Hat der Schweizer Frauenstreik überhaupt etwas gebracht?

Jennifer Furer

7.3.2020 - 10:00

Am Sonntag ist internationaler Tag der Frau, und wieder wird in der Schweiz auf Frauenanliegen aufmerksam gemacht werden – wie bereits mit dem Frauenstreik am 14. Juni 2019. Was hat sich seitdem verändert?

Hundertausende Frauen gingen letztes Jahr am 14. Juni auf die Strasse, sie skandierten Parolen und hielten Schilder in die Luft, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen – Gleichberechtigung, gleiche Löhne für gleiche Arbeit, Bekämpfung von Sexismus und sexueller Gewalt.

«Bluewin» hat fünf Frauen gefragt, was der Streik überhaupt gebracht hat.

Jacqueline Fehr, SP-Regierungsrätin und Direktion der Justiz und des Innern

Jacqueline Fehr wird wegen des Coronavirus am Wochenende nicht auf die Strasse gehen.
Keystone

«Der Frauenstreik 2019 war ein kraftvolles Zeichen: Gleichstellung geht uns alle an. Der Frauenstreik hat es geschafft, eine breite Masse an Menschen für Gleichstellungsthemen zu sensibilisieren. Daraus entstanden ist Vieles. Auf Bundesebene beispielsweise die erfolgreiche Kampagne «Helvetia-ruft» (Anm. d. Red.: «Helvetia-ruft» ist eine Kampagne der Schweizer Organisationen Alliance F und Operation Libero. Sie hat zum Ziel, im Schweizer Parlament und der Exekutive eine ausgewogenere Geschlechterverteilung zu erreichen).

Auch in meiner Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich haben wir Massnahmen umgesetzt: Wir entwickeln eine HR-Strategie, um ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis auf allen Stufen zu ermöglichen. Freiwerdende Stellen bis auf die dritte Kaderstufe schreiben wir konsequent aus. Kaderstellen schreiben wir grundsätzlich in einem Pensum von 80 bis 100 Prozent bei sogenannten Vollzeitstellen aus. Weiter haben wir ein anonymes Bewerbungsverfahren eingeführt, bei dem auf Angaben wie Fotos, Zivilstand und Nationalität verzichtet wird.

In Zukunft angegangen werden müssen einerseits die Rahmenbedingungen in unserem Land: bezahlte Kitas, Tagesschulen, Individualbesteuerung. Daneben aber eben auch die Massnahmen bei Arbeitgebenden. Ich bin überzeugt: Gemischte Teams sind spannender und kommen zu besseren Resultaten.

Hinzu kommen persönliche Empfehlungen an uns Frauen: Wir müssen wollen. Übernehmen wir Verantwortung. Getrauen wir uns, die Komfortzone zu verlassen. Erlauben wir uns, dem Bild der perfekten Mutter nicht gerecht zu werden. Trotz meiner tiefen Überzeugung für Frauenanliegen: Gerade jetzt, wo sich der Coronavirus ausbreitet, ist Solidarität gegenüber älteren und geschwächten Menschen wichtig. Wir können unsere Anliegen am kommenden Sonntag auch über andere Kanäle ausdrücken als auf die Strasse zu gehen. Ich werde am Wochenende den Film «Hidden Figures» nochmals schauen – sehr zu empfehlen!»

Tamara Funicello, SP-Nationalrätin und Co-Präsidentin der SP Frauen

«Ich rate der Gesellschaft: Unterschätzt die Frauen nicht»: Tamara Funiciello am letztjährigen Tag der Frau.
Keystone

«Wir Frauen haben einige Siege nach dem Frauenstreiks errungen. Insbesondere die verstärkte Vernetzung unter den Frauen ist nicht zu unterschätzen. Es ist klar, dass diesen Strukturen Zeit gegeben werden muss, damit sie ihre Wirkung voll entfalten. Dennoch: Bereits im Oktober bei den nationalen Wahlen haben die Frauen triumphiert.

