12 Monate, 12 Köpfe

Sie haben das Schweizer Corona-Jahr geprägt

«blue»-Redaktion

20.3.2021

Bild: Keystone

Seit einem Jahr ist das Coronavirus Teil unseres Alltags. Es wird erklärt, bekämpft, geleugnet, bringt das Beste in uns hervor und treibt uns zur Verzweiflung. Diese Menschen haben die vergangenen zwölf Monate geprägt.

«blue»-Redaktion

20.3.2021

März: Daniel Koch, «Mister Corona»

Er ist das Gesicht der Corona-Krise in den ersten Wochen in der Schweiz: Daniel Koch. Beim Bundesamt für Gesundheit leitet er die Abteilung Übertragbare Krankheiten, als sich SARS-CoV-2 – so der offizielle Name des Coronavirus – über die Welt ausbreitet. Am 25. Februar wird eine erste Ansteckung in der Schweiz registriert. Daniel Koch ist rund um diese Zeit auf allen Kanälen präsent; seine ruhige Art vermittelt ein Mindestmass an Gelassenheit, als die Lage sich verschlimmert, die erste Covid-19-Welle über die Schweiz brandet und das Land schliesslich in den ersten Lockdown geht. Für Daniel Koch war es ein Endspurt in seiner Karriere. Am 27. Mai tritt er ein letztes Mal bei einer Medienkonferenz des Bundes auf, und am Ende jenes Monats geht er in Pension. In den Medien ist er aber auch nach seinem Abgang noch sehr präsent.

Daniel Koch, Delegierter des Bundesamt fuer Gesundheit, BAG, fuer die Coronavirus Pandemie Covid-19, verabschiedet sich von den Medien und wird pensioniert, am Donnerstag, 28. Mai 2020, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Daniel Koch verabschiedet sich am 28. Mai 2020 in den Ruhestand, in den Medien meldet sich «Mr. Corona» aber immer noch regelmässig zu Wort.
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April: Eine Schweizerin in Ischgl

Im April ereignet sich im Tiroler Skiort Ischgl eine Massenansteckung mit Covid-19 – sie macht Schlagzeilen als erstes Super-Spreading-Event in Europa. Hier haben sich mitten in der Wintersaison an Après-Ski-Partys und anderen Zusammenkünften Hunderte Touristen angesteckt und das Virus dann in Dutzende Länder weitergetragen. Die angebliche «Patientin 0»: eine Schweizer Kellnerin. Eine Falschmeldung, wie sich später herausstellt. Es ist einer von vielen Fehlern, der in dem Wintersportort geschieht. Bald zeigt sich etwa, dass die Verantwortlichen erste Alarmzeichen ignoriert haben, da in der Gegend ein grosser Teil der Wirtschaft vom Wintertourismus abhängt. Ein Muster, das später vielerorts zu sehen ist: Wirtschaft und Gesundheit werden gegeneinander ausgespielt.

ARCHIV – Ein Ortsschild mit durchgezogener roter Linie steht am Ende der Ortschaft Ischgl. Foto: Jakob Gruber/APA/dpa
Ischgl kommt zu Beginn der Corona-Pandemie zu unrühmlicher Bekanntheit.
Keystone/APA/Jakob Gruber

Mai: Marcel Salathé, Epidemiologe

Der Leiter der bundeseigenen Expertengruppe «Digital epidemiology» verkündet an einer Medienkonferenz, dass das Hilfsmittel auf dem Smartphone zur Kontaktverfolgung bereitsteht. «Wir können Technologie», sagt Salathé, erklärt aber auch, ob die App funktioniere werde, müsse sich noch zeigen. Die Schweiz erweist sich mit der Entwicklung der Technologie für das Smartphone als Pionier, doch so recht schlägt sie nicht ein – die Nutzerzahlen stagnieren. Auch Salathé verliert schliesslich den Glauben an die digitale Schweiz. Er verlässt die Covid-19-Taskforce im Februar 2021 und beteiligt sich an der Gründung einer neuen Organisation, die die wissenschaftlichen und technologischen Kompetenzen von Politik, Behörden und Gesellschaft stärken will. Gegenüber der «Sonntagszeitung» begründet der 46-Jährige seinen Schritt, die Pandemie habe ihm gezeigt, wie rückständig die Schweiz in vielen technologischen Bereichen sei – insbesondere in der Digitalisierung: «Wir sind im Daten-Blindflug; statt mit schnellen IT-Systemen versuchen wir, rasanten Entwicklungen mit Fax-Übermittlung beizukommen.»

