Eine der letzten Zeitzeuginnen Fabrikaktion der Nazis vor 75 Jahren - eine Frau erinnert sich

Jutta Schütz, dpa

25.2.2018

Geschichte wird lebendig, wenn Vera Friedländer spricht. Die fast 90-Jährige überstand Zwangsarbeit bei den Nazis, wurde Professorin und engagiert sich bis heute gegen Rechts. Für die Zukunft zeichnet sie allerdings ein düsteres Bild.

Stunde um Stunde wartete sie mit ihrem Vater vor der Berliner Sammelstelle in der Grossen Hamburger Strasse. Was würde aus der jüdischen Mutter werden? Deportation? Vera Friedländer war in jenen Februartagen 1943 gerade 15 Jahre alt. Sie erinnert sich genau, wie sie auf der Strasse mit anderen Familienangehörigen in der Kälte ausharrte und bangte, aber nicht wegging. «Es war eine stille Demonstration.» Dann das Wunder: Die Mutter kommt frei. «Sie hat nie darüber gesprochen, was dort passierte», sagt Friedländer in ihrem Wohnzimmer mit vielen Büchern, Computer und Fotos.

Vor 75 Jahren wurden in Berlin und anderen Städten ab dem 27. Februar Tausende Juden, die zur Zwangsarbeit verpflichtet worden waren, direkt vom Arbeitsplatz auf Lastwagen gezwungen, andere wurden auf der Strasse verhaftet oder aus Wohnungen geholt. Sie wurden in Gestapo- Sammelstellen gebracht. Die NS-Führung hatte beschlossen, die bis dahin von der Deportation verschonten Menschen von dort in Vernichtungslager zu schicken.

«Sechs solcher Sammelstellen gab es in Berlin. Die Fabrikaktion wurde erst nach dem Krieg so genannt», sagt die Germanistik-Professorin. Nach ihrer Erinnerung dauerte sie mehrere Tage. Das Aufbegehren nichtjüdischer Angehöriger in Berlin, die die Freilassung von Verhafteten verlangten und schliesslich erreichten, hat auch Regisseurin Margarete von Trotta in ihrem Film «Rosenstrasse» (2003) gezeigt.

Eine der letzten Zeitzeugen

Der lautstarke Protest mit Kochtöpfen und -löffeln sei aber ein Mythos, meint die Zeitzeugin. «Je älter man wird, desto genauer erinnert man sich.» So auch an die Angst um die Familie. «Ich habe damals grosse Gefahr gespürt. Aber ich hatte keine Ahnung, was ein Vernichtungslager ist.»

Vera Friedländer wird am 27. Februar 90 Jahre alt. Sie gehört damit zu den letzten Zeitzeugen der NS-Zeit. «Mich nannten die Nazis Mischling ersten Grades», berichtet die Berlinerin. Der christliche Vater liess sich damals entgegen dem Willen der Nazis nicht von seiner jüdischen Frau scheiden und rettete so ihr Leben.

Vera war für die Nationalsozialisten eine «Halbjüdin» und musste mit 16 Zwangsarbeit leisten. «Die Masse der Leute war für die Nazis. Doch es gab Leute, die ihre Menschlichkeit bewahrt, die geholfen haben», hat die Überlebende erfahren. So sei ihre Mutter von Zwangsarbeit verschont geblieben. Friedländer vermutet aus Andeutungen, dass mutige Mitarbeiter bei der Erfassung Meldedaten bedrohter Menschen verschwinden liessen. Die Eltern überlebten mit ihrer Tochter. Vera Friedländer hat heute zwei Söhne, vier Enkel und zwei Urenkel.

«Ich sehe für die Zukunft ziemlich schwarz»

Friedländer, die verwitwet in einem Häuschen im Berliner Ortsteil Alt-Hohenschönhausen wohnt und den Alltag noch weitgehend allein meistert, holt behutsam einen hellen, langen Wandteppich hervor. Selbstgefertigt. 95 000 Stiche, sagt die kleine Frau. Festgehalten sind die Namen ihrer einst grossen Familie. Den grossen Hoffnungsspruch der Juden «Nächstes Jahr in Jerusalem» habe sie an eine Seite gestickt. Doch 24 ihrer Angehörigen seien deportiert und ermordet worden, sagt sie leise. «Niemand hat damals gedacht, dass man Juden industriemässig umbringt.»

In der DDR seien heranwachsende Schüler in die KZ-Gedenkstätten gefahren, sagt die Germanistin, die an der Humboldt-Universität in Berlin sowie in Warschau lehrte. «Nun wird das Rad neu erfunden», findet Friedländer, aber der Gedanke sei richtig. Berlins Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) hatte einen verpflichtenden Gedenkstätten-Besuch für Deutsche und Migranten vorgeschlagen.

Friedländer geht noch in Schulen, um von «dieser besonderen historischen Periode» und dem Schicksal ihrer Lieben zu berichten. Es hänge auch von den Lehrern ab, ob sich Schüler für die Vergangenheit interessieren, meint sie. Dass Juden heute wieder angegriffen, bepöbelt oder beleidigt werden, sei einfach entsetzlich, sagt sie. «Es ist ein ganz schlimmes Gefühl. Als ob ich zurückversetzt werde in die damalige Zeit.» Nazi-Ideologie nimmt nach ihrer Beobachtung zu. Das betreffe nicht nur die AfD, das gehe bis in die Mitte der Gesellschaft, so die alte Frau. «Ich sehe für die Zukunft ziemlich schwarz.»

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