Schuldige gesucht

Wie jede Pandemie-Phase ihre Sündenböcke hervorbringt

dpa/tafu

25.1.2021

ARCHIV - 20.01.2021, Baden-Württemberg, Tübingen: Ein Mann mit Bart trägt eine OP-Maske unter seiner Nase. In der Pandemie gibt es immer wieder neue Sündenböcke. Dazu gehören auch Menschen, die Masken unter ihrer Nase tragen.. (zu dpa: «Wie jede Pandemie-Phase Fingerzeig-Opfer produziert») Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
In der Pandemie gibt es immer wieder neue Sündenböcke. Dazu gehören auch Menschen, die Masken unter ihrer Nase tragen.
Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Der «Sündenbock» ist uralt und biblisch. Auch in der Corona-Zeit gibt es immer wieder neue Gruppen von Menschen, auf die mit dem Finger gezeigt wird – aktuell etwa der Bartträger. Eine Übersicht.

In Seuchenzeiten passiert es immer wieder, dass bestimmte Menschen für das Auftreten und dann vor allem für die Verbreitung verantwortlich gemacht werden. An dieser Stelle soll es dabei nur am Rande um verrückte Corona-Verschwörungstheorien über Ethnien, Religionen oder Prominente gehen. Thema ist das Phänomen Sündenbock an sich. Dass moderne Menschen immun dagegen seien, mit dem Finger auf andere zu zeigen, wird in der Coronakrise nämlich eindrücklich widerlegt.

«Pestzeiten sind beispielhafte Gelegenheiten für Caritas und Philanthropie, jedoch ebenso für Neid, Denunziantentum und Gewaltausbrüche», weiss der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven, der dies im Sammelband «Jenseits von Corona» schrieb.

Menschen suchen Verantwortliche

Der «Sündenbock» ist uralt und biblisch. Im dritten Buch Mose (Levitikus; 3. Mose 16, 21 f.) wird ein Ziegenbock – beladen mit den Sünden des jüdischen Volkes – in die Wüste geschickt. Ein starkes Bild, das sich bis heute gehalten hat und für Menschen benutzt wird, auf die die angebliche Verantwortung abgewälzt wird.

Als herauskam, dass das Coronavirus vermutlich auf dem Huanan-Markt im chinesischen Wuhan auf den Menschen übertragen wurde, gab es viele kulturrassistische Stereotype. Das Narrativ schien schnell gefunden: Als Schuldige waren die Hunde-und-Katzen-und-Fledermäuse-essenden Chinesen ausgemacht. Jenseits dieses Klischees wurde im Laufe der Pandemie immer wieder breit über bestimmte Leute geschimpft.

Ein Mann setzt sich eine Atemschutzmaske der Kategorie FFP2 auf, fotografiert am 21. Januar 2021 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Der Bart ist schuld, also muss er ab. Die FFP2-Maske schützt nur, wenn Mann sich seinen Bart abrasiert, so die aktuellste Sündenbocktheorie.
Bild: Keystone

Denn: Menschen fällt es nun einmal wesentlich schwerer, auf einen Erreger wie Sars-CoV-2 wütend zu sein. Und so sucht man sich einen Sündenbock.

Bartträger, Jogger, Politiker – Sie alle sollen schuld sein

Bartträger: Bei Bartträgern verfehlen FFP2-Masken ihre Wirkung, denn die Luft kann beim Atmen ungefiltert an den Seiten vorbeiströmen. Angesichts einer möglichen Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske, wie sie in Nachbarländern bereits beschlossen ist, werden deshalb derzeit Herren mit Vollbart zu neuen Buhmännern.

Ein fränkischer Bürgermeister rasierte seinen Bart ab. Fotos davon postete er auf Facebook und begann eine Bart-ab-Challenge mit der Aufforderung an andere, es ihm gleich zu tun. «Der Tagesspiegel» betitelte eine haarige Glosse: «Liebe Hipster, bitte rasiert Euch schnell!» Ritzen könnten fatal sein. «Und jeder zugige Rauschebart eine Einladung fürs Virus.»

Asiaten: Menschen, denen eine asiatische Herkunft zugeschrieben wird, haben vor allem in den ersten Wochen der Pandemie in Europa Beleidigungen auf der Strasse, Hassbotschaften im Netz oder sogar verweigerte Arzttermine erleben müssen.