Marcel Salathé appelliert an die Schweizer: Bitte nutzt die SwissCovid App!
Marcel Salathé appelliert an die Schweizer: Bitte nutzt die SwissCovid-App! Sein Rufen verhallt etwas im Walde.
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Juni: Matthias Egger, Taskfoce-Chef 

Das öffentliche Leben macht wieder einen grossen Schritt in Richtung Normalität: Per 22. Juni streicht der Bundesrat fast alle geltenden Einschränkungen. In Bars und Restaurants werden Polizeistunde und Sitzpflicht aufgehoben, der Mindestabstand wird von zwei auf 1,5 Meter reduziert, die Homeoffice-Pflicht fällt weg und Veranstaltungen mit bis zu 1000 Personen sind wieder erlaubt. Alles auf einmal. Das gehe viel zu schnell, mahnt Matthias Egger, Leiter der Covid-19-Taskforce des Bundes. Die Schweiz sei für diese Lockerungen noch nicht bereit, warnt der Epidemiologe in einem Interview mit mehreren Sonntagszeitungen. Aus wissenschaftlicher Sicht sei das Risiko gross, dass die Situation entgleite, wenn die Fallzahlen wieder zunähmen. Egger äussert Zweifel, wie gut das Contact Tracing funktioniere, und macht sich für eine Maskenpflicht stark. Im Juli gibt er seinen Rücktritt als Taskforce-Chef – seine Warnungen sollten im Verlauf der Epidemie aber widerhallen.

Matthias Egger, Praesident National COVID-19 Science Task Force, spricht waehrend einer Medienkonferenz zur Situation des Coronavirus, am Freitag, 1. Mai 2020, in Bern.(KEYSTONE/Peter Schneider)
Matthias Egger, Präsident der Covid-19-Taskforce des Bundes, warnt im Juni vor zu raschen Lockerungsschritten.
Keystone/Peter Schneider

Juli: Alain Berset, Bundesrat

Im Sommer scheint die Pandemie schon wieder weit weg zu sein. Die Fallzahlen bewegen sich auf sehr tiefem Niveau, die Bäder haben offen, auch Veranstaltungen finden wieder statt – und trotzdem ist das Virus nicht aus der Welt. Doch weil die Gefahr nicht mehr präsent ist, fehlt es der Schweiz an Einigkeit: Anstatt mit einer Strategie kämpft das Land mit 26 Teilstrategien gegen die Corona-Krise. Am 3. Juli platziert Bundesrat Alain Berset (SP) noch einmal öffentlich eine Warnung, die er in diesen Tagen öfter ausspricht. Jetzt seien die Kantone «am Drücker», sagt er in einem Interview mit dem «Blick». «Sie wissen um ihre Verantwortung.» Genützt haben Bersets Appelle nur sehr bedingt, wie wir im Rückblick wissen.

Sozialminister Alain Berset betritt den Ständeratssaal für die Debatte über die AHV-Vorlage.
Gesundheitsminister Alain Berset weiss früh, dass sich das Coronavirus nicht für kantonales Kompetenzgerangel interessiert.
Keystone/Peter Schneider

August: Simonetta Sommaruga, Bundespräsidentin

Laut einer Studie von Lausanner Computerwissenschaftlern, in der 12'194 Personen aus der Schweiz, den USA, Brasilien, Südkorea, Italien und Spanien befragt wurden, war Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga eine der Personen, deren Corona-Botschaften am glaubwürdigsten bei den Probanden ankam. In der offiziellen Rede zum 1. August würdigt die Bundespräsidentin die Solidarität und Unterstützung der Schweizerinnen und Schweizer: «Wenn es darauf ankommt, sind wir mehr als 26 Kantone und achteinhalb Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.» Eine Losung, die mit Fortdauer der Pandemie immer wieder hart auf die Probe gestellt wird.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga beschwört in ihrer Ansprache am 1. August 2020 die Einigkeit der Schweiz.
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September: Marco Rima, Komiker

Die Corona-Pandemie ist von Beginn weg von Skepsis begleitet. Etliche zweifeln, ob es überhaupt eine Gesundheitskrise gibt, halten die Gefährlichkeit der Pandemie für aufgebauscht und sehen die Massnahmen dagegen als völlige Übertreibung und eine unzulässige Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit. Schon früh formieren sich Demonstrationen gegen die angeordneten Corona-Massnahmen, die Teilnehmer*innen setzen sich dazu auch über Versammlungsgebote hinweg.

