Burkini entzweit Frankreich

Religiöses Symbol oder einfach ein spezielles Badekleid?

Von Michael Evers, dpa

16.5.2022 - 05:38

Sama Wareh posiert am 15. Feb. 2007 am Strand von Newport Beach, Kalifornien, in einem Schwimmanzug fuer muslimische Frauen. Auf den ersten Blick wirkt der Anzug nicht schwimmtauglich: Mit langen Aermeln und Beinen verhuellt der sogenannte Burkini die Schwimmerin komplett. Fuer glaeubige Musliminnen ist er allerdings das einzige Kleidungsstueck, mit dem sie sorglos ins Wasser gehen koennen. In Berliner Hallenbaedern wird der Burkini - eine Wortschoepfung aus Burka und Bikini - jetzt erstmals probeweise zugelassen. (AP Photo/Chris Carlson) --- Sama Wareh walks along the sand dressed in swimwear designed for Muslim women Newport Beach, Calif., Thursday, Feb. 15, 2007. Muslim girls and women are increasingly participating in athletic activities, especially as second and third generation children of immigrants grow up surrounded by American influences. But doing so requires them to overcome a seemingly large obstacle: Islam's traditional emphasis on modest dress. (AP Photo/Chris Carlson)
Sama Wareh posiert am Strand von Newport Beach in Kalifornien. Das Tragen des Burkini, eines Schwimmanzugs für muslimische Frauen, ist hier kein Problem. Auf den ersten Blick wirkt der Anzug nicht schwimmtauglich: Mit langen Ärmeln und Beinen verhüllt der Burkini aber die Schwimmerin komplett. Für gläubige Musliminnen ist er daher das einzige Kleidungsstück, mit dem sie sorglos ins Wasser gehen können.
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Und wieder streitet Frankreich über Kopftuch & Co. Die Stadt Grenoble will Burkinis in Schwimmbädern zulassen – die Menschen sollen tragen, was sie wollen, meint der Bürgermeister. Kritiker sehen einen politischen Islam auf den Vormarsch und schrecken vor Drohungen nicht zurück.

Von Michael Evers, dpa

16.5.2022 - 05:38

In Frankreich ist erneut ein Streit um Burkinis, die muslimischen Ganzkörperbadeanzüge, losgebrochen. Der Anlass ist lokal: Die Grossstadt Grenoble will am Montag über eine Änderung der Schwimmbadordnung beraten und Frauen nicht mehr vorschreiben, mit wie viel oder wie wenig Stoff sie ins Wasser dürfen. Wenn es nach dem grünen Bürgermeister Éric Piolle geht, ist oben ohne vom 1. Juni an ebenso in Ordnung, wie Badekleidung, die über Knie und Nacken hinausreicht – wie eben die Burkinis, um die es ihm bei der Lockerung vor allem geht. Manch Kritiker im auf strikte Trennung von Staat und Religion pochenden Frankreich vermutet hinter diesem Plan eine schleichende Islamisierung.

Der Bürgermeister selbst sieht darin kein grosses Ding. Diskriminierung im Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen müsse vermieden werden, es gehe um den sozialen Fortschritt, dass Menschen zum Baden tragen könnten, was sie wollen, betont Piolle. «Eigentlich ist es uns egal, ob es ein körperbedeckender Badeanzug ist zum Schutz vor der Sonne oder aus religiösen Gründen, das geht uns nichts an», sagte der Bürgermeister kürzlich der Zeitung «Le Figaro» und beklagte «Debatten von extremer Gewalt». Auch wenn es offiziell nicht um Burkinis geht, lässt die Vorgeschichte schliessen, dass sie dennoch zentral sind. Nach Protesten für die Zulassung der muslimischen Badeanzüge zeigte der Bürgermeister klare Sympathien für die Gruppierung, die sich dafür stark macht.

Islamkritiker gegen Burkini

Sein konservativer Widersacher im Stadtrat, Alain Carignon, wittert eine illegitime Schützenhilfe für einen politischen Islam und rief zu einem Referendum auf. Ausserdem lancierten Burkini-Gegnerinnen und -Gegner eine Petition. «Eine Änderung der Baderegeln würde Forderungen eines politischen Islams erfüllen, das heisst einer totalitären und radikalen Ideologie», heisst es in dem Aufruf. Mit dem Koran hätten Burkinis nichts zu tun, es gehe um die sexistische Ideologie der Unterwerfung der Frau. Eine Ablehnung von Burkinis sei nicht islamfeindlich, vielmehr könnten Sonderansprüche einzelner Gruppen nicht über die Prinzipien der Republik gestellt werden.

Dabei wird der Burkini im Entwurf der neuen Badeordnung, den die Zeitung «Le Parisien» einsehen konnte, überhaupt nicht namentlich genannt. Vielmehr wird der Begriff «Badeanzug» durch den Begriff «Badekleidung» ersetzt, ausserdem entfällt die Festlegung, dass der Badeanzug höchstens von den Knien bis zum Nacken reichen darf. Es bleibt dabei, dass die Badekleidung aus dafür konzipiertem Stoff bestehen und eng anliegen muss. Verboten bleibt Kleidung, die schon vor Betreten des Schwimmbads getragen wurde oder die eine Gefahr für Sicherheit und Hygiene darstellt.

Schweres Geschütz gegen die Burkini-Pläne in Grenoble fuhr bereits der konservative Regionspräsident Laurent Wauquiez auf. «Ich warne den Bürgermeister: In diesem Fall wird die Region sämtliche Subventionen für die Stadt Grenoble einstellen. Kein Centime der Bewohner von Auvergne-Rhône-Alpes wird die Unterwerfung an den Islamismus finanzieren.»

Trennung von Staat und Religion

Präfekt Laurent Prévost kündigte am Sonntagabend gar gerichtliche Schritte an, sollte es grünes Licht für das Tragen von Burkinis in öffentlichen Bädern in Grenoble geben. Gemäss der Anweisungen, die er vom Innenminister Gérald Darmanin erhalten hat, werde er vor das Verwaltungsgericht ziehen, um eine Aussetzung der Regelung zu erwirken.

Doch warum wird in Frankreich schon seit langem so verbissen über Kopftuch & Co. gestritten? Die Nachbarn verstehen sich als laizistisches Land, in dem eine strikte Trennung von Staat und Religion herrscht. Der Umgang mit religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit sorgt immer wieder für Kontroversen, vor allem im Zusammenhang mit dem Islam. Bereits 1994 trat ein Gesetz in Kraft, das in Schulen nur noch diskrete religiöse Symbole erlaubte. Zehn Jahre später wurden Kopftücher in Schulen vollständig verboten – Kippa und Kreuz nicht. 2010 folgte das Verbot der Vollverschleierung in der Öffentlichkeit, das sogenannte Burka-Verbot.

Um Burkinis gab es bereits im Sommer 2016 einen heftigen Streit in Frankreich. Kommunale Burkini-Verbot, wie an der Côte d'Azur erlassen worden war, erklärte der Staatsrat schliesslich für rechtswidrig. Um Burkinis weiterhin von Stränden und aus Bädern zu verbannen, bedienten Kommunen sich danach Vorwänden der Hygiene und der Sicherheit. Die Hauptstadtregion Île-de-France erliess 2017 eine «Charta der Laizität», die ein Verbot beinhaltete, das 2021 noch einmal bekräftigt wurde. In Grenoble unterdessen probten muslimische Frauen 2019 bereits zwei Mal mit einem «Swim-In», einem Badbesuch im Burkini, den Aufstand.

Von Michael Evers, dpa