Coronavirus aus einem Labor in Wuhan? Trumps neuer Sündenbock

Von Jürgen Bätz und Jörn Petring, dpa/uri

17.4.2020 - 08:47

Das Coronavirus | Kurz erklärt

Das Coronavirus | Kurz erklärt

06.04.2020

Ein schwerer Vorwurf macht in Washington die Runde. Es klingt wie eine Verschwörungstheorie, doch selbst Trump spricht offen darüber. Für den US-Präsidenten könnte der Vorwurf – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – innenpolitisch nützlich sein.

Das Coronavirus hat global Zehntausende Menschenleben gefordert, eine verheerende Weltwirtschaftskrise ausgelöst und die betroffenen Gesellschaften schon jetzt verändert: Ist diese neuartige Plage eine üble Laune der Natur oder stammt sie vielleicht aus einem Labor der aufstrebenden Weltmacht China? Diese Frage treibt die Regierung von US-Präsident Donald Trump um. Die von dem Virus ausgelöste Wirtschaftskrise könnte Trump im November die Wiederwahl kosten, der Präsident ist sauer. Wäre da nicht ein Sündenbock praktisch, dem die Schuld zugeschoben werden kann?

Der Vorwurf

Verschiedene US-Medien haben unter Berufung auf amerikanische Geheimdiensterkenntnisse berichtet, dass das neuartige Coronavirus aus einem Forschungslabor in China stammen könnte. Der Theorie zufolge soll das Virus im Wuhan Institut für Virologie versehentlich von einem Mitarbeiter in die gleichnamige Stadt gebracht worden sein. In der Millionenmetropole hatte die Epidemie vor rund vier Monaten begonnen. Dann habe China den Ausbruch vertuscht und damit die ganze Welt einer tödlichen Pandemie ausgesetzt, so die Logik. Der «Washington Post» zufolge hatten US-Diplomaten schon vor zwei Jahren nach einem Besuch des Labors gewarnt, dass dort trotz unzureichender Sicherheitsvorkehrungen an Coronaviren geforscht werde.



Was sagt Trump dazu?

Der US-Präsident wollte die offenbar auf geheimen Dokumenten basierende Theorie am Mittwochabend (Ortszeit) nicht ausdrücklich bestätigen. Er bemühte sich aber klar, die Theorie als mögliche Erklärung am Leben zu halten. «Ich kann ihnen sagen, wir hören diese Geschichte immer öfter», sagte er auf Nachfrage eines Journalisten des konservativen Senders Fox News. Dann lobte der Präsident – der sich meist über anonyme Quellen von Reportern aufregt – ausdrücklich die Quellen des zugrundeliegenden Berichts. Zum Abschluss versprach er «eine gründliche Untersuchung dieser schrecklichen Situation».

Eine Krankenpflegerin mit Mundschutz sperrt am 15. April 2020 eine Tür im Leishenshan («Berg des Feuergottes») Not-Spital in Wuhan mit einem Band ab.
Bild: dpa

Was sagt das US-Militär?

Sowohl Verteidigungsminister Mark Esper als auch Generalstabschef Mark Milley haben unter Berufung auf Erkenntnisse der Geheimdienste erklärt, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass das Virus aus einem chinesischen Labor stamme. «Das haben wir seit einiger Zeit genau beobachtet», sagte Minister Esper am Donnerstag im Gespräch mit dem Sender NBC. Die Ergebnisse seien bislang nicht «schlüssig», weswegen ein «natürlicher» Ausbruch des Virus derzeit als wahrscheinlicher gelte. Es sei ein grosses Problem, dass China von Anfang an Dinge vertuscht habe. «Sie haben uns in die Irre geführt», sagte Esper. China müsse endlich transparenter werden, fordert er.

Was sagt China?

Peking hat den Verdacht zurückgewiesen. Aussenamtssprecher Zhao Lijian erklärte, es lägen keine Beweise vor, die dafür sprächen, dass das Virus in einem Labor hergestellt wurde oder von dort ausgetreten sei. Der Ursprung des Virus müsse von der Wissenschaft aufgeklärt werden. «Die Weltgesundheitsorganisation hat gesagt, dass es keine Beweise dafür gibt, dass es in einem Labor hergestellt wurde», so der Sprecher. «Viele renommierte medizinische Experten haben auch bestätigt, dass die Behauptung, dass das Virus aus einem Labor ausgetreten ist, keine wissenschaftliche Grundlage hat», sagte er.