Swiss Actor Marco Rima attends a protest against the Swiss government's measures to slow down the spread of the coronavirus disease (COVID-19), at the Turbinenplatz in Zurich, Switzerland, Saturday, September 19, 2020. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Marco Rima fordert auf einer Skeptiker-Demo, dass die «Hysterie der Wissenschaft» wieder dem gesunden Menschenverstand Platz mache.
Keystone/Ennio Leanza

Ein bekanntes Gesicht der Skeptiker – oder Leugner, wie sie die Gegenseite bezeichnet – ist der Komiker Marco Rima. Im Mai postet er ein Video auf Facebook, in dem er vieles infrage stellt. Seine Äusserungen erregen grosses Aufsehen bei Unterstützern und Gegnern. Ein Muster, das sich zigfach wiederholt, weil sich die teils extremen Meinungen der Massnahmen-Gegner auf Social Media wie Lauffeuer verbreiten. Mitte September tritt Rima zusammen mit anderen Skeptikern an einer Demonstration gegen die «Corona-Lüge» auf und hält eine bejubelte Rede – wegen einiger Aussagen sieht er sich nur wenige Tage darauf gezwungen, zurückzurudern. Im Januar 2021 erkrankt Rima dann selber am Coronavirus, wie der «Blick» später berichtet

Oktober: Lukas Engelberger, Präsident der GDK  

Als im Herbst die Fallzahlen in der Schweiz wieder stark steigen, ist sich Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren GDK sicher, dass die Kantone die Situation im Sommer nicht verschlafen haben. Auf einer Medienkonferenz des Bundes, in der es um neue Massnahmen zur Eindämmung der zweiten Welle geht, sieht er nicht nur die Kantone in der Pflicht, sondern erachtet weitere Schritte auf nationaler Ebene als notwendig. Ein Lockdown liesse sich verhindern, wenn man sich beim Freizeitverhalten einschränke, sagt Engelsberger und liefert ein denkwürdiges Zitat: «Es braucht nicht einen Lockdown, sondern einen Slowdown.»

Lukas Engelberger, Praesident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK), spricht an einer Medienkonferenz zur Covid-19 Situation, am Donnerstag, 22. Oktober 2020, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider).
Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK), hofft im Herbst 2020, den Lockdown vermeiden zu können. Ein «Slowdown» würde völlig reichen.
Keystone

November: Junus Celebi, Hochzeits-DJ und Künstlervermittler

Besonders hart trifft die Corona-Pandemie die Veranstaltungsbranche. Der Zürcher DJ Junus Celebi betreibt eine Künstleragentur für Event-DJs und legt auch selber an Hochzeiten und Firmenfesten auf. 2020 verliert er den Grossteil seiner Aufträge: «Ich hatte ab Mitte Juni, als es wieder möglich war, bis Ende Oktober etwa 20 Hochzeiten. In normalen Jahren sind’s von März bis Ende Jahr um die 50 Hochzeiten.» Am 24. Oktober hatte er seinen vorerst letzten Gig: Eine Hochzeit, an der die Gäste mit Masken tanzten und wo überall Desinfektionsspray herumstand. Firmenanlässe, sein zweites wichtiges Standbein, hatte Celebi im vergangenen Jahr nicht einen einzigen. Denn ab November geht wieder nichts mehr, also auch keine Firmen-Weihnachtspartys mehr. Seither lebt Celebi, seine Partnerin und ihre drei gemeinsamen Kinder vom Erwerbsersatz, der ihm von der Sozialversicherung ausbezahlt wird und vom Einkommen, das die Partnerin noch hat. Und inzwischen steht auch die Hochzeitssaison 2021 auf wackligen Beinen, kommen nicht bald wesentliche Lockerungen.

