Tessiner Asbest-Fälle werfen Fragen auf

8.10.2019 - 16:49, SDA

Ein Arbeiter mit Mundschutz und Schutzkleidung bereitet eine Abfallkiste voll asbestverseuchtem Material auf ihren Abtransport vor. 
Source: KEYSTONE/EDDY RISCH/Archivbild

Mehrere Todesfälle durch Asbest bewegen die Tessiner Öffentlichkeit. Gewerkschaften und der Verein «Giù le mani» fordern die Aufarbeitung der Arbeitsbedingungen vor 1990 sowie die Rolle der Suva.

Die Staatsanwaltschaft hat sich bereits eingeschaltet: Sie hat eine vorläufige Beweisaufnahme eingeleitet, wie die Behörde am Dienstag auf Anfrage bekannt gab. Hintergrund sind Todesfälle verschiedener ehemaliger Arbeiter der SBB-Industriewerke Bellinzona, über die Tessiner Medien in den letzten Wochen berichtet haben.

Zeugen haben dabei happige Vorwürfe erhoben. Unter anderem sollen die SBB die Mitarbeiter mit unzureichenden Schutzmasken ausgerüstet haben. Zudem wurde die Frage aufgeworfen, ob die Suva rechtzeitig auf die Gefahr durch Asbest reagiert habe.

Die Unfallversicherung stellt sich in einer Stellungnahme auf den Standpunkt, dass der Arbeitgeber für die Schutzausrüstung der Arbeitnehmer verantwortlich ist. Zum konkreten Vorwurf ehemaliger Mitarbeiter der SBB-Industriewerke könne die Suva aus Datenschutzgründen keine Stellung nehmen.

Neben den SBB haben auch andere Tessiner Unternehmen vor 1990 ihre Mitarbeiter hohen Asbestwerten ausgesetzt. Dazu zählen unter anderem die Wasserkraftwerke «Officine idroelettriche di Blenio SA». Auch dort sind Asbest-Fälle bekannt geworden.

Vorwürfe an die Adresse der Suva

Die Unia, die Gewerkschaft des öffentlichen Verkehrs SEV sowie die Vereinigung «Giù le mani» (Hände weg) fordern eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen vor 1990 sowie der Rolle des Unfallversicherers Suva. Bisher wurde kein strafrechtliches Verfahren eröffnet.

Gemäss den in den Medien veröffentlichten Zeugenberichten ist unklar, wie viel die Suva damals zur Asbest-Situation in den betreffenden Betrieben wusste und ob sie in allen Fällen rechtzeitig reagierte. Auf der anderen Seite wurde auch infrage gestellt, ob die betreffenden Unternehmen der Suva alle potenziell von Asbest betroffenen Mitarbeiter gemeldet hatten.

Aus Gründen des Datenschutzes dürfe die Suva keine Stellung zu einzelnen Betrieben nehmen, schrieb Mediensprecher Adrian Vonlanthen auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Der Unfallversicherer nehme das Thema aber sehr ernst und habe sich immer an den jeweils neuesten Erkenntnissen ausgerichtet. Grenzwerte und Schutzmassnahmen im Zusammenhang mit Asbest seien jeweils umgehend angepasst worden, hielt Vonlanthen fest.

SBB arbeiten Vergangenheit auf

Auch die SBB können sich derzeit nicht über die Vorgänge im betreffenden Zeitraum äussern, wie Mediensprecher Patrick Walser sagt. «Zum Thema Asbest im Industriewerk Bellinzona können wir uns momentan nur über die Gegenwart äussern und nicht über die Vergangenheit.» Heute seien die SBB-Werke «ein sicherer Arbeitsort».

Das Unternehmen sei daran, Informationen betreffend der Asbest-Situation in den 80er- und 90er-Jahren zu sammeln. In einer Interpellation wirft die linke Gruppierung MPS-POP-Indipendenti auch die Frage auf, wer für die Sanierung von kontaminierten Gebäuden und Böden aufkomme.

Alle verstorbenen ehemaligen Mitarbeiter der betreffenden Industriewerke litten an der typischen Asbest-Krankheit, dem sogenannten malignen Mesotheliom. Bei dieser Krebsart ist häufiger das Brust-, seltener das Bauchfell betroffen. Ein Mesotheliom kann noch Jahrzehnte nach dem Kontakt mit Asbest auftreten. Laut Suva gibt es heute noch keine zuverlässige Methode zur Früherkennung des Mesothelioms und auch keine Heil bringende Behandlung.

Bis 1990 wurde Asbest in die Schweiz importiert und verbaut. Asbest kam damals unter anderem in den SBB-Wagen und den Lokomotiven in vielen Teilen der Räder und der elektrischen Motoren vor.

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