Auch US-Kirchen drückt ein schreckliches Erbe

AP/toko

24.7.2021 - 15:06

This photo made available by the Presbyterian Historical Society, Philadelphia shows students at a Presbyterian boarding school in Sitka, Alaska in the summer of 1883. U.S. Catholic and Protestant denominations operated more than 150 boarding schools between the 19th and 20th centuries. Native American and Alaskan Native children were regularly severed from their tribal families, customs, language and religion and brought to the schools in a push to assimilate and Christianize them. (Presbyterian Historical Society, Philadelphia via AP)
Eine historische Aufnahme von Schülern der Presbyterian boarding school in Sitka, Alaska, im Sommer 1883.
Uncredited/Presbyterian Historical Society, Philadelphia/AP/dpa/Keystone

Auch in den USA müssen sich die Kirchen mit ihrer Verstrickung in die Umerziehung von Kindern indigener Gemeinschaften in Internaten auseinandersetzen. Wie in Kanada wurden die Jungen und Mädchen ihren Familien entrissen, ihrer Kultur und Sprache beraubt.

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24.7.2021 - 15:06

Nach der Entdeckung Hunderter unmarkierter Gräber an Internaten für Kinder von Ureinwohnern in Kanada gibt es auch im Nachbarland USA kein Ausweichen mehr: Denn dass es auch hier ein traumatisches Erbe zu bewältigen gilt, scheint klar. Nicht zuletzt die Kirchen, die viele solcher Schulen betrieben, fordern nun lauter denn je Aufklärung und Anerkennung des Leids.

Mehr als 150 Internate waren Forschungen zufolge im 19. und 20. Jahrhundert in den USA in katholischer oder protestantischer Hand. Regelmässig wurden – wie in Kanada – auch indigene Kinder im Kernland der Vereinigten Staaten und in Alaska von ihren Familien getrennt, von ihren Bräuchen, ihrer Sprache und Religion. Sie wurden in Internate gesteckt – zur Assimilierung und Christianisierung.



Zigtausende Kinder mussten im Laufe der Zeit solche Schulen besuchen, allein in Kanada waren es mehr als 150 000. Nach Erkenntnissen der dortigen Wahrheits-und Versöhnungskommission starben mehrere Tausend von ihnen in den Einrichtungen, meist an Unterernährung oder Krankheiten wie Tuberkulose.

Einige US-Kirchen arbeiten diese unrühmliche Praxis schon seit längerem auf. Sie haben Untersuchungen eingeleitet und sich entschuldigt. Andere beginnen erst mit der Aufklärung.

Forderung nach Öffnung der Archive

Aus der Gesellschaft und auch aus der Kirche selbst mehren sich die Forderungen nach einer weiteren Öffnung der Archive. Die Kirchen müssten Rechenschaft ablegen für das, was im Namen des Glaubens geschah, und ehemaligen Schülern und ihren Familien bei der Bewältigung der Traumata zur Seite stehen. «Wir müssen hier alle zusammenarbeiten», betont Reverend Bradley Hauff von der Episkopalkirche in Minnesota, Beauftragter für die Indigenen in der Gemeinschaft und selbst den Oglala-Sioux zugehörig. «Was in Kanada passiert, ist ein Weckruf für uns.»

Im Gegensatz zu Kanada hat die schmerzliche Vergangenheit in den USA allerdings auf breiter Basis bislang wenig Aufmerksamkeit erhalten. Das ändert sich nun.

Innenministerin Deb Haaland, die erste indigene Ministerin, hat angekündigt, dass die Regierung «den Verlust menschlichen Lebens und die anhaltenden Folgen» der Internatspraxis unter die Lupe nehmen werde. Das bedeutet auch: die betroffenen Schulen zu identifizieren und Grabstätten aufzuspüren.

Nach Recherchen der privaten Initiative NABS (National Native American Boarding School Healing Coalition), die sich für die Aufarbeitung der Internatsvergangenheit einsetzt, waren Religionsgemeinschaften an mindestens 156 solcher Schulen in den USA beteiligt. Insgesamt hat die NABS bislang 367 entsprechende Schulen dokumentiert.

Davon waren 84 der katholischen Kirche oder deren Ordensgemeinschaften zugeordnet. 72 waren in protestantischer Hand, darunter 21 Einrichtungen der Presbyterianer, 15 mit den Quäkern verbundene und 12 methodistische. Die meisten der Internate sind schon seit Jahrzehnten geschlossen.

«Können Schmerz nicht einmal erahnen»

Die katholische Bischofskonferenz der USA hat zugesichert, die Untersuchungen des Innenministeriums zu unterstützen. «Wir können nicht einmal erahnen, welch grosser Schmerz diese Entdeckungen den indigenen Gemeinschaften zufügen», erklärte Sprecherin Chieko Noguchi.

Führende Vertreter der US-Episkopalkirche haben die Wichtigkeit betont, die Verstrickung ihrer Kirche in die Internatspraxis aufzuarbeiten und die Konsequenzen daraus zu tragen. Das Erbe dieser Schulen müsse komplett aufgedeckt und verstanden werden, schrieben Bischof Michael Curry und die Präsidentin des Deputiertenhauses der Kirche, Gay Clark Jennings, in einer Erklärung Mitte Juli. Sie regen eine unabhängige Untersuchung an.

Schon vor Jahren haben derweil sowohl führende Presbyterianer als auch Methodisten den Umgang ihrer Kirchen mit der indigenen Bevölkerung öffentlich zutiefst bedauert und sich entschuldigt – auch für die Umerziehung der Kinder in Internaten.

Entschuldigen und informieren

Entschuldigungen der Kirchen könnten ein guter Anfang sein, lobt NABS-Rechercheleiter Samuel Torres. «Aber es muss noch viel mehr passieren», betont er mit Blick auf die Einbeziehung indigener Gemeinschaften und Aufklärungsaktionen für die Öffentlichkeit.

Die Menschen zu informieren sei wirklich entscheidend, sagt Torres. Die Amerikaner wüssten nur wenig über die Schulen – sowohl was die Auswirkungen auf die indigenen Gemeinschaften angehe als auch über ihre Rolle im Ziel, Grund und Boden der Eingeborenen zu übernehmen. «Ohne diese Wahrheit gibt es nur wenige Chancen auf Heilung», erklärt Torres, der selbst Wurzeln bei der mexikanischen Volksgruppe der Mexika/Nahua hat.

Die Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler selbst seien sehr vielgestalt, sagt Bradley Hauff, der auch aus den Erzählungen seiner Eltern einen Einblick in deren Internatszeit erhalten hat. Manche erklärten, dass sie trotz der Abschottung, Einsamkeit und Trennung von der Familie eine gute Schulbildung erhalten hätten. Sie fanden Freunde und sprachen mit diesen auch in ihrer Muttersprache.

Andere wiederum berichteten von «entsetzlichen, grausamen Misshandlungen», sagt Hauff. Dazu gehörten körperliche und sexuelle Gewalt, Mangelernährung und Strafen, wenn sie beim Sprechen ihrer eigenen Sprache erwischt wurden.

Doch auch wenn einige von positiven Erfahrungen sprächen, so hätten sie doch einen Preis dafür zahlen müssen, betont Hauff. «Unsere Kirche arbeitete Hand in Hand mit der Regierung, um diese Kinder zu assimilieren.»

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