Junus Celebi ist DJ und betreibt eine Künstleragentur – seit Oktober hatte er keinen Auftritt mehr.
ZvG

Dezember: Özlem Türeci und Ugur Sahin, Forscher*innen 

Kurz vor Weihnachten macht sich Hoffnung breit, die Zulassungsbehörde Swissmedic lässt in der Schweiz den ersten Covid-19-Impfstoff zu. Es handelt sich um den Wirkstoff des US-Unternehmens Pfizer und der deutschen Firma Biontech. Auf grosses Interesse stösst dabei nicht nur, wie der Impfstoff wirkt, sondern auch, wer die Personen hinter seiner Entwicklung sind. Die türkischstämmigen Deutschen Özlem Türeci und Ugur Sahin sind die Köpfe hinter dem gefeierten mRNA-Impfstoff mit dem Forschungsnamen BNT162b2. Die beiden studierten Mediziner gelten nun in Deutschland als Musterbeispiele gelungener Integration. Das nicht nur, weil sie wissenschaftlich reüssieren, sondern vor allem auch deshalb, weil sie dort Erfolge haben, wo die meisten Forscher abgehängt werden: bei der Umsetzung einer Idee in ein erfolgreiches Produkt. Gleichwohl das Ehepaar Türeci und Sahin durch Aktienoptionen an Biontech plötzlich Milliardäre sind, erklären Mitstreiter, sie seien keine Geschäftemacher und vor allem am wissenschaftlichen Fortschritt interessiert.

Die Gründer des Mainzer Corona-Impfstoff-Herstellers Biontech, Özlem Türeci und Ugur Sahin.
Die Gründer des Mainzer Corona-Impfstoff-Herstellers Biontech, Özlem Türeci und Ugur Sahin.
Biontech/dpa

Januar: Nora Kronig, Beamtin

Schon kurz vor Weihnachten lässt die Schweiz mit Pfizer/Biontech die erste Corona-Impfung zu – als erstes Land weltweit im regulären Verfahren, wie die Verantwortlichen nicht müde werden zu betonen. Nun rückt Nora Kronig ins Zentrum des Interesses: Sie leitet die Abteilung Internationales beim Bundesamt für Gesundheit und steht der Arbeitsgruppe vor, die für die Versorgung der Schweiz mit Impfstoffen zuständig ist. Damit kommt sie immer wieder in die unangenehme Lage zu erklären, weshalb die Schweiz nicht mehr Impfstoff hat. Dabei kommt ihr ihre Ausbildung als Diplomatin zupass: Sie bleibt auch bei kritischen Nachfragen zu diesem und jenem Impfstoff ruhig und beantwortet geduldig die Fragen der Medienleute – und lässt sich zu deren Verdruss kaum in die Karten schauen. Denn aus strategischen Gründen bleibt sie Auskünfte über den genauen Stand der Verhandlungen in der Regel schuldig. Doch auch sie kann nicht ändern, dass die Schweiz wegen Lieferproblemen nicht so viel Impfstoff erhält, wie sie aufgrund der abgeschlossenen Verträge erwartet.

Nora Kronig, Leiterin Abteilung Internationales BAG, waehrend einer Medienkonferenz zur aktuellen Situation des Coronavirus, am Dienstag, 5. Januar 2021 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Dass die Schweiz weniger Impfstoff erhält, als ihr vertraglich zugesichert wurde, kann Nora Kronig nicht ändern. Die Leiterin Abteilung Internationales beim BAG bleibt trotzdem nach aussen ruhig und gelassen.
Keystone

Februar: Tanja Stadler, Wissenschaftlerin

«Wenn man die Grenzen mit dem Ziel geschlossen hat, das Virus nicht reinzulassen: Dafür war es zu spät», wird Tanja Stadler im Februar deutlich. Die Wissenschaftlerin vom in Basel angesiedelten Departement für Biosysteme der ETH Zürich hatte mit Kolleginnen und Kollegen in einer Studie die Ausbreitung des Sars-CoV-2-Erregers anhand entzifferter Virus-Genome aus 19 europäischen Ländern und der chinesischen Provinz Hubei nachvollzogen. Dass die Schweiz und die EU am 17. März 2020 dicht machten, sei wirkungslos gewesen. Das hätte viel früher passieren müssen, sagt Stadler: «Es ist extrem wichtig, am Anfang schnell zu handeln, um zu verhindern, dass ein Virus global zirkulieren kann. Aber im Nachhinein weiss man immer mehr.» Zum Beispiel, dass man Infektionsherde konsequent austrocknen müsse: «Aus epidemiologischer Sicht wäre eine frühe Abschottung des Ausgangsortes der Pandemie in der chinesischen Provinz Hubei zentral gewesen.» Aus den Erkenntnissen können nun immerhin Schlüsse für eine mögliche neue Pandemie gezogen werden.

Professorin am D-BSSE
Tanja Stadler, Professorin am D-BSSE der ETH Zürich, rät, bei der nächsten Pandemie schneller zu handeln.
ETH Zürich / Giulia Marthaler