U-30 im Bundeshaus Warum sich Toni Brunner am Anfang «wie ein Kindergärtler» verhielt

Von Anna Kappeler

6.12.2019

Das neue Parlament ist jung wie nie – und will überparteilich zusammenarbeiten. Und davor? SVPler Toni Brunner, jüngster je gewählter Nationalrat, ging mit 21 mangels Gleichaltrigen «mit den 50- und 60-Jährigen in den Ausgang».

Unter 30 und im Nationalrat – das ist selten. So selten, dass die Zahl sieben schon ein Rekord ist. Nie war das Parlament so jung wie heute. Auf 3,5 Prozent bringt es die U-30-Vertretung im Nationalrat. Aktuell sind das die neu Gewählten Meret Schneider (GP), Franziska Ryser (GP), Andri Silberschmidt (FDP) und Tamara Funiciello (SP) sowie die Bisherigen Fabian Molina (SP), Mike Egger (SVP) und Samira Marti (SP). 

Entsprechend vernetzen sie sich – laut Schneider etwa in einer Gruppe der neu gewählten Jungen. «Das Ziel: Schon in der ersten Woche gemeinsame, überparteiliche Positionen auszuarbeiten für kommende Geschäfte», wie Schneider am ersten Sessionstag sagte. 



Dass das mehr als leere Worte sind, haben die Bisherigen Marti (SP) und Egger (SVP) gezeigt. In einem gemeinsamen Vorstoss fordern sie etwa ein Werbeverbot für Krankenkassen und einen Lohndeckel für deren CEOs.

Drei weitere U-30-Vertreter – Silberschmidt, Ryser und Egger – gründen eine überparteiliche Polit-WG. «Wir Jungen wollen zeigen, dass wir anders sind als die Alten», sagte Silberschmidt im «St. Galler Tagblatt». Mit 25 Jahren ist Silberschmidt aktuell der jüngste Parlamentarier.

«Man war mir wohlgesinnt»

Doch auch «die Alten» waren mal jung. Den Titel als jüngster je gewählter Nationalrat hält der jahrelange SVP-Parteipräsident Toni Brunner. Mit gerade einmal 21 Jahren wurde er 1995 Nationalrat.

«Der erste Tag war speziell: Ich wurde als junger Landwirt in eine komplett neue Umgebung hineingeworfen. Ich hatte ja keinerlei Erfahrungen im Parlament, gleichwohl war man mir wohlgesinnt», sagt Brunner zu Hause auf seinem Hof im Toggenburg am Telefon. Wohl deshalb, weil er mit niemandem Berührungsängste gehabt habe.

Dennoch habe der Anfang Zeit gebraucht. «Ich verhielt mich wie ein Kindergärtler am Fussgängerstreifen: Warte, luege, lose, laufe – in meinem Fall reden.»

«Hätten meine Eltern oder Grosseltern sein können»

Gspänli unter 30 hatte Brunner keine. «Die nächstältere Person im Rat war Parteikollegin Brigitta Gadient –­ auch sie 14 Jahre älter als ich. Alle Ratsmitglieder hätten meine Eltern oder sogar Grosseltern sein können.» Gestört habe ihn das nicht. «Also ging ich halt mit den 50- und 60-Jährigen in den Ausgang. Das war immer lustig.»

Brunner erlebte Polit-Koryphäen wie Helmut Hubacher, Franz Steinegger, Peter Bodenmann und Christoph Blocher. «Allüren hatte niemand, ich war mit fast allen im Rat sofort per Du.» In seiner ersten «Arena» sei er gegen SP-Urgestein Helmut Hubacher angetreten. «Das Thema war: Der Jüngste gegen den Ältesten.»

«Ein Alterspräsident mit 45 wäre seltsam»

Wäre Brunner übrigens Ende 2018 nicht zurückgetreten, er wäre diesen Montag der jüngste Alterspräsident seit 1848 geworden. Er sass 23 Jahre im Nationalrat. «Mit 45 Alterspräsident zu werden, hätte ich seltsam gefunden», sagt Brunner. Als Alterspräsident hätte Brunner die konstituierende Parlaments­sitzung zu Beginn dieser neuen Legislatur geleitet und eine Rede gehalten.

