Auch Sex-Arbeiterinnen dürfen nicht einfach vergewaltigt werden

tsch

5.11.2018 - 14:25

Indiens Oberstes Gericht hat die Rechte von Sex-Arbeiterinnen gestärkt.
Keystone/Archiv

Hat ein Mann das Recht, Sex mit einer Frau zu haben, nur weil sie eine Prostituierte ist? Indiens Oberster Gerichtshof hat darüber nun ein historisches Urteil gefällt – dies nach 21 Jahren.

Ihr Name wird in den Medien nicht genannt, doch ihr Fall dürfte in Indien Rechtsgeschichte schreiben: Der Oberste Gerichtshof Indiens gab vor wenigen Tagen einer Prostituierten Recht, die sich seit 21 Jahren gerichtlich gegen vier Vergewaltiger wehrt.

Die Frau war 1997 in Delhi von den Angeklagten vergewaltigt worden und hatte Anzeige erstattet – die Männer wurden zu zehn Jahren Haft verurteilt. 2009 erklärte der Delhi High Court das Urteil jedoch für ungültig – mit der Begründung, dass das Vergewaltigunsopfer «eine Frau von schlechtem Charakter» sei, die der Prostitution nachgehe.

Auch Sex-Arbeiterinnen haben Rechte

Indische Frauen gehen immer öfter gegen Gewalt auf die Strasse.
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Dass dies jedoch kein Freifahrtschein für Vergewaltigung ist, legte nun der Oberste Gerichtshof fest: «Selbst wenn die Anschuldigungen stimmen, dass die Frau einen lasterhaften Charakter hat, gibt das den Beschuldigten nicht das Recht, sie zu vergewaltigen», zitiert die «Hindustan Times» die Richter R. Banumathi und Indira Banerjee. Zumal Beweise dafür, dass das Opfer «Geschlechtsverkehr gewöhnt sei», noch lange nicht darauf schliessen liessen, dass es einen «unsittlichen Charakter» habe.

Das Gericht gab den erneut verurteilten Männern vier Wochen Zeit, ihre restlichen Haftstrafen anzutreten und ordneten ausserdem die Einstellung der Verfahren gegen die drei Polizisten an, die den Fall der Vergewaltigten einst vor Gericht brachten. Jene hatte der High Court 2009 im Zuge des Freispruchs der vier Täter angeordnet.

Gefährlichstes Land für Frauen

Immer wieder kommt es in Indien zu Gruppenvergewaltigungen. Seit einigen Jahren versucht die Regierung, härter gegen die Täter vorzugehen.
Keystone

Mit dem neuen Urteil verliert laut dem «Independent» auch eine Entscheidung ihre Gültigkeit, die das Oberste Gericht 2016 traf: Darin wurde festgelegt, dass Sex-Arbeiterinnen nicht wegen Vergewaltigung klagen können, wenn ein Freier die Zahlung verweigert.

Indien wurde im Juni in einem Ranking der «Thomson Reuters Foundation» zu dem Land erklärt, in dem Frauen am gefährlichsten leben. Das Risiko, Opfer sexueller Gewalt oder versklavt zu werden, sei dort besonders hoch. Statistisch gesehen wurden in dem Land im Jahr 2016 pro Stunde vier Vergewaltigungen angezeigt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

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