat halte er für nötig, um die Unterwanderung der Vorgaben durch einen Kantonswechsel zu unterbinden.

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