FILE - President Donald Trump speaks to crowd before boarding Air Force One at Andrews Air Force Base, Md., Wednesday, Jan. 20, 2021. FacebookâÄ™s quasi-independent oversight board will decide whether the companyâÄ™s decision to ban Trump indefinitely from its platform for inciting his supporters to storm the Capitol was the right one. The social media giant said Thursday that it is referring the final decision on TrumpâÄ™s account to the board, though it believes it made the right choice. ,(AP Photo/Luis M. Alvarez)
Ex-US-Präsident Donald Trump nannte das Coronavirus konsequent das «China-Virus»
Bild: Keystone

Auch Ex-US-Präsident Donald Trump sprach vom neuartigen Coronavirus wiederholt als «China-Virus». In der Schweiz häuften sich seit Beginn der Pandemie Berichte über Anfeindungen gegen Personen asiatische Herkunft.

Opfer von Beleidigungen schilderten bereits im Januar gegenüber «20 Minuten» ihre Erlebnisse. «In Luzern werde ich seit dem Ausbruch des Coronavirus immer wieder komisch angeschaut – als hätten die Leute Angst vor mir», erklärt ein 27-jähriger Mann aus der Zentralschweiz, dessen Eltern aus China stammen.

Natürlich auch die Party-Jugend

Arme oder Einwanderer: Das Herabschauen auf ärmere oder vielleicht einfach nur anders lebende Menschen gehört in unserem Wirtschaftssystem für viele zur eigenen Identität. «Der Tagesspiegel» kommentierte etwa: «Wer sich an Einwanderern stört, war sicher: Sie verbreiten das Virus. Sei es, weil sie auf engem Raum zusammenleben, sei es, dass sie in ihren Heimatländern Familien besuchten ...»



Kampfjogger: Rücksichtslose Läufer, die viel zu nah an anderen Fussgängern vorbeilaufen, waren der «taz» im vergangenen April eine Polemik wert: «Der SUV unter den Fussgängern» strahle «seine optimierte Existenz hell strahlend in die Welt hinaus» und blicke auf andere herab. «Ich mache das, wozu ihr faulen Säcke euch nicht aufraffen könnt, weswegen es nur folgerichtig ist, dass ihr Hartz IV bezieht und ich mir demnächst eine Eigentumswohnung kaufen werde.»

Jugendliche Partymacher: Wer womöglich selber schon zu alt ist oder eh nie Ausgehen liebte, zeterte schon im vergangenen Frühling über Feierwütige in Parks oder «diese jungen Leute», die angeblich rücksichtslos ihrem Hedonismus frönten.

Kapitalisten: Ob skrupellose Fleischfabrikanten mit unwürdigen Arbeitsbedingungen oder Chefs, die ihre Untergebenen in Büros antanzen lassen, anstatt Homeoffice zu ermöglichen – immer wieder taucht die Wut auf Manager auf, die dem Profit mutmasslich Vorrang einräumen und nicht dem Schutz vor dem Virus. «Wir könnten viel Zeit und Nerven sparen, wenn uns die Wirtschaft einfach formlos mitteilen würde, wer konkret am Leben bleiben soll», polemisierte der Satiriker und Zero-Covid-Aktivist Leo Fischer.

Muss man denn unbedingt in den Schnee?

Masken-unter-der-Nase-Träger: Anstatt mit der Maske Mund und Nase abzudecken, ziehen viele sie herunter und tragen die Bedeckung nur unter der Nase, also bloss über dem Mund. «Dann kann man es auch gleich lassen», fällt Virologen und vielen anderen dazu nur ein.

Politiker und Kantone: Ob die Gesundheitsminister oder Bund im Allgemeinen – die von der Coronakrise angeblich überforderten Politiker in der Schweiz (aber eigentlich überall) eignen sich perfekt für alle möglichen Projektionen. So tragen die Schuld am Verlauf der zweiten Welle einerseits die Kantone, dann steht Alain Berset wiederum selbst als Sündenbock im Mittelpunkt der Schuldzuweisung. 

Des skieurs font la queue pour le teleski, en remontant sur la piste de ski afin de garder les distances, sur le domaine skiable des alpes vaudoises lors de la crise du Coronavirus (Covid-19) le samedi 16 janvier 2021 a La Lecherette pres du Col des Mosses. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
Skifahren in Coronazeiten? Auf der Suche nach einem Sündenbock ein derzeit beliebtes Opfer.
Bild: Keystone

Schlittler und Skifahrer: Rodelreue wurde von den Leuten gefordert, die Ausflüge in den Schnee machten. Viel zu viele Egoisten seien unterwegs, so eine gängige Sichtweise auf die Menschen, die raus wollten. Kann denn nicht eine Saison auf die Skitour verzichtet werden? Die sogenannten Skidioten galten vielen als Superspreader.

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