Es sind massiv mehr Frauen angetreten, und es wurden mehr Frauen ins Parlament gewählt. Der Frauenanteil in der grossen Kammer liegt neu bei 42 Prozent. In der vorangegangenen Legislatur betrug der Anteil 32 Prozent. Das bringt natürlich die Möglichkeit, neue Anliegen aufs Parkett zu bringen und Themen anders zu verhandeln als bisher.

Es stehen grosse Kämpfe an, denen sich die Frauen annehmen wollen und müssen. Die Revision des Sexualstrafrechtes ist ein wichtiges Thema. Wenn eine Frau keinen Geschlechtsverkehr möchte, gilt eben nicht nur nein heisst nein, sondern nur ja heisst ja. Auch das Thema Altersvorsorge ist ein zentrales Thema, das zuoberst auf der politischen Agenda der Frauen steht. Altersarmut ist weiblich. Das muss geändert werden.

Die ganze Care-Arbeit, also etwa die Betreuung älterer Leute, verrichten Frauen heute gratis. Und auch die Betreuung und das Grossziehen der Kinder passiert unentgeltlich. Damit Frauen im Alter nicht verarmen, muss solche Arbeit Teil der Sozialwerke und rentenbildend werden. Ohnehin ist die Abwertung weiblicher Berufe und die damit einhergehende Lohnungleichheit anzugehen.

Es kann doch nicht sein, dass das Waffenproduzieren als männlich kommentierter Beruf wertvoller ist als die Pflege anderer Menschen. Auch am 8. März werden wir lautstark auf unsere Anliegen aufmerksam machen. Frauen sind es sich gewohnt, dass ihre Ansinnen stillgeschwiegen werden. Aber auch in Zeiten des Coronavirus wollen wir am Frauenkampftag gehört werden. Ich rate der Gesellschaft: Unterschätzt die Frauen nicht.»

Salome Schaerer vom Feministischen Streikkollektiv Zürich

Geht trotz Coronavirus auf die Strasse: Salome Schaerer.
zvg

«Es gibt keine Mobilisierung in der Schweizer Geschichte, die so viele Menschen für ein Anliegen auf die Strasse gebracht hat wie der Frauenstreik am 14. Juni 2019.

Der Streik hat die grosse Unzufriedenheit der Mehrheit der Bevölkerung zutage gebracht. Frauen erleben tagtäglich Diskriminierung. Es geht um Lohnungleichheit und unbezahlte Care-Arbeit, also etwa die Kinderbetreuung und Altenpflege.

Jede zweite Woche wird in der Schweiz eine Frau von einem Mann getötet, es kommt täglich zu sexuellen Übergriffen und Belästigung. Frauen werden bei den Renten benachteiligt, und sie haben schlechtere Aufstiegsmöglichkeiten.

Die unglaubliche Masse von Frauen*, die am Frauenstreik auf die Strasse gegangen sind, zeigt nicht nur den Missstand und die Ungleichbehandlung von Frauen*, sondern zwingt die Politik, das Thema Gleichstellung, das seit 1981 in der Verfassung verankert ist, endlich konkret anzugehen und Strukturen für eine reale Gleichstellung zu schaffen.

Der Streik hat uns Frauen* gezeigt, dass wir viele sind und wir direkt zur Sensibilisierung des Themas beitragen können. Zudem ist eine Solidarität zwischen Frauen* gewachsen, die uns alle gestärkt und ermutig hat. Gleichstellungsthemen sind seither gesellschaftlich, medial und in der Politik immer gegenwärtig.

Die Signale sind in der breiten Bevölkerung nicht nur angekommen, sondern haben ganz viele dazu bewegt, sich mit Themen der Gleichstellung auseinanderzusetzen. Es muss aber noch mehr geschehen. Beispiele sind etwa der Ausbau und die hundertprozentige Finanzierung von Kinderbetreuung, die Abschaffung der Ehestrafe, griffige Gesetze zum Schutz vor sexualisierter und häuslicher Gewalt, Lohn bei Care-Arbeit und besseren Schutz von Frauen* in Asylunterkünften sowie Anerkennung von Gewalt gegen Frauen* als Fluchtgrund.

