«Das Arbeiten im Büro wird an Stellenwert gewinnen»

Von Alex Rudolf

24.7.2021

Ein Velofahrerin faehrt auf der Velospur am Limmatquai, fotografiert am 5. Oktober 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Ein Velofahrerin fährt auf der Velospur am Limmatquai, fotografiert am 5. Oktober 2020 in Zürich.
KEYSTONE

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Schweizer Städte und Agglomerationen aus? In einer losen Serie fragt «blue News» bei Spezialist*innen nach. Anna Schindler ist in Zürich für die Stadtentwicklung verantwortlich und weiss, warum die Stadtflucht ein Mythos ist.

Von Alex Rudolf

24.7.2021

Frau Schindler, wie hat sich die Stadt durch Corona verändert?

Erst wurde Zürich ein wenig ruhiger, doch nun wird die Stadt allmählich wieder lebendiger. Die wohl augenscheinlichste Veränderung ist die Ausdehnung der Gastronomieflächen, die noch bis zum 31. Oktober gilt. Diese spürbar grössere Fläche sorgt sicher für mehr Leben im öffentlichen Raum.

Mehr Leben, ja, jedoch gibt es noch immer bedeutend weniger Pendler*innen als vor Corona.

Sicher. Die Angestellten vieler Unternehmen sind erst teilweise, wenn überhaupt, zurück am Arbeitsplatz. Aber wir beobachten einen Kompensationseffekt, im Detailhandel beispielsweise. Dort läuft es aktuell sehr gut. Die Leute gehen wieder öfter einkaufen und geben dafür auch mehr Geld aus.

Rechnet man bei der Stadtentwicklung auch mit langfristigen Konsequenzen?

Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Ich persönlich kann mir vorstellen, dass Unternehmen künftig mehr Homeoffice ermöglichen und es zu weniger hohen Verkehrsspitzen kommen wird. Auch kann ich mir vorstellen, dass sich der Umgang mit dem öffentlichen Raum wandelt. Dieser wurde sehr viel wichtiger während Corona. Doch im Grossen und Ganzen hat die Pandemie wohl nur geringen Einfluss auf die Stadtentwicklung. Gewisse Themen, die schon vorher aktuell waren, erfuhren lediglich einen Boost.

Was meinen Sie damit?

Nehmen wir den Onlinehandel und den damit verbundenen logistischen Aufwand als Beispiel. Während Corona bestellten viele Zürcher*innen Dinge zu sich nach Hause. Das Wachstum in diesem Bereich ist aber seit Jahren gross, Corona hat ihn lediglich verstärkt. Was die Pandemie gezeigt hat, ist, dass Städte flexibel sind. Damit meine ich diverse Zwischen- oder Umnutzungen. In Wien wurden beispielsweise temporäre Velowege erstellt und in Mailand Parkplätze umgenutzt. Es gab viele Initiativen und Ideen, die teils schon wieder verschwunden sind.

Zürich leidet wie andere Schweizer Grossstädte unter einer sehr tiefen Leerwohnungsquote. Wegen Homeoffice könnten Unternehmen ihre Büroräume reduzieren. Werden bald viele Büros in Wohnungen umgebaut?

Das wird nicht passieren: Zürich ist eine Arbeitsstadt und eine Wohnstadt. Wir haben aktuell mehr Arbeitsplätze als Einwohner*innen, was sehr wichtig ist. Eine Stadt, in der nur gewohnt wird, ist eine tote Stadt. Und bezüglich der Büros: Das Arbeiten im Büro wird künftig vielleicht sogar an Stellenwert gewinnen.

Gleichzeitig wie das Homeoffice? Wie geht das?

Besonders die Büros an guten Lagen – zum Beispiel in der Innenstadt oder in beliebten Stadtkreisen – gewinnen an Relevanz. Denn im Büro wird man künftig nicht mehr nur am Pult sitzen und für sich arbeiten. Die Unternehmen wollen daraus einen Begegnungsort machen.

In den kommenden Jahren will die Stadt eine Tramverbindung nach Affoltern, den nordwestlichen Zipfel der Stadt, bauen. Braucht es diese tatsächlich?

Ja, denn wir gehen davon aus, dass das Wachstum der Stadt Zürich weitergeht. Nach wie vor wird voraussichtlich 2040 rund eine halbe Million Menschen hier wohnen. Diese Projekte braucht es also, weil die Pendlerinnen und Pendler nicht weniger werden. Allenfalls verteilen sich die Ströme besser auf den Tag, was natürlich gut wäre.

Anna Schindler

Anna Schindler wurde 1968 in Bern geboren und studierte Geografie. Anschliessend arbeitete sie erst als Architekturjournalistin, Publizistin und Dozentin. Seit 2011 ist Schindler Direktorin der Dienstabteilung Stadtentwicklung der Stadt Zürich. Sie wohnt im Quartier Witikon, ist verheiratet und hat drei Söhne.

Eine Stadtflucht erwarten Sie nicht?

Diese ist für Zürich wohl ein Mythos. Denn was während Corona wichtig wurde, ist nicht das «Wo», sondern das «Wie man wohnt». Besonders, wenn man sich den ganzen Tag in den eigenen vier Wänden aufhalten muss. Bezahlbare Wohnungen mit viel Platz gibt es im Stadtzentrum weniger als in der Agglomeration. Dass nun einige Personen die Stadt verlassen und in die Agglomeration ziehen, ist aber noch kein Trend.

Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahren auf Sie als Stadtentwicklerin zu?

Das sind klar Nachhaltigkeitsthemen im Klimabereich: CO2-Reduktion, Hitzeminderung, Grünraum und Verkehr – und eine sozial und wirtschaftlich nachhaltige Entwicklung. All dies war schon vor Corona da, die Pandemie hat aber als Brandbeschleuniger gewirkt.