Vereidigt wurde am Montag Brunners Lebenspartnerin Esther Friedli als frisch gewählte Nationalrätin. «Ihre Vereidigung habe ich von zu Hause aus via Handy verfolgt. Schade, fand diese im Plenum statt. Und nicht einzeln wie bei mir.» Brunner vermisst das Bundeshaus nicht. Er sei nicht zurückgetreten, um wiederzukommen. «Auch wenn das heute noch einige nicht glauben, ich werde sicher nie als Nachfolger von Bundesrat Ueli Maurer kandidieren, falls er zurücktritt.»

«Wir feierten die besten Partys»

Die Zahl der U-30-Politiker stieg vier Jahre nach Brunners Wahl auf zwei, weitere vier Jahre später auf fünf Personen an. 2007 erreichten die U-30er einen zwischenzeitlichen Höchstpunkt, der wieder abfiel und erst mit den Wahlen 2019 übertrumpft wurde. 2007 also sassen sechs Jungpolitiker in der grossen Kammer, ein Anteil von drei Prozent, wie ein Blick auf Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt.

«Wir feierten die besten Partys!», erinnert sich der 2007 erstmals gewählte FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. «Jung verbindet manchmal eindeutig mehr als die Parteizugehörigkeit – besonders ausserhalb des Rates.» Wasserfallen war bei Amtsantritt 26. Die Eröffnungsrede als jüngster Parlamentarier schnappte ihm allerdings der einige Monate jüngere Lukas Reimann von der SVP weg.

Man sei «eine lustige Truppe mit Pascale Bruderer (SP), Christa Markwalder (FDP), Evi Allemann (SP), Bastien Girod (Grüne), Lukas Reimann (SVP) und Tiana Moser (GLP)» gewesen. Bruderer war 2007 zwar 30 und Markwalder 32 Jahre alt, gewählt wurden sie allerdings bereits 2002 mit 28 beziehungsweise 2003 mit 25 Jahren. Unter 30 war 2007 zudem SVPlerin Jasmin Hutter. «Dass die Jungen zusammenspannen, ist also nicht neu», sagt Wasserfallen.

Der U-35-Club

Ein fester Bestandteil und eine Institution der Jungen ist in jeder Session der U-35-Club, der sich jeden letzten Donnerstag einer Session trifft. «Gegründet wurde dieser im Umfeld von Pascale Bruderer und Christa Markwalder», sagt Wasserfallen. U-35? Also längst aus die Maus für die Gründerinnen und Wasserfallen? Dieser winkt ab: Beim U-35-Club zähle nicht das Alter, sondern das Alter bei der Wahl. «Clever, nicht?»

Inzwischen halten der 29-jährige SPler Molina und SVP-Kollege Egger (27) den U-35-Club am Leben. Was das Alter angehe, sei man sehr tolerant, sagt auch Molina. «Es geht darum, die überparteilichen Kontakte auch in einem lockeren Rahmen zu pflegen.» Zwei Dutzend Personen kommen laut Molina jeweils.

Vom «Du bist die Jüngste»-Stempel

An diesen U-35-Anlässen ist auch die Grüne Lisa Mazzone anzutreffen. Sie wurde vor vier Jahren Nationalrätin, jetzt schaffte sie mit nur 31 Jahren den Sprung in den Ständerat. Den Titel als jüngste je gewählte Ständerätin schnappt ihr allerdings Johanna Gapany wegen wenigen Monaten weg. Kein Problem für Mazzone, sie freut sich im Gegenteil darüber.



Warum? Mit 27 Jahren hielt sie in der grossen Kammer die Rede als jüngste Parlamentarierin. Und diese Antrittsrede hat laut Mazzone den grossen Nachteil, «danach den Stempel ‹die Jüngste› zu haben». Natürlich aber sei es auch eine Ehre gewesen und eine Möglichkeit, sich gleich am ersten Tag bekannt zu machen. «Unter 200 Politikern ist das sonst nicht immer einfach.»

«Das war so schön informell»

Die Wahlen vor vier Jahren waren für Junge keine guten. «Als ich 2015 in den Nationalrat gewählt wurde, waren wir U-30er nur zu dritt.»

Per Zufall sassen Mathias Reynard (SP/VS), Mattea Meyer (SP/ZH) und Mazzone sehr nah beieinander. «Das war toll, denn das Alter verbindet schon. Mit Mathias habe ich viel unternommen, auch ausserhalb des Rates – zwei junge Romands, das war so schön informell.» Während der Legislatur folgten mit Molina und Samira Marti (beide SP) «dann zum Glück noch zwei weitere U-30er».

Zusammen mit den vier Neuen gibt das – eben – einen Rekord.

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