Was die Experten des Bundes positiv stimmt – und was nicht

Von Gil Bieler und Uz Rieger

20.7.2021

Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewaeltigung und internationale Zusammenarbeit, Bundesamt fuer Gesundheit BAG, spricht an einem Point de Presse zur Covid 19 Situation, am Dienstag, 20. Juli 2021, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Die Expert*innen des Bundes um Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit BAG, überbrachten gemischte Botschaften.
Bild: Keystone

Die Experten des Bundes haben heute einen Lagebericht zur aktuellen Entwicklung in der Corona-Pandemie vorgelegt. Neben Lichtblicken sahen sie auch eine Menge Schatten. Ein Überblick. 

Von Gil Bieler und Uz Rieger

20.7.2021

– Rasant ansteigende Fallzahlen

Die Corona-Fallzahlen nehmen wieder rasant zu in der Schweiz und dürften demnächst auf über 1000 pro Tag klettern. Damit verdoppelt sich die Zahl der Neuansteckungen aktuell jede Woche. Auch die Reproduktionszahl sei bereits wieder auf 1,44 angestiegen, wie Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung im Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf dem Point de Presse sagte.

– Impfkampagne stockt

Während die Fallzahlen wieder stark ansteigen, geht das Tempo beim Impfen seit Mitte Juli zurück, wie Taskforce-Vizepräsidentin Samia Hurst erklärte. Laut einem aktuellen Bericht der Taskforce ergibt sich für die Gesamtschweiz Mitte Juli ein Zwischenwert von 52,4 Prozent der Bevölkerung mit Erstimpfung. Das sei signifikant niedriger als in den Nachbarländern (Deutschland 59 Prozent, Österreich 57 Prozent und Frankreich 54 Prozent).

Vor diesem Hintergrund warnt Hurst vor einer weiteren gravierenden Pandemie-Welle und mahnt, bei den Impfanstrengungen nicht nachzulassen. Sonst könne man «nochmals eine Welle erleben, die höher war als im letzten Herbst», so die Wissenschaftlerin.

– Delta-Variante auf dem Vormarsch

Die hochansteckende Delta-Variante ist laut Mathys inzwischen bereits für rund 75 Prozent aller Schweizer Coronavirus-Fälle verantwortlich. Gemäss Daten der britischen Gesundheitsbehörden steigt die Chance bei dieser Variante, sich im eigenen Haushalt zu infizieren, im Vergleich zur Alpha-Variante um 64 Prozent. Die zuerst in England aufgetretene Alpha-Variante selbst gilt bereits als viel ansteckender als der Wildtyp des Coronavirus. Bei den Ansteckungen sind nun vor allem die Altersgruppe der 10- bis 19-Jährigen und noch mehr die 20- bis 29-Jährigen betroffen.

– Hospitalisationen können trügen

Samia Hurst weist vor den Medien auch darauf hin, dass es trügerisch sei, die Entscheidungen für Massnahmen vor allem auf die Zahl der Hospitalisationen zu begründen. Diese sind derzeit zwar sehr niedrig, doch wie die Taskforce in ihrem Bericht festhält, kann eine schnelle Zunahme der Ansteckungen «auch zu einer schnellen Zunahme der Hospitalisationen führen». Das zeige sich bereits in Grossbritannien, wo zunächst lediglich die Fallzahlen stark anstiegen, inzwischen aber auch «Hospitalisationen und Todesfälle mit einer vergleichbaren Dynamik um 40 bis 50 Prozent pro Woche» in die Höhe gingen.

– Gesellschaftlicher Graben

Wie Michael Hermann, Politgeograf an der Universität Zürich und Leiter der Forschungsstelle Sotomo, vor den Medien in Bern sagte, habe sich während der Pandemie der gesellschaftliche Graben weiter verbreitert. Dieser bestehe zwischen Leuten, die den Behörden grundsätzlich misstrauen, wie es Impf-Skeptiker und Massnahmen-Skeptiker tun, und jenen, die sich korrekt behandelt und informiert fühlen.

Auch die Informationsquellen zwischen Impf-Befürwortern und -Skeptikern würden sich unterscheiden. Während sich Impfwillige vor allem aus klassischen Medien informieren würden, hätten Skeptiker ihre Informationen vielmehr von innerhalb der Familie, aus den sozialen Medien oder aus dem Internet. Für die Politik gelte deshalb, dass sie ihre Kommunikationsstrategie anpassen müsse. Die Skeptiker seien über herkömmliche Medien nämlich nur noch sehr schwer zu erreichen. 



+ Spitäler haben noch Platz

Die Situation in den Spitälern sei für das BAG der wichtigste Gradmesser, sagte Patrick Mathys. Denn das Ziel des Bundesrats bleibe es, eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Und trotz des Anstiegs der Fallzahlen sei in den Spitälern noch keine negative Entwicklung zu beobachten. Der 7-Tage-Schnitt bei den Spitaleinweisungen liege bei drei bis vier Patient*innen. Die Intensivstationen hätten noch 30 Prozent freie Kapazitäten, nur 3,8 Prozent der verfügbaren Betten würden von Covid-Patienten belegt.

In diesem Punkt musste er sich jedoch Kritik von der Taskforce-Vizepräsidentin gefallen lassen: «Nur auf die Hospitalisationen zu schauen, ist riskant», sagte Samina Hurst (siehe auch oben).

+ Impfbereitschaft steigt weiter

Die Impfbereitschaft entwickelt sich nach wie vor positiv – das zeigt eine Befragung von Sotomo und DemoScope: So sank der Anteil jener, die sich nicht oder eher nicht impfen lassen wollen, seit Oktober 2020 von 25 Prozent auf zuletzt 21 Prozent im Juni 2021. Auch die Einstellung gegenüber der Impfung habe sich verbessert. Das Vertrauen in die Behörden, den Impfstoff und dessen Hersteller habe seit März 2021 nochmals zugenommen.

Wolle man noch mehr Menschen von einer Impfung überzeugen, müsse man ihnen die Nachteile eines Impfverzichts deutlich machen, sagte Sotomo-Geschäftsführer Michael Herrmann vor den Medien.

+ Impfstoff steht bereit

Wir stehen dem Virus nicht hilflos gegenüber: Das beste Mittel im Kampf gegen das Virus sei die Impfung, sagte Samina Hurst. Sie mahnte aber zur Eile: «Die Botschaft lautet: Man muss sich jetzt impfen lassen.» Zuwarten, bis die Ferien vorbei seien, wäre falsch. Es dauere sechs Wochen, bis der Impfschutz voll entwickelt sei.

Dass die Schweiz bei der Covid-Durchimpfung den Nachbarländern hinterherhinkt, lasse sich laut der Taskforce noch ändern, schliesslich habe die Schweiz bei anderen Infektionskrankheiten eine im europäischen Vergleich hohe Impfabdeckung. Mit «verstärkten Anstrengungen» sei dies auch bei der Covid-Impfung zu erreichen.

Mit Material von Keystone-SDA angereichert. 

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