Wir gehen mit unseren Anliegen trotz Coronavirus am Samstag und Sonntag auf die Strasse und lassen uns nicht vertreiben. Es sind tolle Aktionen geplant. Gerade Frauen* arbeiten in Bereichen, wo sie ein grösseres Ansteckungsrisiko haben: in Spitälern, in der Kinderbetreuung, in Schule, Alters- und Pflegeheimen, im Gastrobereich und Detailhandel. Umso wichtiger ist es für sie mit ihnen am Wochenende auf die Strasse zu gehen.»

Yvonne Schärli, Präsidentin der eidgenössischen Kommission für Frauenfragen EKF

«In der Schweiz besteht noch grosser Handlungsbedarf»: Yvonne Schärli am Tag der Frau 2019.
Keystone

«Wir als Fachkommission für Frauenfragen, die vom Bundesrat eingesetzt wird, widmeten unser Augenmerk in den letzten zwei Jahren besonders auf das Anliegen, wonach Frauen in der Politik angemessen vertreten sein müssen.

Vor genau zwei Jahr haben wir die Kampagne «halbe-halbe» für mehr Frauen in der Politik lanciert. Durch den Frauenstreik am 14. Juni 2019 haben Frauenthemen wie Gleichberechtigung und somit auch unsere Kampagne an Schwung gewonnen.

Es ist ein regelrechter Hype entstanden. Dieser gipfelte im Erfolg der Frauen an den nationalen Wahlen im Oktober letzten Jahres. Noch sind es aber nur 42 und nicht 50 Prozent Frauenanteil im Nationalrat. Es gilt an diesem Thema dran zu bleiben.

Ebenfalls von zentraler Bedeutung werden die kommenden kantonalen Wahlen sein. Wir wollen die Bevölkerung sensibilisieren, dass die Erhöhung des Frauenanteils in der Politik weiter fortgeführt wird. Grosser Handlungsbedarf besteht auch beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit verbunden die Forderung nach genügend Elternzeit. 

In der Schweiz besteht diesbezüglich noch grosser Handlungsbedarf. Die Kommission wird sich diesem Thema nebst anderen gleichstellungsrelevanten Anliegen prioritär widmen. Unsere Kommission wird sich diesem Thema auch in nächster Zeit prioritär widmen. Am 8. März werden sich unsere Mitglieder je nach ihrer Funktion, die sie nebst ihrer Mitgliedschaft in der Kommission für Frauenfragen inne haben, unterschiedlich an den Veranstaltungen und Streiks beteiligen.»

Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann

Will die finanzielle Unabhängigkeit der Frauen gestärkt sehen: Sylvie Durrer.
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«Der Frauenstreik hat den Beweis erbracht, dass die Schweizer Zivilgesellschaft in Gleichstellungsthemen sehr engagiert ist. Und er hat gezeigt, dass die gleichstellungspolitischen Forderungen von breiten Bevölkerungsschichten – Frauen wie Männern – mitgetragen werden.

Nicht zuletzt dank dem Frauenstreik ist das Bedürfnis nach mehr Frauen in der Politik in den Fokus gerückt. Mit Erfolg: Der bisherige Frauenanteil von 32 Prozent im Nationalrat ist bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst massiv gestiegen – auf 42 Prozent.  

In Zukunft gilt es, die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen weiter zu stärken. Hier spielen die Unternehmen eine wichtige Rolle, indem sie Frauen und Männern gleiche Löhne für gleichwertige Arbeit bezahlen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern.

Auch der Bund, die Kantone und die Gemeinden sind hier gefordert, indem sie gute familienexterne Betreuung zu erschwinglichen Preisen ermöglichen. Gewalt gegen Frauen muss ein Ende nehmen. Behörden, Organisationen und die Zivilgesellschaft müssen alles daran setzen, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, im privaten wie im öffentlichen Raum. Denn echte Gleichstellung ist nur in einem gewaltfreien Umfeld möglich.»

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