Startet die Schweizer Impfkampagne nun durch? 

uri

11.1.2021 - 14:43

Rosmarie Michel, ehemalige Unternehmerin wird gegen das Covid-19 Coronavirus geimpft, im Referenz-Impfzentrum EBPI am Hirschengraben in Zuerich vor, aufgenommen am Montag, 4. Januar 2021. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Covid-Impfung im Referenz-Impfzentrum EBPI am Hirschengraben in Zürich am 4. januar 2021. (Archiv)
Bild: Keystone

Die Schweizer Covid-Impfkampagne stockt noch – trotzdem sollen laut BAG bis Jahresmitte alle geimpft sein, die das wollen. Doch nicht nur die Impfstoffe könnten hier einen Strich durch die Rechnung machen. Heute will das BAG erstmals offizielle Zahlen veröffentlichen.

BAG-Vizedirektorin Nora Kronig versprach letzte Woche im «Blick»-Interview, dass bis Ende Juni alle Personen geimpft werden können, die auch wollen. Demnach müssten bis dahin die gesamte bestellte Menge von 10,5 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer und Moderna geliefert sein oder noch weitere Impfstoffe zugelassen werden, mutmasst die NZZ.

Bislang ist jedoch lediglich der Impfstoff von Biontech/Pfizer seit dem 19. Dezember 2020 für die Schweiz zugelassen, nur rund 230'000 Dosen sind laut NZZ bislang auch im Land angekommen. Immerhin wird damit gerechnet, dass die Zulassungsbehörde Swissmedic in Kürze den zweiten Impfstoff von Moderna bewilligen wird. Mitte letzter Woche hatte die EU diesen Schritt bereits gemacht.



Mit dem Impfstoff von Moderna, von dem das US-Unternehmen etwa 400 Millionen Dosen bei Lonza in Visp VS herstellen lässt, verbindet sich die Hoffnung, dass auch das Schweizer Impfprogramm stark beschleunigt wird. Die Wissenschaftsredaktion von SRF etwa geht davon aus, dass bereits im Januar zusätzlich 120'000 Personen geimpft werden könnten, wenn der Impfstoff bald zugelassen wird. Im Februar könnten es dann sogar nochmals 250'000 Personen zusätzlich sein.

Moderna-Impfstoff hat entscheidenden Vorteil

Der Impfstoff von Moderna – wie der von Biontech/Pfizer ebenfalls auf der neuartigen mRNA-Technologie beruhend – hat dabei einen entscheidenden Vorteil und auch einen Nachteil.

Der Vorteil: Das Vakzin muss nicht wie das Konkurrenzprodukt von Biontech/Pfizer bei minus 70 Grad gelagert werden, sondern verträgt auch höhere Temperaturen. Man geht davon aus, dass der Impfstoff bei Kühlschranktemperaturen zwischen zwei und acht Grad bis zu 30 Tage lang stabil bleibt, wie es in einer Moderna-Mitteilung heisst.

Bei einer Temperatur von minus 20 Grad soll der Impfstoff bis zu sechs Monate haltbar und bei Raumtemperatur immerhin noch bis zu zwölf Stunden Verwendung finden können. Damit kann der Impfstoff bedeutend einfacher in Arztpraxen verimpft werden, die nicht über spezielle Kühlschränke verfügen.

Der Nachteil: Der Moderna-Impfstoff wird lediglich in grossen Verpackungseinheiten geliefert und nicht in Fertigspritzen, wie Thomas Steffen, Kantonsarzt von Basel-Stadt, gegenüber der NZZ moniert. Das führe wiederum dazu, dass der Vorgang der Impfungen in Hausarztpraxen oder Apotheken aufwendiger sei.

Bis zu 75'000 Impfungen täglich angepeilt

Wenn die Liefermengen für die Impfstoffe laut BAG im zweiten Quartal 2021 steil ansteigen, sollen in der Schweiz täglich bis zu 75'000 Personen geimpft werden können. Allerdings ist es in diesem Fall nicht unbedingt möglich, bereits im ersten Halbjahr auf eine Impfquote von 60 Prozent der Bevölkerung zu kommen, die eine Herdenimmunität verspricht, wie die NZZ vorrechnet.

Demnach würde es, «selbst wenn auch am Wochenende die gesamte Infrastruktur zur Verfügung stünde – was aufgrund geschlossener Hausarztpraxen nicht realistisch ist», auch dann fast fünf Monate dauern, bis man auf die Impfquote von 60 Prozent käme.

Für den Fall, dass das BAG bei seinen Berechnungen jedoch Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre nicht berücksichtige, weil diese sich aufgrund der Impfstoffzulassungen gar nicht impfen lassen dürften, sei die Impfung von dann 7,1 Millionen Personen möglich, wenn auch sehr ambitioniert.



Denn auch dann dürften bei den Impfstoffherstellern nicht wirklich Probleme oder Lieferengpässe auftreten, beziehungsweise müsste es mit den Zulassungen weiterer Impfstoffe gut vorangehen. Zuvorderst müssten auch noch technische und logistische Probleme aus dem Weg geräumt werden.

Philippe Luchsinger, der Präsident des Verbandes der Haus- und Kinderärzte Schweiz, meinte im Interview mit der NZZ, die Hausärzte seien in Bezug auf den Impfstart zwar flexibel und hätten sich vorbereitet, doch bislang fehlten in vielen Kantonen noch Konzepte zur Verteilung der Impfstoffe.

Es droht wieder ein Zahlenchaos

Auch wenn Impfdosen bereits verfügbar seien, befinden sie sich laut Luchsinger zumeist noch in den Tiefkühlgeräten, da die Infrastruktur und das Personal nicht ausreichten, um sie schnell zu verimpfen. Auch Kantonsarzt-Chef Rudolf Hauri gab gegenüber der NZZ an, dass er die Impfungen in Praxen und Apotheken «im grösseren Umfang im allerbesten Fall erst in ein bis zwei Monaten» für möglich halte.

Hauri meint ebenfalls, dass auf nationaler Ebene der Überblick verloren gehen könnte, wer überhaupt schon geimpft ist. Schliesslich sei das entsprechende Software-Tool des Bundes noch nicht bereit. Er befürchtete deshalb erneut ein Durcheinander bei den Zahlen, meint jedoch auch, die Arbeiten dazu würden «auf Hochtouren laufen».

Wenn das Bundesamt für Gesundheit (BAG) heute erstmals Zahlen zu den Covid-Impfungen veröffentlicht, könnte das also der Startschuss für das nächste Zahlenchaos sein – aber auch das Einbiegen in die Zielgerade beim Kampf gegen die Pandemie. Man darf gespannt bleiben.

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