Missbrauch im Erzbistum München

Gutachten belastet Papst Benedikt XVI.

dpa

20.1.2022 - 14:44

Der emeritierte Papst Benedikt XVI 2014 im Vatikan.
Dem emeritierten Papst Benedikt XVI. weist die Vorwürfe strikt zurück.
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In einem Missbrauchsgutachten werden dem emeritierten Papst Benedikt XVI. schwere Vorwürfe gemacht. Als ehemaliger Münchner Erzbischof habe er nichts oder zu wenig gegen beschuldigte Kleriker unternommen.

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20.1.2022 - 14:44

Ein in Deutschland vorgestelltes Gutachten lastet dem emeritierten Papst Benedikt XVI. in vier Fällen Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch während seiner Zeit als Erzbischof des Bistums München und Freising an. In allen Fällen hat Benedikt – damals Kardinal Joseph Ratzinger – ein Fehlverhalten strikt zurückgewiesen.

Ratzinger stand der Diözese von 1977 bis 1982 vor. Von 2005 bis 2013 war er Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.

In jüngster Zeit habe kein «Paradigmenwechsel» mit dem Fokus auf die Betroffenen stattgefunden, sagte Martin Pusch von der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten im Auftrag des Bistums angefertigt hat, am Donnerstag in München. «Bis in die jüngste Vergangenheit und teils auch heute noch begegnen Geschädigte Hürden.»

Ein aktives Zugehen auf die Opfer gebe es nicht. Die «Wahrnehmung der Geschädigtenbelange» sei «auch nach 2010 unzulänglich». Pusch sieht ein «generelles Geheimhaltungsinteresse» und den «Wunsch, die Institution Kirche zu schützen».

Knapp 500 Opfer

Die Studie listet mindestens 497 Opfer auf. Dabei handele es sich überwiegend um männliche Kinder und Jugendliche im Zeitraum zwischen 1945 und 2019, teilte die Kanzlei mit. Sie hatte das Gutachten im Auftrag der Erzdiözese erstellt. Mindestens 235 mutmassliche Täter gab es laut der Studie – darunter 173 Priester und 9 Diakone. Allerdings sei dies nur das sogenannte Hellfeld. Es sei von einer deutlich grösseren Dunkelziffer auszugehen.

Der heutige Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, nahm nicht an der Vorstellung des lange erwarteten Gutachtens teil. «Er hat sich entschieden, dieser Einladung nicht zu folgen», sagte die Anwältin Marion Westpfahl. «Wir bedauern sein Fernbleiben ausserordentlich.» Marx hat für den Nachmittag eine Stellungnahme angekündigt. Marx ist ein enger Vertrauter von Papst Franziskus, der im vorigen Jahr seinen angebotenen Rücktritt abgelehnt hatte.

Vatikan will Gutachten einsehen

Der Vatikan will in den kommenden Tagen detailliert auf das Gutachten blicken.

Man werde es einsehen und könne dann angemessen die Details prüfen, sagte der Sprecher des Heiligen Stuhls, Matteo Bruni, am Donnerstag. «Im Bekräftigen des Gefühls der Schande und der Reue für den von Geistlichen begangenen Missbrauch an Minderjährigen, sichert der Heilige Stuhl allen Opfern seine Nähe zu und bestätigt den eingeschlagenen Weg für den Schutz der Kleinsten, indem ihnen ein sicheres Umfeld garantiert wird», hiess es weiter.

SDA/uri

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