Nach Bieber-Video völlig überrannt: Island muss Canyon schliessen

AP

21.5.2019 - 16:07

Island ist als Touristenziel zunehmend populär – anscheinend mehr, als es der Landschaft guttut. Und wenn ein Promi mit einem Video eine Besucherlawine auslöst, wird es besonders problematisch.

Ein grosses Schild weist Autofahrer daraufhin, dass die Schlucht, die sie besuchen wollen, gesperrt ist. Und trotzdem lassen sie sich nicht abschrecken, rollen in ihren Fahrzeugen auf der schmalen Schotterstrasse weiter auf ihr Ziel zu: den malerischen Fjadrárgljúfur, einen Canyon im Süden Islands. Eine Aufseherin an einer Strassensperre erklärt ihnen schliesslich, warum niemand vorbeigelassen wird: Die Landschaft ist so fragil, dass sie zumindest zeitweise keinen Besuchern mehr ausgesetzt werden kann.

Schuld daran ist sozusagen Justin Bieber, der kanadische Popstar mit einer weltweiten Fangemeinde. Sein 2015 veröffentlichtes magisches Video «I'll show you» wurde in der Schlucht gedreht, Millionen sahen es – und seitdem gibt es einen wahren Besucheransturm auf den einst unberührten Ort. Seien es Zäune, Schilder oder Parkranger: Biebers Fans wollen sich von nichts abhalten lassen, um auf den Spuren ihres Idols wandeln zu können.



Sie reden auf Parkrangerin Hanna Jóhannsdóttir ein, die das Tor zum Paradies bewacht, bitten und flehen, sie doch hineinzulassen. Manche versuchen es gar mit Bestechung – aber nichts hilft, Jóhannsdóttir drückt kein Auge zu, auch nicht, als ihr kürzlich eine kostenlose Reise nach Dubai angeboten wurde. Aber «Essen aus dem Heimatland, aus dem die Leute kommen, ist die häufigste Bestechungsofferte», schildert die Aufseherin.

Infrastruktur und Natur sind völlig überlastet

Dabei ist der von Bieber inspirierte Zustrom nur ein Teil eines grösseren Problems, mit dem es Island zu tun hat: Die Insel im Nordatlantik scheint einfach zu spektakulär und populär zu sein, als es gut für sie ist. So kamen im vergangenen Jahr 2,3 Millionen Touristen im Vergleich zu gerade mal 600'000 vor acht Jahren. Der 20-prozentige jährliche Anstieg steht in keinem Verhältnis zur Infrastruktur, die nötig ist, um Islands Natur zu schützen – eine vulkanische Landschaft, in der sich Erde langsam formt und schnell erodiert.

Umweltminister Gudmundur Gudbrandsson hält es für «ein bisschen zu einfach, die ganze Lage Justin Bieber zuzuschreiben». Aber er ruft berühmte, einflussreiche Besucher auf, die Folgen ihrer Handlungen zu bedenken. «Unüberlegtes Verhalten einer einzelnen prominenten Person kann sich dramatisch auf ein ganzes Gebiet auswirken, wenn Menschen in Scharen folgen», sagte der Minister der Nachrichtenagentur AP.

105 Millionen Menschen folgen Bieber auf Twitter, das macht ihn zur Nummer drei nach der Sängerin und Songschreiberin Katy Perry sowie dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Der Popstar hat zudem 112 Millionen Follower auf Instagram. In Island ist er enorm beliebt, ungefähr 12 Prozent der gesamten Bevölkerung – 38 000 Menschen – besuchten seine zwei Konzerte in der Hauptstadt Reykjavik, die er ein Jahr nach Veröffentlichung des Videos gab.

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Mehr als eine Million Besucher hinterlassen Spuren

Weltweit haben den Clip seit 2015 über 440 Millionen Menschen auf YouTube angeschaut und gesehen, wie Bieber über bemoostes Land stapft, seine Füsse von einem Kliff baumeln lässt und im eiskalten Fluss am Grunde der Schlucht badet. «Zu Justin Biebers Verteidigung: Der Canyon hatte damals, als er ihn besuchte, keine Seilumzäunungen und designierte Pfade, die zeigten, was erlaubt war und was nicht», sagt Gudbrandsson.

Nach Schätzungen der isländischen Umweltbehörde haben mehr als eine Million Menschen seit der Video-Veröffentlichung das Gebiet besucht – und tiefe Spuren in der Vegetation hinterlassen. Als Konsequenz ist die Schlucht bislang in diesem Jahr mit Ausnahme von fünf Wochen gesperrt geblieben. Im Sommer dürfte sie wieder geöffnet werden, aber nur, wenn trockene Wetterbedingungen herrschen.

Örtliche Stellen hatten offenbar das Potenzial des Canyons als grösserer Touristenmagnet unterschätzt – wohl, weil er relativ klein ist, im Vergleich zu den Schluchten, die von Islands mächtigen Gletscherflüssen geformt wurden. Aber dafür ist er leichter zugänglich und rascher zu erwandern, die Erkundung erfordert nur einen Fussmarsch von weniger als einem Kilometer.

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Auch «Game of Thrones» wurde dort gedreht

War zunächst Schluss mit Selfies und Drohnenaufnahmen, rückte der Fjadrárgljúfur zuletzt erneut ins Rampenlicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Die letzte Staffel der populären US-Fernsehserie «Game of Thrones» enthält Szenen, die im Canyon gedreht wurden.

Aber für das Heer von Bieber-Fans bedarf es keiner Krieger und Drachen aus der fiktiven Welt der Throne, um den Fjadrárgljúfur zu besuchen. An einem jüngsten nebligen Morgen entdeckte Aufseherin Jóhannsdóttir frische Schuhabtritte auf dem schlammigen Pfad in die Schlucht. Jemand war über Nacht über den Zaun geklettert und die Parkrangerin war sich sicher, dass im Laufe des Nachmittags andere folgen würden. Denn da musste sie ihren Posten an der Absperrung vorübergehend verlassen, um in einem Gemeindezentrum einen Vortrag zu halten.

Und sie behielt Recht. Es dauerte keine 30 Minuten, da begannen Besucher die Zäune und Zeichen zu ignorieren. «Wir sind wegen Justin Timberlake gekommen», sagte Michail Samarin, ein Tourist aus Russland, der dann rasch von zwei Begleiterinnen korrigiert wurde, dass es sich um Justin Bieber handele.

Eine von ihnen, Elena Maltesewa, geriet geradezu ins Schwärmen über das Video des Popstars. «Es war so umwerfend. Danach fanden wir es notwendig, hierhin zu kommen.»

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