Wieso verbreitet Trump die Theorie?

Trump scheint derzeit Sündenböcke zu suchen, weil er in der Krise selbst schwer unter Druck geraten ist. Der Republikaner hatte die Gefahr des Coronavirus für die USA öffentlich lange heruntergespielt. Am Dienstag schob er dann alle Schuld der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu, am Mittwoch feuerte er die Theorie mit dem Labor-Versehen erneut an. Wegen des Virus befindet sich die US-Wirtschaft im freien Fall. Innerhalb eines Monats haben zuletzt 22 Millionen Menschen ihren Job verloren. Das muss für den Präsidenten, der in gut sechs Monaten wiedergewählt werden will, ein Alptraum sein.

Trumps Argument an seine Anhänger scheint daher Folgendes zu sein: Alles lief so gut unter meiner Führung, aber dann haben mir die WHO und China einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mit anderen Worten: Der US-Präsident trägt eigentlich gar keine Schuld daran, dass sich bis Donnerstagmorgen (Ortszeit) rund 640 000 Menschen in den USA infiziert haben und mindestens 30 000 gestorben sind. Ob die Wähler ihn dafür und für die wirtschaftlichen Folgen verantwortlich machen werden, wird sich bei der Abstimmung am 3. November zeigen.

Hat Trump immer China die Schuld zugewiesen?

Im Januar und Februar – unmittelbar nach Abschluss eines grossen Handelsabkommens mit Peking – lobte Trump China immer wieder für den Umgang mit der Epidemie. In einem Tweet vom 24. Januar etwa schrieb er: «China hat sehr hart daran gearbeitet, das Coronavirus einzudämmen. Die Vereinigten Staaten wissen ihre Anstrengungen und Transparenz zu schätzen.» Im März wurde die Rhetorik ärgerlicher, er sprach immer wieder vom «Chinesischen Virus» oder dem «Wuhan Virus». Peking reagierte verärgert und sprach von einer Stigmatisierung.

Welche Rolle spielt die Rivalität der Grossmächte?

Die USA betrachten die aufstrebende Supermacht China als einen strategischen Rivalen. Der amerikanische Platzhirsch sieht sich von Chinas Ambitionen bedroht – wirtschaftlich, aber auch geostrategisch, etwa wegen Pekings wachsendem Machtanspruch in Asien. Chinas Präsident Xi Jinping will sein Land gezielt wieder zur früheren Grösse in der Welt führen. Zur Erfüllung seines «chinesischen Traums» soll unter anderem die Initiative der «neuen Seidenstrasse» (Belt and Road) den wirtschaftlichen und politischen Einfluss ausdehnen – bis hin in die Arktis. Für seine Investitionen fordert China Ergebenheit – oder zumindest stillschweigende Duldung.



Trump dürfte es zudem übel aufstossen, dass Chinas Wirtschaft jüngsten Prognosen zufolge etwas weniger unter dem dort ausgebrochenen Coronavirus leiden dürfte als die USA. In China ist die Epidemie, die in der Provinz Wuhan begann, bereits unter Kontrolle, es hält langsam wieder eine Normalisierung des öffentlichen Lebens Einzug.

Könnte das Virus gezielt produziert worden sein?

Das ist Forschern zufolge extrem unwahrscheinlich. Der Erreger Sars-CoV-2 ist ein Typ aus der seit Jahrzehnten bekannten Gruppe der Coronaviren. Diese verursachen zum Beispiel Erkältungen, manche können aber auch schwerere Erkrankungen nach sich ziehen wie etwa Sars oder Mers. Experten wissen zudem schon lange, dass diese hochvariablen Viren zwischen Tieren und vom Tier auf den Menschen überspringen können. Sie gehen davon aus, dass das Virus von einem Tiermarkt in Wuhan stammte, wo die ersten Erkrankungen auftraten.

Selbst Trumps Verbündete in konservativen US-Medien behaupten nicht, dass China das Virus als Biowaffe in die Welt gesetzt habe, sie werfen Peking Vertuschung vor. China hatte im März allerdings selbst Öl in das Feuer der Verschwörungstheoretiker gegossen. Offenbar aus Verärgerung darüber, dass Trump immer wieder vom «Chinesischen Virus» sprach, brachte ein Sprecher des Pekinger Aussenministeriums eine andere Verschwörungstheorie in Umlauf, wonach das US-Militär für den Ausbruch des neuartigen Virus verantwortlich sein könnte.

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