Alles blickt auf Corona

Kampf gegen Lepra fernab der Aufmerksamkeit

dpa/jka

31.1.2021 - 10:01

epa03698388 (17/17) Nazia (R) and her husband, leper patient Noor-u-Din (L) feed their children in their room at the leprosy hospital in Srinagar, the summer capital of Indian Kashmir, 30 April 2013. The leprosy hospital was founded by the British around 1891. At present there are just over a hundred patients living with their families in the hospital run by the Kashmir state government. The patients live in the same mud made structures which were built by the British over a century ago, most of them under unhygienic conditions and without proper sanitation. EPA/FAROOQ KHAN PLEASE REFER TO ADVISORY NOTICE (epa03698371) FOR FULL FEATURE TEXT
Nazia und ihr Ehemann Noor-u-Din verpflegen ihre Kinder in einem Lepraspital in der indischen Stadt Srinagar. 
Bild: EPA/FAROOQ KHAN

Einige Menschen sind verstümmelt, andere teilweise gelähmt: Lepra ist auch fast 150 Jahre nach der Entdeckung des Erregers nicht ausgerottet. Anders als beim Coronavirus ist ein Impfstoff noch immer nicht auf dem Markt.

Seit einem Jahr ist das neue Coronavirus Sars-CoV-2 das Thema rund um den Globus. Millionen Menschen infizieren sich, viele sterben. Mut aber machen die kürzlich zugelassenen Impfstoffe – entwickelt im Rekordtempo von wenigen Monaten.

Andere Krankheiten, zum Beispiel Tollwut, Malaria, Ebola und Tuberkulose, sind seit Beginn der Corona-Pandemie aus dem Fokus geraten – obwohl ebenfalls Millionen Menschen davon betroffen sind, vor allem jenseits der Industrienationen.

Auch Lepra gehört dazu. Ausgangsbeschränkungen und Unterbrechungen in der Gesundheitsversorgung könnten in den nächsten Jahren zu Abertausenden zusätzlichen Infektionen führen, die es ohne Corona womöglich nie gegeben hätte. Davor warnen Hilfsorganisationen weltweit. Medikamente fehlen vielerorts, coronabedingt kommt es zu Lieferengpässen.

Neue Lepra-Fälle können nicht aufgespürt werden

Jenifer Gabel von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW), deren Mitarbeiter seit 1957 gegen viele Armutskrankheiten aktiv sind, sagt: «Wir haben mit den Schutzmassnahmen gegen die Corona-Ausbreitung zu kämpfen, weil unsere Leute in vielen Ländern nicht mehr an die Menschen rankommen.» Gerade in ärmeren Ländern sei die Lage kritisch. «Neue Lepra-Fälle können wir nicht finden und dementsprechend nicht behandeln.»

Ein später Behandlungsbeginn bedeute, dass das Risiko einer bleibenden Behinderung steige. Frühzeitige Behandlungen mit einem Mix aus Antibiotika seien wichtig, um solche Schäden zu verhindern. «Das ist eine Riesensorge von uns», sagt Gabel anlässlich des Welt-Lepra-Tages am 31. Januar.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete für das Jahr 2019 mehr als 200'000 Lepra-Neuinfektionen weltweit. Die Statistik für das Jahr 2020 wird wahrscheinlich weniger Fälle aufweisen, vermutet Gabel. «Jedoch nicht, weil sich tatsächlich weniger Menschen infizieren, sondern weil coronabedingte Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren die Fallsuche zusätzlich erschweren.» 

95 Prozent der Weltbevölkerung ist immun 

Lepra wurde schon in der Bibel erwähnt und an Mumien im alten Ägypten nachgewiesen. Lepra-Bakterien zerstören Haut und Schleimhäute und befallen Nervenzellen. Der Erreger Mycobacterium leprae wird wahrscheinlich per Tröpfcheninfektion übertragen. «Eine Berührung allein führt noch nicht zu einer Infektion, der Kontakt muss eng und längerfristig sein», erklärt Gabel. Die durchschnittliche Inkubationszeit betrage drei bis vier Jahre, manchmal aber auch bis zu 20 Jahre.

Die Krankheit ist heilbar, aber etwa vier Millionen Menschen weltweit müssen mit teils schwersten Behinderungen leben – und mit Stigmatisierung. Bei mehr als jedem zehnten Menschen wird die Krankheit so spät entdeckt, dass körperliche Schäden bestehen bleiben. Nach Angaben des deutschen Robert Koch-Instituts (RKI) können nur 5 Prozent der Weltbevölkerung überhaupt erkranken, der Rest ist immun. 

Bei Mathias Duck wurde 2010 Lepra diagnostiziert. Heute gilt er als geheilt. Der Theologe mit deutschen Wurzeln lebt in Paraguay und leitet bei der internationalen Vereinigung der Lepra-Hilfswerke (Ilep) den Ausschuss der Lepra-Betroffenen. «Ich möchte keine Krankheit gegen die andere ausspielen», sagt der 42-Jährige. Aber vernachlässigte Krankheiten wie Lepra müssten wieder sichtbarer werden, trotz Corona und seinen massiven Folgen für das gesellschaftliche Leben in vielen Ländern.

Impfstoff-Zulassung 2025 möglich 

«Es geht denen, die Macht, Geld und das Sagen haben, derzeit an die Haut», fasst der dreifache Vater die Pandemie-Auswirkungen zusammen. Weil von Corona alle Gesellschaftsschichten gleichermassen betroffen seien, sei sehr viel Geld investiert worden, um gegen die Krankheit Covid-19 ein Mittel zu finden. «Wir brauchen diesen Impfstoff gegen Corona», sagt Duck. Das sei keine Frage. Aber es sei schon verwunderlich, dass es gegen Lepra auch nach Jahrzehnten noch keine Impfung gebe.

Seit rund 20 Jahren wird an einem Impfstoff gegen Lepra gearbeitet. 2020 sollten in Brasilien – wo Lepra sehr verbreitet ist – wichtige klinische Tests starten. «Doch da hat uns und unseren Partnern die Pandemie leider einen Strich durch die Rechnung gemacht», erläutert DAHW-Forschungskoordinatorin Christa Kasang. In diesem Frühjahr soll es nun losgehen.

Sollten sich die bisherigen Testergebnisse im Verlauf der Studie bestätigen, sei mit einer Zulassung des Impfstoffes 2025 zu rechnen – mehr als 150 Jahre nach der Entdeckung des Lepra-Erregers 1873.

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dpa/jka