Tempo 30 in Zürich verkommt wegen Kanton zur «Alibiübung»

jfk

26.9.2018 - 10:30

Lärmschutz an der Zürcher Breitensteinstrasse. Der Zürcher Stadtrat hatte im April 2018, in Anlehnung an einen Bundesgerichtsentscheid beschossen, in einigen Stadtkreisen die Höchstgeschwindigkeit auf mehreren Strassenabschnitten auf 30 km/h herabzusetzen.
Bild: Keystone/Christian Beutler

Die Stadt Zürich ist laut nationaler Verordnungen verpflichtet,  ihre Bewohner vor einer überhöhten Lärmbelastung zu schützen. Doch die eingrichteten Tempo-30-Zonen bringen nicht den gewünschten Erfolg.

Gemäss Berechnungen der Stadt ist jeder dritte Zürcher übermässigem Strassenlärm ausgesetzt, wie der Tages-Anzeiger berichtet. Demzufolge wohnen insgesamt 140'000 Menschen in der Stadt an jenen 230 Strassenkilometern, wo die Lärmpegel die Immissionsgrenzwerte überschreiten. Bei 10'000 Einwohnern liegen sie sogar über dem Alarmwert.

Der Stadtrat arbeitet seit 2011 daran, die eidgenössische Lärmschutzverordnung umzusetzen. Studien zufolge lässt sich der Verkehrslärm mit Geschwindigkeitsbegrenzungen effektiv verringern, Tempo  30 statt 50 kann bis zu drei Dezibel ausmachen. Der Stadtrat hat zu diesem Mittel gegriffen und nach und nach in den Stadtkreisen Tempo-30-Zonen etabliert.

Doch die Bilanz fällt laut «Tages-Anzeiger» überhaupt nicht zufriedenstellend aus: Für lediglich 24'000 Zürcher, nicht einmal 20 Prozent der Betroffenen, bringt die Temporeduktion eine Verbesserung. Für 90 verschiedene Strassenabschnitte wurde Tempo 30 erlassen, wo jedoch kaum Menschen wohnen. Verantwortliche für den Strassenlärmkomplex in der Verwaltung verweisen angesichts der Enttäuschung der Stadträte auf die Gründe für den unzureichenden Effekt.

Oft könne man an gewünschten Stellen das Tempo nicht auf 30 reduzieren, weil es sich um Kantonsstrassen handle. Und gerade auf Strassen in dicht besiedelter Umgebung sei auch der Nahverkehr unterwegs, den man durch eine Temporeduktion zu stark ausbremsen würde. Ungeachtet der Erklärungen bezeichnet Simone Brander (SP) die erfolgten Massnahmen gegenüber dem «Tages-Anzeiger» als «mutlos».

Diese Sichtweise wird auch von bürgerlicher Seite geteilt, Severin Pflüger (FDP) sieht die Lärmsanierung zur «Alibiübung» verkommen. Doch statt für die Einrichtung weiterer Tempo-30-Zonen zu kämpfen, sehen Stadträte wie Stephan Iten (SVP) das Mittel zur Lärmreduktion in Alternativen wie Lärmfenstern und Flüsterbelägen für die Strassen. Sven Sobernheim (GLP) setzt auf die leisere Elektromobilität, doch bis dahin fliesst noch viel Wasser die Limmat hinab, und viele Zürcher müssen sich einstweilen mit dem Verkehrslärm irgendwie arrangieren.

Bilder aus der Schweiz
Zurück zur Startseite